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Beitrag vom 22. Mai 2015 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Joachim Zelter: Wiedersehen – aber mit ohne drei Zeilen

Joachim Zelter: Wiedersehen

Joachim Zelter kann schreiben, daran besteht kein Zweifel. Ich denke dabei an den Ministerpräsidenten, der seinerzeit auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, oder an Einen Blick werfen.

Zelters Können setzt sich fort in seiner neuen Erzählung »Wiedersehen«, die er (oder der Verlag?) aus unerfindlichen Gründen Novelle genannt hat.

Wenn da in diesem kleinen Büchlein nur nicht die drei letzten Zeilen wären!

Der ehemalige Deutsch- und Lieblingslehrer Thorsten Korthausen  lädt seinen Lieblingsschüler Arnold Litten zu einem Wiedersehens-Treffen bei sich ein.

Arnold nimmt seine Freundin Anna mit und erzählt ihr auf der Hinfahrt pausenlos Anekdoten von diesem höchst ungewöhnlichen Lehrer. Da freut man sich schon  – auch als Leser – auf dieses Treffen: Ob der immer noch so ist?

Bei diesem Wiedersehen sind dann aber nicht nur Arnold und Anna zu Gast, sondern eine Heerschar von Lieblingsschülern: Nämlich alle, von denen Korthausen viel gehalten hat; jeder wird ein- und vorgeführt. Zusätzlich sind eine Menge ehemaliger und aktueller Kollegen geladen nebst einer Unzahl aktueller Schüler – schräge, bemitleidenswerte, dumpfe, lebendige oder scheintote: Ein Raritätenkabinett der Sonderklasse!

Es macht Spaß – ja: Es bereitet Freude, sich Zelters überbordender Fantasie hinzugeben, sich immer wieder überraschen zu lassen: von dem verzweifelt nach Pflaumenkuchen suchenden, deklinierenden Lateinlehrer Steimle, von dem zockenden ehemaligen Mitschüler Kühne, der sich bei allen Geld borgt, weil er eine Pechsträhne hat, oder von Arnolds Vortrag, den er halten sollte (wovon er zuvor aber nichts wusste).

Kein Zweifel: Zelter kann schreiben!

Aber wer ist für die drei letzten Zeilen verantwortlich? Der Autor? Um nachträglich zu begründen, warum er seine grandiose Erzählung Novelle genannt hat? Lektor oder Lektorin, weil sie diese letzten drei Zeilen nicht gestrichen oder den Text deswegen Novelle genannt haben?

Schade. Überflüssig. Und vor allem: Peinlich!

Lesen wir also Zelter – und streichen wir die drei letzten Zeilen im Gedanken selbst. Wir wollen sie nicht wiedersehen.

Malte Bremer

Joachim Zelter: Wiedersehen. Gebundene Ausgabe. 2015. Klöpfer & Meyer. ISBN/EAN: 9783863514006. EUR 18,00 » Bestellen bei Amazon.de
Joachim Zelter: Wiedersehen: Novelle. Kindle Edition. 2015. Klöpfer & Meyer Verlag » Herunterladen bei Amazon.de

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