
Mit der 5. Staffel ging die Netflix-Serie »Stranger Things« zu Ende. Es gab sogar eine Überraschungseier-Edition. Die Duffer-Brüder produzierten die Serie so, wie Stephen King seine Romane schreibt: Sie hatten zuvor kein Ende ausgedacht. Das erscheint konsequent bei einer Geschichte, die von Anfang an als Hommage an King konzipiert war. Sollte man selbst auch so arbeiten?
Hinweis: Dieser Beitrag enthält keine Spoiler zur Serie, aber ggf. die verlinkten Quellen.
Am Serienende von »Stranger Things« kam man nicht vorbei. Nicht mal an der Supermarktkasse. Der Marketing- und Merchandising-Aufwand war enorm. Von Ferrero gab es eine Kinder-Joy-Überraschungseier-Edition »Stranger Things« mit auf den Kopf gestelltem Schriftzug. Die 24 enthaltenen Funko-Pop-Figuren im typisch eckigen Stil haben versteckte Buchstaben, die nur unter UV-Licht sichtbar werden. Richtig angeordnet ergeben die 14 Hauptfiguren das Wort »STRANGER THINGS«.

Zum Jahreswechsel 2025/26 lief die 8. und letzte Folge der 5. Staffel. Nach 10 Jahren war die nach eigenen Angaben erfolgreichste Netflix-Serie beendet, die 2016 begann. Darin kämpft eine Gruppe von Kindern (und später Jugendlichen, denn auch die Darsteller wurden älter) im fiktiven Hawkins, Indiana, gegen übernatürliche Bedrohungen aus einer Paralleldimension. Die Serie spielt in den 1980er-Jahren und zitiert ausgiebig die Popkultur jener Zeit. Songs wie Kate Bushs »Running Up That Hill« landeten aufgrund der Serie Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung erneut in den Charts.
»Stranger Things« ist aber auch eine Liebeserklärung an die Bücher von Stephen King. Die Folgen der Serie sind als »Kapitel« übertitelt. Und offenbar arbeiten die Erfinder der Serie, die Brüder Matt und Ross Duffer, wie ihr Vorbild: sie schrieben drauflos, ohne zu wissen, wo und wie die Geschichte enden wird. Selbst bei Beginn der Dreharbeiten zur 5. Staffel war das Drehbuch zur letzten Folge noch nicht geschrieben. Niemand wusste sozusagen, was im Ü-Ei steckt.
Die Duffers und King
Im November 2025 erzählte Matt Duffer gegenüber Esquire, der ursprüngliche Pitch für »Stranger Things« sei gewesen: »Was wäre, wenn Steven Spielberg einen verschollenen Stephen-King-Roman verfilmt, den du nie gelesen hast?« Die beiden Duffers (Jahrgang 1984) wuchsen mit Kings Büchern auf. Besonders »Es« prägte sie. Ross Duffer sagte in einem Interview: »ES ist wahrscheinlich für uns beide das wichtigste Buch.«
Kinder als Außenseiter, die gemeinsam gegen Monster kämpfen – »Stranger Things« folgt diesem Plot.
Der Kleinstadtalltag kippt plötzlich ins Übernatürliche oder Surreale. Kings Bücher funktionieren oft genauso. Die Brüder versuchten sogar, Kings »ES« selbst neu zu verfilmen, bekamen aber keinen Termin bei Warner Bros. »Wir waren zuversichtlich, dass wir es schaffen könnten«, sagte Matt Duffer gegenüber Esquire. Sie schufen stattdessen ihre eigene King-Welt. Die ES-Verfilmung besorgten andere.

Stephen King bemerkte die Hommage an ihn sehr früh. Kurz nach dem Start der ersten Staffel im Juli 2016 twitterte er: »Stranger Things ist das reinste Vergnügen. Note 1+. …«. – für die Duffer-Brüder ein »Oh-my-God-Moment«, wie sie dem NPR-Moderator Ari Shapiro erzählten. In einem weiteren Tweet bezeichnete der Autor die Serie als »Steve King’s Greatest Hits.
Später entwickelte sich ein E-Mail-Austausch. »Er ist wie ein Gott für uns«, sagte Ross Duffer 2017 gegenüber The Hollywood Reporter. Im März 2021 kündigten die Duffers zusammen mit Steven Spielberg an, sie würden Kings bzw. Peter Straubs Roman »Der Talisman« für Netflix adaptieren. Doch dieses Projekt wurde nie umgesetzt.
Drehen ohne Drehbuch fürs Finale
In der Netflix-Dokumentation »One Last Adventure: The Making of Stranger Things 5«, die am 12. Januar 2026 erschien, gestanden die Duffer-Brüder etwas Ungewöhnliches: Sie begannen mit den Dreharbeiten zur finalen Episode, bevor das Drehbuch der letzten Folge fertig war.
Eine Serie mit einem Budget von fast einer halben Milliarde Dollar für die finale Staffel – und sie drehten ohne fertiges Drehbuch? Das klingt fahrlässig, hat aber einen enormen Vorteil: Niemand kann das Ende spoilern. Wie bei einem Überraschungsei, bei dem man erst nach dem Öffnen sieht, was wirklich drinsteckt.

