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hermann mensing - eine reise zu den äußeren hebriden

montag 09.07.

13:01 im zug nach amsterdam. dunkler himmel im westen. es ist schwül. wir sind guten mutes. orangefarbene kunstledersitze, belüftungsdüsen. brummelhuis!- wer war brummelhuis???

13:32 ausgestreckt vor den fenstern des zuges mais, wiesen, gedrungene eichenwäldchen. kunst an den trennwänden der zugabteile. von enschede nach amersfoort motive aus der natur, jetzt aus der architektur. anfahrt hilversum. sonne.

15:10 amsterdam. auf der brücke vorm bahnhof ein christlicher fundamentalist mit flustertüte aus messing. sitzen vorm victoria hotel.

16:50 warteland zwischen amsterdam und ijmuiden. hafenbecken, rote kräne, containerterminals. neben mir im bus ein nach seife riechender sehr dicker mann, dessen speckseite mich berührt. polder, aufgeschäumtes land, pipi langstrumpfs pferd auf einer weide. da hinten, ijmuiden!

17:50 am heck an deck der princess of scandinavia. wir bewohnen die kabine 5517, das schiff ist nicht neu, wie erwartet, sondern recht betag. wir haben zwei plätze für das abendessen gebucht, 1st sitting scandivanian buffet. rechterhand schwerindustrie, vor uns die nordsee, mild.

18:15 das schiff hat gedreht, der bordclown ist unterwegs und c. schlägt eine geschichte vor, in der ein bordclown einen passagier so verhöhnt, dass er weinend über bord springt.

19:15 die see wie gebauschte seide, farbe stahlblau? wir wissen es nicht.

19:38 kein land mehr. der motor. das vibrierende schiff. das spitze sirren des kassen-druckers. gläser klingeln und geschirr rappelt leicht. stimmen. raucher mit übereinander geschlagenen beinen.

21:10 das schiff hat zwei schrauben. augenblicklich läuft es 18.6 knoten (ca. 35 kmh), kann aber 27 knoten laufen. im südwesten liegt eine bohrplattform. sie tutet wie emma auf lummerland.

23:50 zwei bohrplattformen links vor uns (steuerbord? backbord?) auf einer ein in seiner intensität wechselndes auf- und absteigendes licht. das schiff läuft sehr ruhig, daran kann es also nicht liegen.

dienstag 10.07.

7:17 sahen gleich nach diesem licht noch andere lichter, die uns glauben ließen, wir zögen an der küste englands vorbei, sahen auch seevögel. verstieg mich in folgende spekulation: die lichter gehörten zu einem modernen kirmeskatapult, und eben dies stand in greater yarmouth. die see noch immer ruhig. wir wollen früstücken.

8:10 die sonne scheint, ost-nord-ost liegt ein segelboot, frau manzena, unsere kellnerin, ist sehr diskret, stolzer gang, blaues kostüm, tadellos gestärkte weiße bluse, umstreicht ihre tische, räumt ab, fragt, ob noch tee oder kaffee, sieht aus wie cameron diaz mit blauen augen.

8:53 kontinentalzeit = 7:53 englische zeit ab jetzt. land ist zu sehen. noch fern, aber nicht mehr sehr fern.

10:10 im zug nach edinburgh.

10:35 das meer ist nah. alnmouth, an der mündung der aln, weiter himmel, nicht unfreundlich, sanft gewelltes land, der weizen noch grün, weite blicke, baumgruppen, kiefern, manchmal laubbäume, vielleicht eichen, auch hecken.

10:55 berwick upon tweed. hier beginnt schottland. das dunstige meer. der station master gibt 2 x signal. beim 1sten mal zeigt er die weiße seite seiner kelle und pfeift einen doppelton. beim 2ten mal wieder die kelle. diesmal aber nur ein ton. dann steht er in der tür seines büros und kratzt mit den fingernägeln vogelscheiße von einem fenstersims.

11:55 fahren über den firth of forth nach inverness.

12:42 regenwolken über den bergen. hafer. rhythmisches schlagen. flüchtige blicke auf dem weg nach inverness.

