»Die Hungrigen und die Satten« von Timur Vermes – Wie ein Fun-Freitag im Flüchtlingsheim

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Buch und Hörbuch: »Die Hungrigen und die Satten« von Timur Vermes
Buch und Hörbuch: »Die Hungrigen und die Satten« von Timur Vermes

Das Hitler-Buch »Er ist wieder da« machte Timur Vermes zum Buchmillionär. In seinem zweiten Roman »Die Hungrigen und die Satten« lässt Vermes 300.000 Flüchtlinge nach Deutschland wandern. Das Buch strotzt vor tumben Witzen und langweiliger Flüchtlingslogistik. Da hilft auch kein schwuler CSU-Politiker.

Bis heute weiß ich nicht, warum »Er ist wieder da« solch ein Erfolg wurde. Das heißt, ich weiß es schon: Die Deutschen lieben Adolf Hitler! Hitler geht immer! Entweder mit wohlich-schauderdem Grusel bei Knopp oder Vermes oder nach Chemnitzer Art bleibt »der Führer« hierzulande im Gespräch.

Timur Vermes hatte seinerzeit die Idee durchzuspielen, was wohl wäre, würde Hitler heute plötzlich wieder erscheinen. »Er ist wieder da« bewegte sich humormäßig auf dem Niveau eines Sat.1-Fun-Freitag. Will man über das Buch etwas Gutes sagen, so war es eine »Mediensatire«, ein leicht irritierter Nazi-Opi, der seine eigene Fernsehsendung bekommt. Zu oft lacht man hier mit statt über Hitler. Endlich sagt es mal einer! Damit aber alles politisch korrekt bleibt, gab es Szenen, für die einfallslose Klappentextschreiber immer die Phrase »da bleibt einem das Lachen im Halse stecken« verwenden. Die Deutschen liebten und lieben das Buch mit dem schrullig-süßen Hitler. Und nicht nur die: Das Buch wurde in über 27 Sprachen übersetzt. Hitler geht auch weltweit immer. Christoph Maria Herbst las das Hörbuch mit rollendem Hitler-R à la Obersalzberg ein, und viele Leute beömmelten sich beim Hören. Wie komisch das doch alles ist!

Jetzt kommen »Die Hungrigen und die Satten«. Wieder greift Vermes ein Reizthema auf: Flüchtlinge. Das ist für einen 500-Seiten-Roman ganz schön gewagt, denn die tagesaktuelle Debatte könnte sich – wie auch immer – auf das Buch auswirken. Doch zunächst einmal kam auch der neue Roman an die Spitze der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Bei Bastei-Lübbe – das Buch erscheint beim Imprint »Eichborn« – hat man alles daran gesetzt, dass man das Buch allein schon äußerlich wiedererkennt, auch wenn hier Hitler-Scheitel und Hitler-Bart fehlen. Unverkennbar ein neuer Vermes. Hinweis an die vielen Radio-Sprecher: Der Name des Autors wird »Vermesch« ausgesprochen.

Vermes bleibt seinem Motto »Was wäre, wenn« treu. Und will man über »Die Hungrigen und die Satten« etwas Neutrales sagen, so ist auch dieses Buch primär eine Mediensatire, verstärkt zumindest im ersten Teil. Eine dümmlich-doofe Fernsehmoderatorin ist mit einer Scripted-Reality-Serie aus einem deutschen Flüchtlingsheim sehr erfolgreich. Um das ganze für die zweite Staffel zu toppen, schickt man sie zu einem ungleich größeren Flüchtlingslager nach Afrika in ein im Roman nicht näher bezeichnetes Land. Dort verliebt sie sich in einen schönen Flüchtling, und ob der sich in sie verliebt oder in der deutschen Fernsehmoderatorin nur die Möglichkeit für die Einreise nach Deutschland sieht, bleibt offen. Da er am Staffelende nicht einfach so mit der Geliebten nach Deutschland zurückfliegen kann, will er sich anders Zutritt in das Land verschaffen: Er nimmt einfach 150.000 andere Lagerinsassen mit und wandert mit ihnen auf dem Landweg nach Deutschland. Eine so große Menschenmasse wird sich nicht aufhalten lassen. Ganz im Gegenteil: Unterwegs schließen sich noch mehr Menschen an, sodass schließlich über 300.000 Menschen am Grenzübergang in Freilassing stehen. Ein Exodus als nicht geplantes Ende einer Fernsehserie. Die Kameras halten weiter drauf.