Im »Making of« ist die Arbeit im sogenannten »Writer‘s Room« zu sehen. Das Team an Autorinnen und Autoren diskutiert und erarbeitet die Story gemeinsam in einem Raum. Die Oberaufsicht hat dabei der sogenannte »Showrunner«. Ist der Plot einer Folge festgelegt arbeitet ein Mitglied des Autoren-Teams die Folge aus. Daher haben die Folgen einer Serie oft wechselnde Drehbuchautoren.
Filmen wie King schreibt
Diese Arbeitsweise hat einen Namen: »Discovery Writing« – der Autor entdeckt die Geschichte während des Schreibens, statt sie vorher detailliert zu planen und zu plotten. In seinem Schreibratgeber »On Writing« beschreibt King, wie er Geschichten ohne genau festgelegten Handlungsablauf nur mit einer Situation und den Charakteren beginnt und dann schaut, wohin sie ihn führen.
Die Duffers betonten, dass sie natürlich eine Vorstellung vom Ende hatten. »Es ist nicht so, dass wir nicht wissen, wie das Ende aussieht. Es ist alles ausgearbeitet«, sagte Matt Duffer. »Ich muss es nur schreiben, und uns läuft die Zeit davon.«
King kennt oft auch das Ziel – den finalen Showdown, das letzte Bild. Der Weg dorthin entsteht aber erst beim Schreiben. Er vertraut darauf, dass die Charaktere ihn führen. Eine Arbeitsweise die unlängst auch der Autor Michael Köhlmeier im Podcast des literaturcafe.de beschrieb: »Wenn es mir dann nicht gelingt als Schriftsteller, spätestens nach einer Seite, dass diese Figur irgendwie mich führt und nicht ich die Figur, dann funktioniert es nicht. Die Figur erzählt mir die Geschichte.« Auch Stephen King beschreibt in »On Writing« dieses Vertrauen: dass die Charaktere den richtigen Weg weisen. Die Geschichte entwickelt sich dann von selbst.
Auf Sicht schreiben kann schief gehen
Ohne detaillierte Planung zu schreiben birgt Risiken: Manchmal führt die Geschichte in Sackgassen, Nebenfiguren entwickeln ein unerwartetes Eigenleben, der Plot verzweigt sich unkontrolliert.
King selbst hat Romane geschrieben, bei denen ihm das Ende Probleme bereitete – im literaturcafe.de wurde bereits darüber berichtet.
Beim Schreiben eines Buches lässt sich das problemlos korrigieren: Man überarbeitet, streicht Kapitel, schreibt neu. Bevor das Buch erscheint, kann der gesamte Text noch einmal durchgearbeitet werden.
Bei einer Fernsehserie geht das nicht – die frühen Staffeln sind längst ausgestrahlt, wenn das Ende geschrieben wird.
Bei »Lost« alles verloren
Die Serie »Lost« zeigt, dass das auch schiefgehen kann und die Zuschauer am Ende enttäuscht und verärgert sind. Die ABC-Serie lief von 2004 bis 2010 und begeisterte Millionen mit ihren Rätseln um gestrandete Flugzeugpassagiere auf einer mysteriösen Insel. Die verantwortlichen Showrunner Damon Lindelof und Carlton Cuse gestanden später, dass sie viele Mysterien ohne Auflösung in die Serie eingebaut hatten und hofften, später Antworten zu finden. Am Schluss griffen sie zur billigsten Lösung wie ein Anfänger im VHS-Schreibkurs: Wenn man nicht mehr weiterweiß, lässt man die Hauptfiguren aufwachen und alles war nur ein Traum. Beim Lesen oder Zuschauen fühlt man sich jedoch getäuscht. Der Inhalt des Überraschungseis wird zur Enttäuschung, Plastikschrott statt Sammelfigur.

Was beim literarischen Schreiben funktionieren kann – die Freiheit, sich treiben zu lassen – wird in der Serienproduktion riskant. Romanautoren können ihr Manuskript in die Schublade legen und von vorn beginnen oder sie aufgeben. Serienmacher nicht.
Ob es bei »Stranger Things« besser lief als bei »Lost«, darüber diskutieren die Fans seit Silvester. Einige fanden das Finale enttäuschend, andere bewegend. Im Ü-Ei war zumindest eine Sammelfigur, aber für einige nicht die erwartete.
Wolfgang Tischer
Hinweis: Dieser Beitrag wurde NICHT von Ferrero gesponsert 🙂

