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Beitrag vom 21. Januar 2010 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps, E-Books

Warten auf die Symbiose: SONY eBook-Lesegerät PRS-600 im Test

SONY PRS-600 im Test mit SpiegeldisplayLohnt es sich, im Januar 2010 noch das SONY PRS-600 eBook-Lesegerät zu besprechen, das im Oktober 2009 auf den deutschen Markt kam?

Drei Monate sind keine lange Zeit, doch das Tempo, mit dem Amazon, Microsoft, Samsung und andere fast täglich neue eBook-Reader ankündigen, können selbst ein neues Gerät schon ganz schön alt aussehen lassen.

Anderseits muss man sich fragen, wie SONY mit dem Vorgängermodell PRS-505 im Jahre 2009 in Deutschland ein neues Lesegerät für digitale Texte präsentiert, bei dem selbst die rudimentäre Suchfunktion fehlt. Da wirkt bereits die Produktpolitik veraltet.

Das PRS-600 verspricht gegenüber dem Vorgängermodell eine Suchfunktion, man soll im Text endliche Anmerkungen und Notizen erfassen können und es hat einen Touchscreen.

Zudem sind beide SONYs derzeit so gut wie die einzigen Lesegeräte, die tatsächlich in vielen Buchhandlungen und Elektronikmärkten vor Ort vorrätig sind. Daher lohnt ein Blick.

Das PRS-600 kommt wie der Bruder des PRS-505 daher. Die beiden Geräte sind gleich groß und präsentieren sich – zumindest auf dem deutschen Markt – im silbernen, soliden Alu-Look. Durch die abgerundeten Ecken wirkt das neue Modell kleiner.

Bildergalerie: Das SONY eBook-Lesegerät PRS-600

Anders als das 505er-Modell, wird beim PRS-600 keine umschlagähnliche Schutzhülle mitgeliefert, sondern ein weiches Täschchen, das sich am oberen Ende nicht vollständig verschließen lässt. Die schwarze Hülle bietet zwar einen guten Schutz, doch in der täglichen Lesepraxis ist der Kunstlederumschlag des PRS-505 praktischer. So lässt sich mit dem Umschlag das Gerät nicht nur besser und buchähnlicher halten. Stellt man beim Lesen in der S-Bahn überrascht fest, dass man den Zielort schon erreicht hat, ist die am Gerät fixierte Schutzhülle schnell zugekappt, um aus dem Zug zu springen. Das separate Täschchen des PRS-600 muss beim Lesen immer irgendwo abgelegt oder hingestopft werden. Aufgrund der identischen Größe lässt sich jedoch die Klapp-Hülle für das 600er-Modell separat erwerben.

Das 600 hat gegenüber dem 505 weniger Tasten, da die Auswahl der Bücher und die Anwahl von Menüpunkten auf dem PRS-600 mittels Touchscreen per Fingertipp erfolgt. Natürlich darf man von einem E-Ink-Display kein schnelles Reagieren oder Scrollen des Screens erwarten, doch zur Auswahl mittels Tipp und Wischgeste zum Umblättern reicht es. Mit einer virtuell auf dem Display dargestellten Tastatur kann man Textnotizen erfassen oder nach Wörtern und Textstellen suchen.

Schwächen der Software

Der Touchscreen erlaubt es auch, Textstellen zu unterstreichen oder Notizen zu erfassen. Hier muss auf den im Gehäuse untergebrachten Stylus zurückgegriffen werden, um präziser zu arbeiten. Aufgrund der Displayträgheit ist ein flüssiges Schreiben von Textanmerkungen kaum möglich. Für die Manuskriptkorrektur mittels der gebräuchlichen Korrekturzeichen eignet sich das PRS-600 daher nur bedingt.

Überhaupt offenbaren sich hier weitere Softwaredesign-Schwächen, die zeigen, dass noch vieles optimiert werden kann. Das Gerät erlaubt die Textdarstellung in fünf Größen und bricht den Text entsprechend um. Macht man Textanmerkungen, so werden diese zwar mit der zugehörigen Desktop-Software auf dem PC synchronisiert, doch können sie immer nur in der Zoomgröße betrachtet werden, in der sie auch erfasst wurden.

Technisch gesehen sind diese Anmerkungen leider kein Text, sondern Grafiken. Sie können also nicht direkt weiterverarbeitet werden. Ein Manko der Software, denn das Gerät zeigt mit einer eigenen separaten Notizfunktion durchaus, dass Textnotizen möglich sind. Diese jedoch damit zu erfassen, würde ein ständiges Hin- und Herspringen zwischen digitalem Buch und Notizblock erfordern. Wieder einmal gewinnt man den Eindruck, dass eine Lesesoftware nicht wirklich für den Anwender gestaltet wurde.

