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StartseiteBuchkritiken und Tipps»Billy Summers« von Stephen King: Was ertragen Fans und Kritiker?

»Billy Summers« von Stephen King: Was ertragen Fans und Kritiker?

Der Roman »Billy Summers« von Stephen King im Bestsellerregal (Foto: literaturcafe.de)

Hat Stephen King den Roman »Billy Summers« geschrieben, um zu sehen, welchen Unsinn Fans akzeptieren und Feuilletons bejubeln, wenn simple Erwartungen bedient werden? Warum sonst hätte King eine so haarsträubende Handlung zusammenstückeln sollen? Jedoch die Figuren überzeugen.

Das Stephen-King-Experiment

Stephen King ist unsicher. Er traut sich selbst nicht mehr. Oder vielmehr: Er traut seinen Leserinnen und Lesern nicht mehr. Dabei gibt es dazu keinen Grund. King kann schreiben, was er will, immer landen seine Bücher ganz oben auf den Bestsellerlisten. Aber King ist unsicher, weil er nicht mehr weiß, ob es wirklich an der Qualität seiner Texte liegt. Oder liegt es einfach nur daran, dass auf den Büchern sein Name steht und die Leute blindlings alles von ihm kaufen? Stephen King macht daher ein Experiment: Er veröffentlicht seine Romane einfach unter Pseudonym.

Das alles geschah im Jahr 1977. Stephen Kings letzter Erfolg war damals »The Shining«, und sein neues Pseudonym lautet »Richard Bachmann«, unter dem ebenfalls 1977 der Roman »Rage« erscheint.

Liest man im Jahre 2021 Kings aktuellen 700-Seiten-Roman »Billy Summers«, gewinnt man den Eindruck, dass Stephen King erneut ausprobieren möchte, was seine Leserinnen und Leser alles aushalten und akzeptieren. Und das scheint viel zu sein! »Billy Summers« ist gleich nach Erscheinen ganz oben auf der Bestsellerliste. Und nicht nur das: Auch in den Feuilletons wird »Billy Summers« gelobt. King sei damit sogar »so politisch wie nie«.

Stephen King (Foto: Wolfgang Tischer)
Stephen King (Foto: Wolfgang Tischer)

Man könnte hoffen, dass Stephen King demnächst in einer Talkshow auftritt oder einen Artikel in der New York Times schreibt, in dem er sein Erstaunen und Erschrecken darüber Ausdruck verleiht, dass er in diesem Roman bewusst viel hanebüchenes unlogisches Zeug eingebaut hat, das man jedem Hobbyautor im Schreibseminar um die Ohren hauen würde, während Kritiker das Buch als »eines seiner besten überhaupt« bezeichnen. Geschickt, so könnte es King verkünden, habe er »Erwartungsfallen« eingebaut, auf die Leser und Kritiker wie Motten auf das Licht reagieren, während sie die Dunkelheit um sie herum gar nicht wahrnehmen.

Einfallslos verbunden

Es beginnt damit, dass wir es bei »Billy Summers« mit zwei Geschichten zu tun haben, die King mit dem einfallslosesten aller Mittel verbindet: dem Zufall. In jedem Schreibratgeber ist zu lesen, dass Zufälle die billigsten Plot-Elemente sind. In Sachen Kreativität genauso hoch angesiedelt wie eine unglaubliche Geschichte, die abrupt damit endet, dass die Protagonistin einfach aus einem Traum erwacht. Profis würden diese Mittel nie einsetzen. Selbst das, was auf die Leserin wie ein Zufall erscheinen mag, sollte in einem guten Roman oder in einem guten Film immer dahingehend aufgelöst werden, dass nichts in dieser Geschichte dem Zufall überlassen wurde.