12:55 perth. eher trostlos. zwei reihen hinter mir belegt ein fetter junger mann mehr oder weniger zwei plätze. läuft zu allen seiten davon. soll gefälligst für zwei zahlen. perth bahnhof: viel gedrechseltes. alte stationsuhr. geschnitzte eule auf einem sims. nehme an, dass sie den bahnhof bewacht.

13:09 ein schottisches reh.

13:25 pitlochry. mir schräg gegenüber ein mann anfang 20, der sich seit über einer viertel stunde hautpartikel von den nagelbetten, den fingern und den armen entfernt. macht das mit den zähnen oder den fingerspitzen, je nachdem. sitzt vorgebeugt, den kopf gesenkt, seine zunge wandert konzentriert von mundwinkel zu mundwinkel.

13:50 berge mit nichts als heide und einem schaf hier und da. nebel - wolkenverhangen die kuppen. ein loch (see), ein steiniges flussbett.

14:20 kingussie. 14:30 aviemore. birken, ein bahnhof ganz aus holz. vanille und schokoladenfarbig. aviemore: an aghaides mor. hochlandtourismus hier.

15:05 manche der berge scheinen schwarz. schneeflecken vor einer halben stunde. wir sind müde.

17:00 inverness - flowerdale bed & breakfast. züge von hier zurück nach edingburgh: 6:45 7:55 9:20 10:40 12:45 14:40 16:50

19:15 ortszeit. kathy ist unsere wirtin. sie hat einen hund, eine pudel-colli mischung. vorm haus wächst ein rosenstock. das zimmer hat eine rosafarbene relieftapete: tulpen. kathy stammt von der insel uig. sie sagt, eigentlich gäbe es dort nichts zu sehen, aber es gäbe herrliche strände, an denen niemand bade, weil es zu kalt sei. kathy (ca. 45) stammt aus einem haus ohne elektrizität, fließendes wasser, sie waren zehn zuhause, der vater war blind. sie ist herzlich. sie hat einen 15jährigen sohn aus zweiter ehe und eine tochter aus erster, eine zahnlücke zwischen den schneidezähnen, eine künstliche hüfte links, und leider pflegt sie ihre bettwäsche mit weichspüler. so viel zu kathy. - pläne? - werden morgen loch ness besuchen, dann mit dem bus nach ullapool weiterfahren und uns zur isle of lewis einschiffen.

22:15 im bett. langer spaziergang den fluss ness aufwärts, der sich dort in drei, vier seitenarme teilt, kleine inseln bildet, die durch hängebrücken verbunden sind. hohe zedern. wunderschön. nieselregen.

mittwoch 11.07.

7:37 gut also. noch zu früh.

9:00 im bus nach loch ness. tranken vorhin kaffee in der oberen etage einer bäckerei in der victorian mall, die u. a. geburtstagstorten mit dem abbild bob marleys verkauft. der raum unterm dach war schmal, lang, hoch und spitzgiebelig, ohne fenster und rundum mit brauner panele vernagelt. hinterm eingang links eine theke. mittelalte und alte menschen die gäste. der kaffee zum weinen. freundlich ist man zu uns. will wissen woher und wohin.

12:25 vom ausflug aus loch ness zurück. besuchten urquhart castle, eine ruine am see. regen, nebelfetzen, fotos von menschen mit schirmen aus aller welt.

urquhart castle

ja. zurück in inverness, wo unsere rucksäcke auf uns warten. um 13:45 fährt der bus nach ullapool. seltsames konzept: der tourist. trifft sich auf der ruine an einem see, der berühmt ist für eine massenhalluzination. graffito auf einem fels am see: didn't see nessie. und: es gibt menschen im schottenrock. bei einem spaziergang von urquhart castle nach drumlochnid machten wir bekanntschaft mit einem nachtschwarzen kräftigen stier. wollte ihn mit loch ness im hintergrund fotografieren, kriegte aber den ausschnitt nicht hin. steckte den fotoapparat wieder ein. der stier schaute uns traurig an und senkte den kopf. wäre gern fotografiert worden.

13:40 im regen reisen. das fahren übernehmen andere. schauen ist anstrengend genug. die schwarzen berge im hochland gestern, die irgendwann leuchten müssen unter blühender heide. die dichten wälder heute. fett und grün.