Neben dem Fernseh- und Medienpersonal setzt Timur Vermes noch politisches Personal ein, im Wesentlichen einen schwulen CSU-Staatssekretär und seinen Chef, den älteren, gutmütigen Bundesinnenminister aus Bayern. Natürlich denkt man an Seehofer, doch der Roman-Minister vertritt eine konträre Haltung. In einer Talkshow plädiert er dafür, die 300.000 Menschen ins Land zu lassen, da sie eine Bereicherung darstellen würden. Künftig solle der deutsche Staat sogar die Ausbildung von Fachkräften im Ausland finanzieren, damit diese Menschen später auf dem deutschen Arbeitsmarkt bessere Chancen haben. Doch dummerweise ist der Innenminister nicht mehr Innenminister, als die Flüchtlinge an der Grenze stehen.

Ist der erste Teil des Buches also noch Mediensatire mit absehbaren Gags und Klischeefiguren, so verkommt der mittlere Teil zum langweiligen Handbuch der Flüchtlingslogistik. Während Vermes in seinem ersten Buch Hitler einfach wiederauferstehen lässt, ohne uns das zu erklären, übertreibt er diesmal die Machbarkeitsstudien maßlos. Um den Leserinnen und Lesern klar zu machen, dass es durchaus organisierbar ist, dass sich 300.000 Menschen von Afrika aus zu Fuß auf den Weg nach Deutschland machen, greift er genau zu dem gleichen platten Erklärungssetting, mit dem schon Patterson/Clinton langweilten: Untergebene erzählen ihren ahnungslosen Chefs, was Sache ist – stellvertretend für Leserin und Leser. Bei Patterson/Clinton doziert ein Hacker vor Staatschefs über die Gefährlichkeit eines Computervirus’, bei Vermes sind es ein Regierungsbeamter und Fernsehleute, die ihren jeweiligen Chefs – und somit den Lesern – erklären, wie ein solcher Massenmarsch organisiert wird. Wir erfahren somit alles, von der Ernährung über die Ausscheidungen, von der Finanzierung bis zu den Geburten auf der Wanderschaft. Dem ohnehin schon zähen Humor des Buches kommt dieser hier fast gänzlich abhanden, und spätestens jetzt tritt Langeweile auf. Ein Autor muss nicht immer alles zeigen, was er recherchiert hat. Aber wo bekommt die Türkei Busse für 300.000 Menschen her? Egal, wir glauben auch, dass das machbar ist.

Noch unglaubwürdiger und zäher wird es dann am Ende, bei dem die Charaktere in die zweite Reihe treten. Schlichtweg hanebüchen uninspiriert ist der Schluss, bei dem offenbar auch der Autor nicht mehr wusste, was er mit über 300.000 Flüchtlingen vor der deutschen Grenze anfangen sollte.

Das Hörbuch in einer leicht gekürzten und überarbeiteten Version wird erneut von Christoph Maria Herbst eingelesen. Der wiederum macht seine Sache sehr gut. Die überzogen satirische Stimmlichkeit passt zumindest zu diesem Buch. Dank Herbst ist die Hörbuchfassung ungleich unterhaltsamer.

Das Buch jedoch wirkt wie ein in unglaubliche Länge gezogener Fernseh-Sketch, dem der Autor weder sprachlich noch inhaltlich gewachsen ist. Am Anfang bemüht man sich noch, das irgendwie lustig zu finden, irgendwann ist »Die Hungrigen und die Satten« aber nur noch langweilig, platt und doof.

Wolfgang Tischer

4 KOMMENTARE

  1. Ich fand schon vor fünf Jahren die Lobhudelei für »Er ist wieder da« fatal und schrieb damals:

    »Dieses Buch ist gefährlich gut. Es betreibt mit den Mitteln der Komik Verharmlosung. Es hilft, Adolf und seine braunen Schatten als Biedermänner auferstehen zu lassen. Es dient weder der Aufarbeitung der deutschen Geschichte, noch leistet es einen Beitrag, dem Wiedererwachen des Faschismus einen Riegel vorzuschieben. Im Gegenteil: Das Lachen über den »komischen« Hitler, der wieder auf die Bühne steigt (und sein Geist ist ja inzwischen tatsächlich längst wieder da) dient der Bagatellisierung eines Massenmörders und seiner Gesinnung.«

  2. Und dennoch wird sich die Kacke wie geschnitten Brot verkaufen.

    Und die halb informierten Irgendwas-mit-Medien-Fuzzis werden wieder von einer gelungenen Realsatire sülzen.

  3. Gut, ich bin nicht allein. Konnte bei “Er ist wieder da” auch nicht lachen und fühlte mich regelrecht angeödet. Das beste war das Cover. Von dem neuen Buch werde ich die Finger lassen.

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