In »Billy Summers« ist ein Mörder die Hauptperson, ein Auftragskiller, eben jener Billy Summers. Negativfiguren als Identifikationsfiguren für die Lesenden aufzubauen ist nichts Neues und spätestens durch Serien wie »Die Sopranos« oder »Breaking Bad« populär geworden. King jedoch geht das fast entschuldigend an, indem er immer und ständig betont, dass Summers nur Aufträge annehme, bei denen böse Menschen zu erschießen sind. Summers ist Scharfschütze. Das Schießen hat er bei der Armee gelernt und wenn wir schon tief in die Klischeekiste langen, dann hat Summers natürlich ein traumatisches Kriegserlebnis hinter sich. In diesem Fall ist es der Irakkrieg. Für jede Zeit bietet die amerikanische Geschichte den passenden Krieg zur maximalen Heldentraumatisierung. Das schreckliche Kriegserlebnis, die Schlacht, in der unschuldige Kinder sterben mussten, scheint das Schlimmste zu sein, was einem Mann widerfahren kann, was ihn bricht. Also rein damit in den Roman. Und bei Frauen? Sarkastisch muss man nach der King-Lektüre feststellen: Was für den Mann der Krieg, ist für die Frau die Gruppenvergewaltigung. Also auch rein damit in den Roman. Auf diese Weise muss man sich als Autor nicht so viele Gedanken machen, warum auch die weibliche Protagonistin maximal gebrochen ist. Und damit nicht genug.

Der Superschurke aus dem Hut gezaubert

Den bösen Endgegner gilt es in einem Roman gut aufzubauen, gerade dann, wenn auch die Hauptperson nicht unbedingt einer rechtschaffenen Tätigkeit nachgeht. Doch leider hat King dies in »Billy Summers« scheinbar vergessen. Als im letzten Drittel ein Superschurke aus dem Hut gezaubert werden muss, da muss dieser natürlich das absolut schlimmste Verbrechen begehen, um Leserin und Leser plump mitzuziehen und den Charakteren die Motivation für einen weiteren Rachefeldzug zu gehen. Und was wäre das? Logisch: Sex mit Kindern. Einen Kinderschänder würden wir doch sofort alle am nächsten Baum aufknüpfen wollen. Das muss als Motivation genügen. Damit dem Feuilleton diese billige Plot-Architektur nicht auffällt, ist der aus dem Hut gezauberte Superschurke irgendwie ein bisschen wie Donald Trump und ein bisschen wie Rupert Murdoch gezeichnet und man denkt auch an Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell, die minderjährige Mädchen für kriminelle sexuelle Handlungen an Reiche und Prominente vermittelt haben sollen. Und schon wird Stephen King ein »politischer Roman« unterstellt, dabei sind es nur Taschenspielertricks. Und ähnlich wie Markus Söder auf dem CSU-Parteitag billige Lacher bekommt, wenn er sich über scheinbare Auswüchse des Genderns lustig macht, baut auch Stephen King kleine Gags ein, wenn der Mörder aus Umweltgründen im Supermarkt die Plastiktüte ablehnt oder sich darüber Gedanken macht, was wohl die politisch Korrekten sagen würden, wenn er »Blackfacing« betreibt als er sich für einen Rachefeldzug mit Hilfe von Bräunungscreme als Mexikaner verkleidet.

Für Polizeieinsatzkräfte lohnt die King-Lektüre ebenfalls, denn sie lernen, wie man einen Gangster in seiner Villa am besten Hops nimmt: Schauen Sie sich den Grundriss des Gebäudes zunächst einfach in einem Immobilienportal an. Den Einsatz selbst führen Sie dann während eines Fußball- bzw. in diesem Fall während eines Footballspiels durch. Denn dann sitzen all die bösen Jungs gemeinsam in einem Raum vor dem Fernseher mit den Fingern in den Chipstüten, sodass sie ihre Waffen nicht schnell genug ziehen können. So einfach ist die Welt.