Touchscreen steht der Textdarstellung im Weg

So sinnvoll der Touchscreen ist, so sehr steht er der wichtigsten Funktion des Gerätes im Wege: dem Lesen von Texten. Durch die zusätzliche berührungsempfindliche Schicht leidet die Lesbarkeit des Textes. Besonders augenscheinlich wird dies, wenn man die beiden Geräte im direkten Vergleich betrachtet. Beim PRS-600 scheint ein leichter grauer Film über der Schrift zu liegen. Ist man das fast buchähnlich gestochen scharfe Display des PRS-505 gewohnt, so sucht man beim neuen Modell vergeblich einen Kontrastregler, mit dem man die Schrift wieder schwarz stellen kann. Erstaunlicherweise wir das Schriftbild dunkler, wenn man das Display leicht schräg von oben oder unten betrachtet.

Außerdem spiegelt das Display des PRS-600 enorm, was das Lesen in Räumen mit vielen Fenstern oder Lichtquellen und im Sonnenlicht enorm erschwert. Auch dies eine Verschlechterung gegenüber dem weitaus besser entspiegelten Display des PRS-505.

Was die Typografie der Texte angeht, so hat sich gegenüber dem PRS-505 nichts geändert. Nach wie vor wird jedes elektronische Buch in einer öden Times-Schrift dargestellt und eine automatische Worttrennung erfolgt nicht bzw. ist nicht optional aktivierbar.

Was Schnittstellen, Akkulaufzeit, integrierter MP3-Player, Übertragung der elektronischen Bücher auf das Gerät und die eBook-Preise angeht, kann ebenfalls auf den Test des Vorgängermodells verwiesen werden. Hier hat sich ebenfalls so gut wie nichts geändert.

Eine WLAN- oder Mobilfunkanbindung zur drahtlosen Übertragung der eBook-Dateien bietet auch das SONY PRS-600 nicht.

Fazit

Wer ein reines Text-Lesegerät sucht, ist mit dem Vorgängermodell SONY PRS-505 besser bedient, das mittlerweile zu einem wesentlich günstigeren Preis zu haben ist. Die Textdarstellung des PRS-600 ist aufgrund des Touchscreens merklich schlechter. Die hakelige Notizfunktion und die oft wenig nutzerfreundliche Softwareumsetzung hinterlassen den Eindruck, als würde man mit einer Betaversion arbeiten. Nach wie vor hat man das Gefühl, ein Gerät in der Hand zu halten, das bereits überholt ist.

Wer weiß, vielleicht kündigt SONY morgen schon das Nachfolgemodell für den deutschen Markt an. Bis dahin heißt es: warten auf das Symbiosegerät, das die gute Textdarstellung des PRS-505, den Touchscreen des PRS-600, eine besser durchdachte Software und eine mobile Anbindung vereint.

Positiv: Negativ:
  • Solides Gehäuse
  • Suchfunktion
  • Textanmerkungen
  • Touchscreen
  • Schlechtere Lesbarkeit gegenüber dem PRS-505 (Graufilm, Spiegelungen)
  • Mangelhafte typografische Aufbereitung von Texten
  • Schlechte Software-Ergonomie
  • Umständliche und nicht-kabellose Dateiübertragung

Nachtrag vom 25. Januar 2010:

Es ist zwar nicht das Symbiose-Gerät, das wir uns gewünscht haben, aber SONY hat in der Tat für den deutschen Markt ein weiteres Gerät angekündigt. Ab Ende Februar 2010, so ist heute in einer Pressemitteilung des Konzerns zu lesen, ist das Modell PRS-300 Pocket Edition hierzulande in Buchhandlungen und Elektronikmärkten erhältlich.

Der PRS-300 ist sozusagen der kleine Bruder des PRS-505. Das Gerät besitzt keinen Touchscreen, keinen MP3-Player und auch keinen SD-Kartenslot, über den der relativ geringe Speicher von 512 MB erweitert werden kann. Dafür ist das Gerät jedoch mit 15,8 x 10,7 Zentimeter etwas kleiner als die beiden anderen in Deutschland erhältlichen Modelle.

Mit einem angekündigten Preis von 199 Euro ist das Gerät relativ teuer. Der Anfangspreis in den USA lag bei 199 Dollar und sank dann auf 179  (umgerechnet 140 bis 127  Euro). So bleibt abzuwarten, wie hoch der tatsächliche »Straßenpreis« liegen wird.

Das in den USA bereits erhältliche Modell »Daily Edition«, das einen UMTS-Zugang anbietet, ist für Deutschland noch nicht angekündigt.

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