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»Das Damengambit« von Walter Tevis – Nach der Serie den Roman davor?

»Das Damengambit« von Walter Tevis. Das Buch auf einem Schachbrett zu fotografieren, wäre ein Klischee. (Foto: literaturcafe.de)
»Das Damengambit« von Walter Tevis. Das Buch auf einem Schachbrett zu fotografieren, wäre ein Klischee. (Foto: literaturcafe.de)

Die Netflix-Produktion »Das Damengambit« wurde bei den Golden Globes als beste Mini-Serie ausgezeichnet. Plötzlich interessierten sich die Zuschauer fürs Schachspielen. Außerdem erschien fast 40 Jahre später der gleichnamige Roman, auf dem die Serie basiert, in einer deutschen Übersetzung. Lohnt sich nach der Serie die Lektüre?

Schach, Pillen und Alkohol

Der amerikanische Schriftsteller Walter Tevis schrieb den Roman »The Queen’s Gambit« im Jahre 1983. Er erzählt die Geschichte der Schachmeisterin Beth Harmon. Als Beth acht Jahre alt ist, verunglückt ihre Mutter bei einem Autounfall und Beth kommt in ein Waisenheim. Dort im Keller beobachtet sie den Hausmeister vor einem Spielbrett mit weißen und schwarzen Feldern. Beth ist fasziniert von diesem Spiel, und Hausmeister Mr. Shaibel bringt es ihr zunächst widerwillig bei. Bald schon besiegt Beth Mr. Shaibel und im Simultanspiel auch die Jungs des örtlichen Schachclubs. Beth wird zum Schachgenie, spielt sich als Frau in einem von Männern dominierten Sport nach oben, wird amerikanische Meisterin, und sie setzt mit 18 Jahren alles daran, auch den russischen Weltmeister zu schlagen.

Tevis erzählt nicht nur die Geschichte einer Schach-Besessenen. Seitdem Beth im Heim Pillen verabreicht wurden, um die Kinder ruhig zu stellen, ist sie davon abhängig, später wird der Alkohol dazukommen.

Das Plakat der Netflix-Serie aus dem Jahre 2020 zeigt daher Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy als Beth vor einem Schachbrett, auf dem zwischen den Figuren auch Fläschchen mit Alkohol und grünen Pillen stehen.

38 Jahre später kommt das Buch

Hierzulande kennt man Walter Tevis eher aufgrund der Filme, die nach seinen Büchern gedreht wurden. »Der Mann, der vom Himmel fiel« mit David Bowie in der Hauptrolle und »Die Farbe des Geldes« mit Paul Newman und Tom Cruise basieren auf Werken von Tevis. Auf Deutsch erschienen die Bücher erst nach den Filmerfolgen.

So auch bei der siebenteiligen Netflix-Miniserie »Das Damengambit«. 38 Jahre nach der Originalausgabe ist das Buch im Mai 2021 im Diogenes Verlag in der Übersetzung von Gerhard Meier auf Deutsch erschienen.

Walter Tevis starb bereits im Jahre 1984 im Alter von nur 56 Jahren an Lungenkrebs. Noch zu seinen Lebzeiten wurden die Filmrechte verkauft, doch nach mehreren Anläufen sollte es schließlich der Streaming-Anbieter Netflix sein, der aus »Das Damengambit« im Jahre 2020 eine Serie in sieben Teilen machte. In einer Vorbemerkung zum Buch bedankt sich Tevis beim Schachmeister Bruce Pandolfini, der ihn bei der Beschreibung der Spielpassagen vor Fehlern bewahrt habe. 38 Jahre später beriet Pandolfini auch das Filmteam bei der Darstellung der Spielpassagen.

Schach ist zwar ein hochspannendes Spiel, doch für Außenstehende sitzen sich die meiste Zeit zwei Menschen bewegungslos gegenüber. Daher wird in der Serie mit den Figuren oft geschlagen oder der König als Zeichen der Aufgabe aufs Spielbrett gelegt.

