
So richtig begann es Ende April 2026. Bei deutschen Antiquariaten gingen Bestellungen eines kanadischen Unternehmens ein. Scheinbar wahllos wurden gebrauchte Bücher gekauft, zum Teil pro Händler bis zu 1.000 Exemplare. Wer oder was steckt dahinter? Werden die Bücher zerstört, um die KI zu füttern?
Mysteriöse Bestellungen aus den USA und Kanada
Sie kamen nachts und meist nicht nur einmal. In Online-Foren berichten zahlreiche Antiquariate aus ganz Deutschland, dass Bestellungen eines kanadisch-amerikanischen Unternehmens mit dem Namen Zoom Books eingegangen seien. Von 10 oder 30 Bestellvorgängen ist bisweilen die Rede. Es wurden dutzende und manchmal hunderte gebrauchte Bücher gekauft. Zum Teil auch solche, die schon länger lagerten. Fast immer sind es Sach- oder Fachbücher, so gut wie nie Romane. Eine Kaufstrategie scheint nicht erkennbar. Die meisten, aber nicht alle der Einkäufe werden über die zu Amazon gehörende Gebrauchtbuchplattform AbeBooks getätigt, bei der die Antiquare ihre Bücher eingestellt haben.
Zunächst herrschte Ratlosigkeit unter den Gebrauchtbuchhändlern. Ein Kreditkartenbetrug wurde vermutet, doch es wurde durchaus bezahlt. Und dann meldeten sich auch Händler aus anderen europäischen Ländern. Auch dort bestellte Zoom Books scheinbar wahllos und ohne Plan Bücher. Tipps wurden gegeben, wie man die Ware am günstigsten nach Übersee verschickt. Zollfrei als Geschenk deklariert, war bei solchen Mengen nicht mehr möglich.
Was will der nordamerikanische Händler mit all den vielen nicht-englischsprachigen Büchern? Wochenlang gingen Buchbestellungen ein.
Und dann wurde für die Händler in Deutschland plötzlich eine Empfängeradresse im Landkreis Görlitz, Sachsen angegeben. Ein Sammeldienstleister übernahm offenbar den Versand nach Amerika, sodass sich die Antiquare nicht die Köpfe über die Versandkosten zerbrechen müssen, die oft höher waren als der Warenwert.
Bestellungen von und für die KI?
Dann kamen in den Foren von AbeBooks die ersten Vermutungen auf: Die Bücher werden fürs KI-Training verwendet! Anthropic, der Anbieter hinter der KI Claude, geriet in Verdacht, hinter den Bestellungen zu stehen. Auch der Meta-Konzern (Facebook, Instagram, WhatsApp) wurde als möglicher Auftraggeber vermutet. Die Einkaufsstrategie selbst scheint die KI festzulegen.
Sind die Buchbestellungen Teil des ominösen »Project Panama«? Die Washington Post berichtete erstmals im Januar 2026 über dieses Geheimprojekt von Anthropic. Dabei soll es um nichts Geringeres gehen, als alle Bücher dieser Welt destruktiv zu scannen, um damit die Large Language Models (LLM) der KI zu füttern. Anders als vor Jahren bei Google Books werden dabei die Bücher nicht aufwändig auf kleinen zeltartig angeordneten Scannerflächen erfasst, um die Werke nicht zu beschädigen. Im Gegenteil: Beim destruktiven Scannen werden die Bücher zerstört. Der Buchrücken wird abgetrennt, sodass die losen Einzelseiten schneller gescannt werden können. Anschließend wird das Papier entsorgt. Die KI frisst die Papierbücher geradezu.
Zunächst erscheint dieses Vorhaben wahnwitzig und absurd. Doch ergibt es aus Sicht der KI-Unternehmen Sinn.
Eine KI braucht gute Texte
Frühe Sprachmodelle lernten überwiegend aus Internettexten und Foren-Inhalten. OpenAIs GPT-2 etwa, 2019 erschienen und ein Vorläufer von ChatGPT, wurde vor allem mit Webseiten trainiert, die zuvor auf Reddit verlinkt worden waren. Wohin das führen kann, hatte Microsoft schon 2016 erfahren: Den Chatbot Tay schaltete der Konzern nach wenigen Stunden wieder ab, weil Nutzerinnen und Nutzer ihm über Twitter rassistische und beleidigende Sätze beigebracht hatten. Wie man in den KI-Wald hineinruft …
Es mussten bessere Texte her, damit die KI bessere Texte produziert. Ein US-Gerichtsdokument belegt, dass der Meta-Konzern fürs Training seiner KI Millionen von digitalisierten raubkopierten Büchern verwendet hat. Das US-Magazin The Atlantic recherchierte und berichtete darüber und stellte eine Datenbank online, in der man nachschauen kann, ob das eigene Buch dabei ist. Auch hier waren Texte aus aller Welt zu finden, natürlich auch deutschsprachige. Selbst kleine unbedeutende Sachbücher, die es nur als E-Book auf Amazon gibt.
Es ist nicht belegt, aber man kann davon ausgehen, dass auch andere KI-Firmen diese illegale digitale Schattenbibliothek fürs Training verwendet haben. Die juristische urheberrechtliche Bewertung ist dabei noch einmal eine ganz eigene Sache.
Doch auch diese Digitalbibliothek scheint nicht auszureichen, wenn es darum geht, hochwertigere Texte zu generieren. Wo also gibt es noch mehr Texte auf der Welt?
In gedruckten Büchern!
Eindeutige Belege, dass Zoom Books in Kanada und mit weiteren Lagerstätten in den USA als Mittelsmann für eine KI-Firma arbeitet, sind jedoch nicht zu finden.
Anleitung zum Masseneinkauf
Allerdings findet sich im Internet Archive eine Übersichtsseite von mittlerweile auf der Website von Zoom Books gelöschten Blog-Beiträgen. Einer vom März 2026 trägt den Titel: »How to Source Used Books for AI Training: A Bulk Purchasing Guide« (Wie man gebrauchte Bücher fürs KI-Training beschafft: Eine Anleitung zum Masseneinkauf). Andere Beiträge scheinen sich mit dem Masseneinkauf von Büchern in verschiedenen Ländern befasst zu haben. Leider sind nur die Überschriften der Beiträge über das Internet Archive abrufbar, die einzelnen Texte jedoch nicht.

Nach Beschwerden spanischer Antiquare hat Zoom Books die Vorwürfe bestritten: »To be unequivocally clear: Zoom Books does not digitize or destroy used or new books for the purpose of training AI models, nor for any other purpose.« (Um es unmissverständlich und klar zu sagen: Zoom Books digitalisiert oder vernichtet keine gebrauchten oder neuen Bücher, um sie für das KI-Training oder andere Zwecke zu verwenden).
Auf der Website bezeichnet sich Zoom Books als »North America’s Leading Book Recycling Company«.
Und Zoom Books kauft offenbar weiterhin weltweit gebrauchte Bücher ein. Und so eindeutig das Statement klingt, so sehr mag man sich dazudenken: Vielleicht haben sie recht, vielleicht übernimmt das Digitalisieren und Vernichten ein anderer Dienstleister.
Dass die Kanadierinnen und Kanadier plötzlich ihre Liebe zu europäischen Sprachen entdeckt haben und der Bedarf an Sachbüchern hoch ist, erscheint eher unwahrscheinlich.
Wolfgang Tischer

