Büchermachen I: Von Schwarzen Schwänen und launischen Göttern

Jeden Samstag berichtet der Lektor, Verleger und Literaturagent Vito von Eichborn über das Büchermachen. Es geht ihm nicht um Theorien, sondern um das Handwerk auf dem Weg zur »Ware Buch«. Er redet Klartext, räumt mit Vorurteilen auf – und will zum Widerspruch anregen. Und er bittet um Fragen über den Buchmarkt, um an dieser Stelle darauf einzugehen.

Eine Kolumne von Vito von Eichborn

Zum Einstieg in diese erste Kolumne hole ich ein wenig aus: Als ich bei Fischer 1973 im Lektorat anfing, statt weiter als Journalist zu arbeiten, so vor allem, weil ich auf Bleibendes durch meine Arbeit hoffte anstelle der täglichen Nachrichten von gestern im Papierkorb. Außerdem ist »das Buch« das älteste, liebenswürdigste, freieste Medium der Welt. (Journalisten füllen den Freiraum zwischen den Anzeigen.) Keine Abhängigkeiten von Werbung, Gremien, Investoren. Das reizte mich. In der Zeitung und im Sender geht ganz vieles nicht  schon gar nicht das Besondere, das Extrem. In Büchern geht alles!

Direkt oder indirekt habe ich seither einige tausend Bücher in unterschiedlichen Rollen »gemacht« – als Erfinder und Finder, als Lektor, Verleger und Agent – , wenig davon wurde »bleibend«. Denn aus den Fluten der Novitäten gibt es wenige, die auch nur einige Jahre, geschweige denn Jahrzehnte lieferbar bleiben. Meine Extreme waren »Das Kleine Arschloch«, das die Millionen verdiente, um »Die Andere Bibliothek« zu retten. Und das ist bezeichnend, weil ich mich immer sowohl im sogenannten Zeitgeist bewegte und da das Geld verdiente, um Langlebiges zu versuchen.

Hier im literaturcafe.de tauchte neulich – wie so oft – in den Kommentaren die Meinung auf, Verlage könnten mit ihrem Apparat und ihrer Kohle durch Marketing Bestseller quasi künstlich herstellen. So ein Quatsch. Georg Reuchlein, Programmchef in einem Dutzend Verlage von Randomhouse, sagte gerade in einem Interview zu seiner Pensionierung: »Bestseller sind schwarze Schwäne … – Ausnahmen, das Unvorhergesehene und Unvorhersehbare. Sie werden einem von den Göttern geschenkt – aber Götter sind launisch.«

Zum Beispiel: Lübbe bezahlte dem Agenten Meller 300.000 € Vorschuss für Timur Vernes »Er ist wieder da«. Kein anderer Verlag glaubte an dieses Buch. Der Autor und der Eichborn Verlag haben jeder damit viele Millionen verdient, es wurde in 46 Sprachen übersetzt. Unglaublich!

Eher normal ist, dass vielversprechende Autoren/Manuskripte in Auktionen gegenüber dem späteren Ergebnis maßlos überbezahlt werden. So ging es zum Beispiel mit dem großartigen Roman »Die letzte Welt« von Christoph Ransmayr in der Anderen Bibliothek. Verlage weltweit bezahlten sechsstellige Vorschüsse – und bluteten heftig. Nicht mal all diese in ihren Heimatländern führenden literarischen Häuser konnten irgendwo mit Marketing einen Bestseller draus machen; der Roman erwies sich als zu anspruchsvoll für einen ökonomischen Welterfolg. Weil Leser entscheiden. Was nichts daran ändert, dass der Autor zu den bedeutendsten deutschsprachigen Literaten gehört und all die Verlage stolz drauf sind, ihn im Programm zu haben.

Schwarze Schwäne? Von Anne Frank bis zum Kleinen Prinzen, vom Dinner for One, von dem der so liebenswürdige linke Verlag Nautilus lange lebte, bis zum Phänomen »Werner« – niemand hatte damit »gerechnet«. Aber es gibt auch andere Stories – als Verleger Keel nachts das Manuskript vom »Parfüm« gelesen hatte, schlug er es der Legende zufolge am Morgen seinem Partner auf den Kopf und sagte: »Das isses!« Es wurde einer der größten Welterfolge überhaupt.

»Die Ware Buch – von der Idee bis in die Hand des Lesers. Markt und Meinung, Macher und Methoden«, nannte ich ein Seminar, das ich einst ein paar mal im Hamburger Literaturhaus hielt. Das gibt wieder, was im Kern dieser Kolumne stehen soll. Ohne die so deutsche Trennung zwischen E und U mitzumachen, also dem Anspruchsvollen und dem Trivialen, weil ich – auch als Leser – beides mag.

Die Rede wird ausschließlich von den Gepflogenheiten im Publikumsverlag sein. Von den weiten Welten der Fachverlage und der Wissenschaft (der wissenschaftliche Springer ist einer der größten Verlagskonzerne der Welt) verstehe ich nix. Und es geht mir nicht um die Frage: Wie schreibt man? Dafür gibt’s Bücher und Seminare. Sondern um das Drumherum hinter den Kulissen. Von den tausenden Autoren mit eingeschickten Manuskripten bis hin zu den vielen Möchtegernschreibern, denen ich begegnet bin, hatten und haben die meisten keine Ahnung von den Wegen zur »Ware Buch«.

Genies brauchen nichts davon zu wissen. Aber die Handwerker unter den Autoren sollten doch eine ungefähre Ahnung haben vom Markt für ihr Produkt.