Schachfiguren wie tote Mäuse

Anya Taylor-Joy als Beth Harmon in der Serie (Foto:Netflix)
Anya Taylor-Joy als Beth Harmon in der Serie (Foto:Netflix)

Im Roman nehmen die Spielbeschreibungen ebenfalls einen breiten Raum ein, ohne, dass Schachpartien vollständig wiedergegeben werden. Denn die Figur der Beth Harmon mag zwar von den wenigen Schachspielerinnen im Profibereich inspiriert sein, auf einer wahren Geschichte und wahren Partien beruht der Roman jedoch nicht. Tevis findet immer wieder schöne Bilder und Vergleiche, wenn er vom »süßen Takt der Schachzüge« schreibt oder Hausmeister Shaibel »hob eine Figur mit den Fingerspitzen an, hielt sie einen Moment in der Luft, als würde er eine tote Maus am Schwanz halten, und stellte sie auf ein anderes Feld.« Jedoch ermüden in der zweiten Hälfte des Buches die ausufernden Spiel- und Strategiebeschreibungen. Stark ist das Buch, wenn Beths Besessenheit von Spiel und Drogen gezeigt wird (»Seit Jahren flirtete sie mit dem Alkohol. Es war Zeit, die Beziehung zu vertiefen.«). Tevis Sprache ist ansonsten ganz in der Tradition der amerikanischen Erzähler eher schmucklos.

Anhand einiger zeitlicher Referenzen lässt sich ermitteln, dass der Roman im Zeitraum Ende der 1950er-Jahre bis Ender der 1960er-Jahre spielt. Obwohl in den Hochzeiten des Kalten Krieges spielend und auch geschrieben, spielen politische Beschreibungen oder Dimensionen nur am Rande eine Rolle, obwohl es am Schluss um den Schachkampf USA gegen die UdSSR geht. Vielmehr thematisiert Tevis immer wieder die Wut und das Unverständnis von Beth, dass die Medien ihr Frausein betonen (»Was hatten die immer mit dem Frausein? Sie war schließlich besser als jeder männliche Spieler in Amerika. Ihr fiel die Life-Reporterin ein, mit ihren Fragen über Beth als Frau in einer Männerwelt. Zum Teufel mit ihr. Wenn Beth erst mal so weit war, würde es keine Männerwelt mehr sein.«). Beides sorgt dafür, dass der Roman zeitlos, aber auch aktuell erscheint.

»Was machst du dann mit dem Rest deines Lebens?«

Auch das Streben nach Erfolg wird immer wieder mit Bemerkungen anderer Charaktere und von Beth hinterfragt: »Wenn du mit sechzehn Weltmeister wirst, was machst du dann mit dem Rest deines Lebens?«

Im direkten Vergleich zwischen Serie und Buch fällt auf, wie eng sich einerseits die Filmemacher an die Buchvorlage gehalten haben. Eine siebenteilige Serie muss den Stoff nicht so verdichten wie 90 Minuten Film. Auf der anderen Seite wurden für den Film einige Personenkonstellationen rund um Beth verdichtet, was der Geschichte und dem Miterleben durch die Zuschauer zugutekommt. Einige der Änderungen hätten durchaus auch das Buch aufgewertet. Details sollen an dieser Stelle nicht verraten werden.

Die Serie lebt auch von ihrer Optik und den Kostümen. Walter Tevis beschreibt im Roman eher die gut sitzenden und offensichtlich aus dem Ausland importierten Anzüge der russischen Schachspieler.  Die Beth im Buch ist weniger schön als in der Serie. Zur Schachmeisterschaft in Paris träumt Beth im Buch davon, irgendwann Weltmeisterin zu sein, und sie will »sich anziehen wie die Frauen, die so selbstbewusst an ihr vorbeigingen, so schick in ihren perfekt sitzenden Kleidern«. Jedoch: »Stundenlang ging sie die Boulevards entlang, kaufte nirgends etwas, sondern sah sich nur die Menschen und die Häuser an, die Läden, die Restaurants, die Bäume, die Blumen.«

Tevis, Walter; Meier, Gerhard (Übersetzer): Das Damengambit. Gebundene Ausgabe. 2021. Diogenes. ISBN/EAN: 9783257071610. 24,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Tevis, Walter; Meier, Gerhard (Übersetzer): Das Damengambit. Kindle Ausgabe. 2021. Diogenes Verlag AG. 20,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige




Das Damengambit | Offizieller Trailer | Netflix

Das Damengambit | Offizieller Trailer | Netflix

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