
Im Literarischen Quartett vom 2. Oktober 2026 räumten Thea Dorn und Iris Radisch diesmal eine Wissenslücke ein, und eine der Kritikerinnen ließ sich von einem Schauspieler umstimmen. Im Fernsehen und im Quartett geschieht so etwas selten genug.
»Ich kannte sie nicht«, sagt Iris Radisch, »und das ist wirklich ein ganz großer Fehler.« Sie bedankt sich beim Theaterkritiker Simon Strauß, der Caroline Blackwoods Roman »Das Schicksal von Mary Rose« mitgebracht hatte. Thea Dorn schließt sich an. Auch sie habe die Autorin nicht gekannt und sei »baff, was die kann«.
Im März saß Strauß noch neben Eva Menasse, die keinen Millimeter von ihren Urteilen abrückte. Für gewöhnlich redet man im Quartett aneinander vorbei. Diesmal saßen bei Gastgeberin Thea Dorn neben Simon Strauß die Kritikerin Iris Radisch und der Schauspieler und Autor Matthias Brandt am Tisch unter der Lampe.
In Strümpfen Gehör finden
Bei Lutz Seilers »Das tickende Herz«, dem ersten besprochenen Buch des Abends, war man sich weitgehend einig. Brandt las den nach seiner Ansicht schönsten Satz aus allen vier Büchern vor: »In Strümpfen Gehör zu finden ist schwer, dachte Carl, eigentlich unmöglich.« Dorn fand die schamanischen Passagen des Romans bisweilen »zu dick« und räumte selbst ein, das sei »Kritisieren auf hohem Niveau«. Brandt hörte den anderen eine Weile zu und benannte dann den Unterschied bei der Lektüre: »Sie sind Kritiker und ich nicht.« Er lese nicht unbedingt auf ein Urteil hin.
Etwas gegensätzlicher waren die Meinungen zu George Saunders‘ »Nachtwache«, in der eine tote Sterbebegleiterin um die Seele eines Öl-Tycoons ringt. Brandt fand den Roman »wahnsinnig musikalisch« und lobte ausdrücklich den Übersetzer Frank Heibert, der diese Musikalität ins Deutsche übertragen habe. Radisch empfand dieselbe Sprache als comic-haft, eher »Vorabendprogramm«, schrieb das aber Saunders‘ Absicht zu. Strauß waren die Sprache und die »surrealen Sperenzchen« gleichermaßen »not my cup of tea«.
Während Dorn in dem Buch ein Tintoretto-Gemälde mit Engeln in allen Winkeln sah, sprach Radisch von »Computerspielen«. Als Radisch spottete, die Heldin halte eher ein Seminar in buddhistischer Sterbebegleitung, nannte Dorn das mit Blick auf den Buddhisten Saunders »unfair«. Radisch gab ihr recht.
Bitte ein Nachwort
Im wiederentdeckten Roman »Das Schicksal von Mary Rose« von Caroline Blackwood aus dem Jahre 1981 wird von einem kühlen Historiker erzählt, dessen Frau die gemeinsame Tochter nach einem Kindsmord im Dorf aus Angst einsperrt. Brandt nannte ihn einen der schlimmsten Horrorromane, die er je gelesen habe, »allerdings mit großem Genuss«.
Radisch bat die Verlage, mehr von Blackwood zu übersetzen. Strauß vermisste in der Insel-Ausgabe ein Nachwort, denn wenn niemand die Autorin kenne, brauche es eine Einordnung. Die hatte er zu Beginn daher selbst geliefert: Guinness-Erbin, nicht nur die Ehefrau von Lucian Freud, der Roman entstanden wenige Jahre nach dem Tod der ältesten Tochter.
Tatort im Theatermilieu
Als letztes Buch des Abends stellte Brandt Alain Claude Sulzers »Szenenwechsel« vor, einen Roman über die Trauerfeier für einen berühmten Regisseur, der beim Glühbirnenwechseln von der Leiter gefallen ist. Seine Lieblingsfigur sei der verwahrloste Bert, der mit Gurkenbroten und viel Alkohol nach Berlin reist. Er habe gehofft, dass der »endlich mal so eins von diesen Gurkenbroten dann tatsächlich auch isst«.
Strauß fand den Ton eher larmoyant als melancholisch und bat Brandt, es nicht persönlich zu nehmen: »Ein Tatort spielt im Theatermilieu.« Radisch stimmte zu. Das West-Berlin der Schaubühnen-Jahre werde aufbereitet »wie so ein Kantinengeschwätz«, also wer wo gespielt habe und wer mit wem verheiratet gewesen sei. Warum diese Leute für das Theater gebrannt hätten, davon spüre sie nichts.
Brandt hielt ruhig dagegen. Möglicherweise spürten die Figuren dieses Feuer selbst nicht mehr und seien nur noch mit der »Simulation dieses Feuers« beschäftigt. Radisch dachte laut nach: Dann sei es ein tief trauriges Buch. Am Ende konnte sie sich mit Brandts Lesart anfreunden.
Wolfgang Tischer
Link ins Web:
- Video: Das Literarische Quartett vom 02.10.2026 in der ZDF-Mediathek
- Audio: Das Literarische Quartett vom 02.10.2026 bei Deutschlandfunk Kultur und als Podcast
- Am 8. Oktober 2026 zeichnet das ZDF auf der Frankfurter Buchmesse eine Spezialausgabe U21 auf, unter anderem über Klaus Manns »Mephisto«. Ab 9. Oktober ist sie im Streaming-Portal zu sehen. Die nächste reguläre Ausgabe ist für den 27. November 2026 angekündigt.
Die in der Sendung vom 02.10.2026 besprochenen Bücher:
- Lutz Seiler: Das tickende Herz. Gebundene Ausgabe. 2026. Suhrkamp Verlag. ISBN/EAN: 9783518433157. 28,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- George Saunders; Frank Heibert (Übersetzung): Nachtwache. Gebundene Ausgabe. 2026. Luchterhand Literaturverlag. ISBN/EAN: 9783630877037. 24,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Caroline Blackwood; Claudia Voit (Übersetzung): Das Schicksal von Mary Rose: Roman. Gebundene Ausgabe. 2026. Insel Verlag. ISBN/EAN: 9783458646235. 24,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
- Alain Claude Sulzer: Szenenwechsel. Gebundene Ausgabe. 2026. Galiani-Berlin. ISBN/EAN: 9783869713366. 24,00 € » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

