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Beitrag vom 30. April 2008 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Schulbuchpädagogik: Wie man ein Gedicht verhunzt

Ausschnitt aus Trainingsheft Deutschbuch 1Wer bisher in der Schule noch nicht gelernt hat, wie man ein Gedicht verhunzt, dem hilft jetzt der Cornelsen-Verlag in seinem »Deutschbuch 1 – Trainingsheft für Klassenarbeiten und Vergleichsarbeiten« gewaltig auf die Sprünge: geopfert wird dabei Christian Morgenstern:

Gruselett
Der Flügelflagel gaustert
durchs Wiruwaruwolz,
die rote Fingur plaustert,
und grausig gutzt der Goltz.

Damit soll der Schüler einer Unterstufe sich jetzt selbständig beschäftigen. Unter der Überschrift »Ein Gedicht verstehen« wird ihm Staunens- und Wissenswertes mitgeteilt, nämlich: Auch andere Autoren haben sich mit Unheimlichem beschäftigt. Hier siehst du eine Gedicht von Christian Morgenstern. Neben diesem Text sieht man ein Bild - das Gedicht sieht man nicht hier, sondern darunter, aber vor allem nutzt das Sehen nichts, denn man muss es lesen. Und danach folgen pädagogisch ausgefeilte Aufgaben:

a) Unterstreiche die sich reimenden Wörter jeweils farbig.

Sollte jetzt ein Schüler Flügelflagel oder Wiruwaru als Reim erkennen, wird er im Lösungsheft eines Besseren belehrt: Gemeint sind ausnahmslos Endreime, verlangt wurden die nie!

b) Verbinde die Verse, die sich reimen, mit Bögen neben dem Gedicht.

Warum nicht gleich? Und warum überhaupt? Warum soll ein Schüler ein Gedicht lesen und als erstes Reime sammeln? Kann man ohne Reim-Analyse mit dem Gedicht denn gar nichts anfangen? In der nächsten Aufgabe darf der Schüler dann folgerichtig ein Kästchen ankreuzen, ob Kreuz-, Paar- oder umarmender Reim.
Und da die PISA-geschädigten Kinder nach all dem geistigen Aufwand Erholung brauchen, kommt jetzt eine didaktische Aufklärung:

d) Manche Wörter in seinem »Gruselett« hat Christian Morgenstern erfunden.

Da staunen die lieben Kleinen aber! Könnte man die nicht durchstreichen, z. B. dieses durchs … Aber ganz erstaunlich: Trotzdem spürt man beim Lesen eine ganz bestimmte Stimmung. Stimmt! Vater schimpft, weil der Schüler beim Lesen so laut lachen musste. Erkläre, weshalb das Gedicht unheimlich wirkt. Irrtum: Ein schimpfender Vater ist unheimlich, aber das Gedicht? Der Schüler merkt, wie zäh und schwer Gymnasium ist: Seine Stimmung ist gar nicht gefragt, die wird ihm vorgeschrieben durch studierte literarische Analphabeten, die dem irritiert in der Lösung nachschauenden Schüler ins Stammbuch schreiben: Bereits die Überschrift weist darauf hin, dass uns das Gedicht »gruseln« soll, ebenso wie das Adjektiv »grausig«. Merket also: Die Überschrift sagt uns, was uns das Gedicht antun soll.

Und da das Maß bei Weitem noch nicht voll ist – schließlich soll das Gedicht ja komplett verhunzt werden – steht unter dem Bild noch ein farblich hervorgehobener TIPP: Lies das Gedicht laut und betont, denn auch der Klang der Wörter trägt viel zu seiner Wirkung bei. Wieso ein Klang zu seiner Wirkung beiträgt statt zu der des Gedichts bleibt ein unlösbares Rätsel dieses förchterlichen Dummfugs: Seit wann wird Grusel durch Laustärke und Betonung erzeugt? Wie wäre es mit Flüstern? Wie wäre es (AUFGABE), einen Vortrag zu gestalten? Aber nein, Vater ist eh schon sauer, und sich selbst ein Gedicht vorzutragen macht keinen Spaß, dann lieber doch gleich laut und mit der Betonung an der richtigen Stelle, so machen Gedichte Freude und der Klang trägt zu seiner Wirkung bei: Dummdadumm / da dummdadummda dummda / da dummdadummdadumm / da dummda dummda dummda / da dummda dumm da dumm.

Markus Beck, Simone Herter, Matthias Lilje, Rut Lilje, Martina Tuda, Anke Weber: Deutschbuch Gymnasium - Baden-Württemberg: Band 1: 5. Schuljahr - Klassenarbeitstrainer mit Lösungen. Taschenbuch. 2008. Cornelsen Verlag. ISBN/EAN: 9783061000240. EUR 6,50 (Bestellen bei Amazon.de)

6 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Paul Spinger schrieb am 30. April 2008 um 21:39 Uhr

    Entsetzlich! Ich dachte nicht, dass in diesem Land immer noch Bücher für den Deutschunterricht von Menschen geschrieben werden, die Gedichte, die deutsche Sprache und Kinder hassen.

  2. shuron schrieb am 4. Mai 2008 um 16:37 Uhr

    Naja naja naja… Ich kenne das nur zu gut. Die Grundschulle ist echt schlimm geworden. http://holbreich.de/2008/05/little-story-about-school-education-in-germany/

  3. Stefan schrieb am 5. Mai 2008 um 13:30 Uhr

    Aufregung schön und gut, aber das Gedicht selbst hätte mir in meiner Schulzeit schon jeden Spaß geraubt, sich damit zu beschäftigen. Toll, es ist von Morgenstern, aber ist das ein Garant für ein “gutes” Gedicht? Wahrscheinlich bin ich der Beziehung einfach nur ein Banause …

  4. Reiner Wadel schrieb am 22. Mai 2008 um 17:22 Uhr

    Also der Link zur Amazon-Seite war jetzt wirklich nicht nötig! ;-)))

  5. Norbert Tholen schrieb am 22. Januar 2009 um 16:43 Uhr

    Recht hat der Autor, oder ist eine Autorin? Die Cornelsen-Bücher sind überhaupt schluderig und mit einer derartigen didaktischen Arroganz gemacht, dass es einem schlecht werden kann. Aber Schurf ist unangreifbar: Es gibt eine Achse zwischen Cornelsen und den den Aufgabenstellungen zentraler Prüfungen in NRW (Abitur!), auf der Herr Schurf sitzt und munter in die Zukunft blickt…
    Eine Bemerkung ist allerdings unberechtigt: “Wieso ein Klang zu seiner Wirkung beiträgt statt zu der des Gedichts…” – “seiner” bezieht sich auf “Gedicht” im vorherigen Satz, ist also grammatisch korrekt.

  6. eineTypin schrieb am 22. Februar 2012 um 14:55 Uhr

    lol! (also, das Buch)

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