Man könnte den Unsinn, den King in »Billy Summers« gepackt hat, noch endlos fortsetzen. Nichts ist in diesem Roman logisch. Alles wird passend gemacht, wenn es der Autor passend braucht. Und überhaupt beginnt das ungute Gefühl der billigen Romandramaturgie mehr oder weniger schon auf der ersten Seite, wenn Billy Summers noch einen letzten Auftrag annimmt, um danach aus dem Business auszusteigen, und wir alle wissen, dass dieser letzte Auftrag schiefgehen wird. Aber welche brachialen Fehler Billy macht, das ist schwer auszuhalten.

Selbst in einem Buch wie »Der Anschlag« gelingt Stephen King eine Glaubhaftigkeit und Tiefe, obwohl der Roman voraussetzt, dass der Leser an Zeitreisen glauben muss.

In Billy Summers gibt es diese übersinnlichen Elemente nicht einmal. Die einzige kleine Ausnahme bildet eine Referenz an »The Shining«. Stephen King liebt es, andere seiner Werke zu referenzieren, doch hier ist diese Referenz ebenfalls allzu plump angelegt, da das Overlook Hotel durch die Verfilmung selbst Nicht-King-Lesern bekannt sein dürfte.

Warum nur ist in Billy Summers alles so platt, billig und banal?

Ist wirklich alles platt, billig und banal?

Ist wirklich alles platt, billig und banal? Nein! Was Stephen King in Billy Summers erneut meisterlich gelingt, das sind die Figurenzeichnungen. Obwohl er dramaturgisch aus unerfindlichen Gründen mit einem ganzen Baumarkt an Holzhämmern arbeitet, gelingt es ihm dennoch, seine Charaktere glaubhaft und tief zu zeichnen. Man geht mit den Figuren trotz allem eine tiefe Bindung ein. Man will wissen, wie es ihnen ergeht, man will wissen, was passiert und – wie es bei dicken Schmökern der Fall sein sollte – man bedauert, dass nach 700 Seiten schon wieder alles zu früh vorbei ist.

Und ein paar erzählerische Kniffs hat King dann doch eingebaut. Dass sich der Killer Billy Summers als falsche Identität die eines Schriftstellers zulegt, ist zwar eher ein weiterer Gag fürs Feuilleton, anspruchsvoller und schöner gearbeitet sind da schon die beiden alternativen Enden des Romans.

Ob es die erwähnte Talkshow, diesen Zeitungsartikel Kings geben wird, in dem er uns erklärt, warum er sich bei Plot, Logik und Dramaturgie keine Mühe gegeben hat? Wahrscheinlich nicht. Aber dennoch muss man sich fragen, warum Stephen King in »Billy Summers« mit den billigsten Methoden arbeitet, denn wir wissen, dass er es eigentlich besser weiß und besser kann.

Wolfgang Tischer

Stephen King; Bernhard Kleinschmidt (Übersetzung): Billy Summers: Roman. Gebundene Ausgabe. 2021. Heyne Verlag. ISBN/EAN: 9783453273597. 26,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

6 Kommentare

  1. Dieser Artikel spricht mir so aus der Seele. Endlich sagts mal einer. Dieser Roman ist fürchterlich politisch und der vorletzte war es auch. Der einzig gute von ihm war „Später“ und es ist traurig zu sehen wie seine letzten Romane verpolitisiert werden weil das ja anscheinen grade in ist.

  2. Bernd:
    Habe das Buch im Laden auf einigen Seiten angelesen, so wie ich es immer mache.
    Und dann liegen gelassen.

    Wobei ich bei einigen seiner letzten Werke schon enttäuscht war, wie bei Outlander oder Sleeping Beauties und Finderlohn.

  3. An den Haaren herbei gezogen. Es gibt unzählige Interviews in denen King angibt unter Pseudonym geschrieben zu haben, weil es zu genannten Zeiten einfach schlecht für einen Autoren aussah, zu viele Werke in einem kurzen Zeitraum zu veröffentlichen. Da er aber einen guten Lauf hatte, war ein Pseudonym der beste Weg.
    Nächstes Mal vielleicht googeln, auch wenns eigentlich zu einfach wäre.

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