Vito von Eichborn

Vito von Eichborn, 1943 geboren, Studium, Journalist und Aussteiger, begann 1973 im Lektorat bei Fischer in Frankfurt. 1980 Gründung des Eichborn Verlags, den er 1995 freiwillig verließ: »Das war der Fehler meines Lebens.« Geschäftsführer bei Verlagen in Hamburg. Lebt seit 2007 in Bad Malente. Gründete zwischenzeitlich auf Mallorca den Verlag Vitolibro, den er mit norddeutschen Regionalia, literarischen Ausgrabungen und Kuriosa fortsetzt. Ist manchmal Agent für Autoren (»nur, wenn das Projekt marktfähig ist«), schreibt, lektoriert, entwickelt Projekte.

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7 KOMMENTARE

  1. Ob Schätzings “Schmetterling” ohne die bombastischen Marketingaktivitäten (keine Talkshow ohne Schätzing!) auch so die Bestsellerlisten hochgeflattert wäre, bezweifle ich. Insbesondere auch bezüglich des Inhalts dieses (Mach)Werks. Die Bewertungen beim großen A bestätigen meine Sichtweise. Das Buch sollte besser folgenden Titel tragen: “Die Tyrannei des Autors”

  2. Dieser Satz in den Ausführungen von Vito von Eichborn macht mich sehr traurig: “Von den tausenden Autoren mit eingeschickten Manuskripten bis hin zu den vielen Möchtegernschreibern, denen ich begegnet bin…”. Was ist denn eigentlich ein “Möchtegernschreiber”? Er oder sie oder wie auch immer schreibt ja, man will gern schreiben, dieses “Möchtegern” klingt seltsam abwertend, obwohl ja der Terminus dasselbe bedeutet wie “wollen”. Ich würde mich freuen, eure Meinungen dazu zu hören, vielleicht von anderen da draußen, die schreiben wollen, das auch tun und dennoch als “Möchtegerns” betrachtet werden

  3. @Johanna Sibera
    Dieser Satz von Herrn von Eichborn repräsentiert im Grunde genommen genau jene Ignoranz der Verlage, der sich junge und unbekannte Autoren ausgesetzt sehen. Selbst wenn man sich an alle Vorgaben bei der Einreichung eines Textes hält, von zehn Verlagen meldet sich vielleicht (in Worten: Vielleicht) einer per Formbrief zurück. Der Rest ist Schweigen. Nein, ich erwarte ausdrücklich KEINE detaillierte Begründung, ja, ich weiß, wieviele unaufgeforderte Einsendungen ein Verlag erhält und nein, eine Absage würde mich auch nicht in die Depression treiben, aber diese offen zur Schau getragene Ignoranz ist einfach nur traurig. Klar, es sind ja nur “Möchtegernschreiber”. Rundablage und weg, so einfach ist das, nicht wahr, Herr von Eichborn?

  4. Na klar ist das Möchtegern abwertend – man glaubt ja nicht, wie viele große Egos die blöden Verlage/Lektoren für ihre Inkompetenz beschimpfen. Und wieviel hemmungslose Naivität Aufmerksamkeit geradezu fordert.
    Ein Verlag ist keine Volkshochschule – es fehlt schlicht die Zeit, Absagen zu begründen. Umgekehrt: Immer mal wieder – wenn ein Autor Substanz zeigt – gehen Lektoren auf Texte ein. Häufig entstehen mühsamste Korrespondenzen – die zum Abgewöhnen führen. Warum Zeit in ein Null-Projekt investieren? Allerdings gehört sich mindestens eine Absage mit Formbrief. (Dafür hatte ich drei Versionen: Für die frechen, die hilflosen und die Vielleicht-Autoren.)
    Es gibt zwei Gründe, ein Manuskript anzunehmen: 1. pure Begeisterung. (Die kann auch gegen “den Markt” zur Veröffentlichung führen.) 2. sicheres Geldverdienen. Am liebsten natürlich beides. Im Verlag muss der Inhalt zur Ware werden. Die meisten eingesandten Manuskripte zeugen davon, dass ihre Urheber lieber was anderes machen sollten als schreiben …
    PS: Und die Fülle der gedruckten, aber erfolglosen Autoren sind dies natürlich nur, “weil der Verlag keine Werbung für mein Buch gemacht hat”.
    Im Fetisch Marketing steckt ein Thema für eine Kolumne – bis denne.

  5. Zum Marketing, das Verlage so betreiben, fällt mirallerhand aus eigenem Erleben ein. In der an sich herrlichen “Bibliothek der Provinz”, einem Verlag im niederösterreichischen Waldviertel, habe ich zwei Novellen veröffentlicht, “Kurzes Jahrhundert” und “Gartenstadtmenschen”. (Ein wenig Eigenmarketing muss hier auch erlaubt sein). Die Poeten und Autorinnen der “Bibliothek” machen nun sehr viele Lesungen im ländlichen Raum, organisieren diese teils ganz selbständig, verbinden sie auch mit anderen ruralen Ereignissen in der Gegend und verkaufen auf diese Weise beachtliche Mengen an Büchern. Für die Verlagsleitung sind das sichere Möglichkeiten des Buchabsatzes und es wird einem als Autorin dringend ans Herz gelegt, Lesungen zu veranstalten. Wenn die Möglichkeiten dazu fehlen, aus welchen Gründen immer, schaut es natürlich traurig aus. Aber noch einmal: Die “Bibliothek der Provinz” ist ein kleiner und wirklich feiner Verlag.

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