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Schlingenwerfer - kleines g
von Doris Weininger

Hat es der Buchstabe als Minuskel schon von vornherein schwer,
muss er mit anderen Kleinbuchstaben um sein Plätzchen raufen,
oft kommen die Konkurrenten auch noch im Doppelpack,
sodass die doppelt »konsonantierte« Silbe scheppernd dröhnt,
dem Einzelbuchstaben wird aber keine Aufmerksamkeit gegönnt.
Vorne steht protzig die Majuskel und führt den Zug der Buchstaben
hoch erhobenen Hauptes an –
klar, diese steht wie Madonna im Scheinwerferlicht –
verflixt, aber die dahinter bemerkt man fast nicht.
Der Großbuchstabe immer der »leader of the group«,
gönnt sich nur ein Schulterzucken,
wenn die »lettere piccoli« mal wieder aufsässig knurren,
weil sie auch ein Substantiv führen wollen.

Das kleine »g«, rundlich mit Bauchansatz,
lässt sich seine gute Laune nicht vermiesen.
Es ist nicht ganz so fett wie das »o«,
nicht so ausgemergelt wie der bulemische »i«-Strich,
und nur die Hälfte eines anderen Buchstabens,
wie das »v« vom »w« zu sein,
fiele dem »g« doch nie im Traume ein.
Im Gegenteil, eigentlich ist das »g«
die kleine Schlampe vom Buchstabenstrich,
mit ihrer Unterlänge, prall und appetitlich gerundet,
fällt der Blick meist auf dieses erotische »Buchstabenknie«,
während die Kolleginnen des »g« sich im Gleichschritt
von Text zu Text quälen,
legt »g« augenzwinkernd seine Schlingen aus,
und noch ehe es sich der Großbuchstabe aus der nächsten Zeile versieht,
hat er sich in »g« verliebt.
Hoch hinaus wollte er mit seiner Serife,
doch was von ihm übrig blieb ist,
dass sein Kopf in der Schlinge des »g« hängen blieb.

? 2001 by Doris Weininger. Unerlaubte Vervielf?ltigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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