15:40 ullapool. norwegisch sähe das städtchen aus, sagt c.. am ende der welt ist es. die fahrt erst durch fettes weide- und getreideland. windtänze auf niedriger gerste. eichen, buchen, birken, ulmen, seen. dann hinauf in die schwarzen berge. hochmoor. nicht einmal mehr schafe weiden hier. nackter fels bricht oft durch den torf. rinnsale. bäche. wir fahren durch wolken. eine weile geht das so, dann öffnet sich ein tal, die vegetation wechselt. angekündigt wird das durch nadelholzwäldchen, oft nicht größer als ein fußballplatz, dicht aneinander gedrängte tannen. dann auch wieder wiesen und schafe, loch broom. helleres grau kündigt das meer an und ullapool. die fähre fährt los.

16:50 zwischen inseln und inselchen aufs meer hinaus, grau und ab und zu leuchtendes grau. so viel sehen in so kurzer zeit.

18:00 das schiff rollt. zum glück land in sicht. muss mich konzentrieren jetzt, um den mageninhalt nicht unkontrolliert abzugeben.

18:25 keine sekunde bin ich ohne das gefühl schrecklicher einsamkeit. es geht mir gut.

18:27 kaum in sichtweite der insel hörte das rollen des schiffes auf.

21:30 stornoway. sitzen auf der dem hafen gegenüber liegenden seite der bucht. haben fish & chips gegessen. fragte die beiden alten frauen im laden, ob ich ein foto von ihnen machen dürfe. sagten ja, stellten sich in positur, zahnlos lachend. freundliche, von schwerer arbeit gezeichnete gesichter.

die beiden alten frauen im laden

wir schwatzten und lachten. die stadt war um neunzehnhundert ein bedeutender heringshafen. die leute sind sehr religiös. sahen fünf oder sechs kirchen verschiedener glaubensgemeinschaften. meist protestantische fundamentalisten. aus einer kamen gläubige, männer und frauen. die frauen trugen seltsame hüte, dunkle und helle. unser bed & breakfast für die nach heißt hybredean guesthouse, die wirtin linda. eine dicke blonde linda. die bettdecken haben geraffte volants und blumenmuster. - beim ausatmen kondensiert unsere atemluft. manchmal läuft man durch wolken. wir glauben, wir sehen einen seehund.

22:30 im whalers rest. linda ist auch da. gegen elf spielt eine irische band: pipedown. heftiges trinken setzt ein.

23:15 die band spielt jagende keltische musik und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als mitzutrommeln, teil zu sein einer kultur, die sich nicht schämt. jedes lied könnte ich trommeln, ich wäre mitten unter ihnen, stattdessen hasse ich sie, hasse die bodenlosigkeit unseres verderbten erbes und weiß, dass es langsam besser wird, aber wenn es überstanden ist, bin ich längst tot. - trunkenbolde an unserem tisch. vorsicht!

donnerstag 12.07.

10:45 entgegen unseren erwartungen noch in stornoway, was damit zusammen hängt, dass schottische busfahrpläne nicht so einfach zu lesen - oder wir zu dumm sind. werden um sharp 12 den roten postbus nach timsgary nehmen. bis dahin sitzen wir im barandes café. ich trinke tee und esse fruitcake, c. scones, in einem hinterzimmer findet eine cd & record fair statt, aus blechern klingenden boxen kommt musik einer local band, es regnet, im hafenbecken tummeln sich seehunde, die auf fischereiabfälle warten und die köpfe drehen, wenn arbeiter in orangefarbenen overalls die pier entlang laufen. ja. und hier sind wir. wir sind guten mutes, wenngleich die local band »everybody is so wrong« singt, womit sie zweifellos Recht hat. - zurück ins whalers rest. pipedown spielte. ich tanzte ausgiebig und die trunkenbolde an unserem tisch, jungs um die zwanzig und hagelbreit, wurden schließlich handzahm. sie luden c. ein, mit ihnen haschisch zu rauchen, was sie dankend ablehnte. niemand würde einen schotten »under the table« saufen, sagte einer von ihnen, und ihn schon gar nicht, geschweige denn kiffen, was wir gern glaubten. - werden also sharp 12 aufbrechen. sind äußert gespannt, wie es da draußen ist und wie es uns gefällt. trocknen langsam nach unserem langen spaziergang durch die castle gardens zum moorigen river creed.

16:25 bail na cille. offenbar sprachlos.

16:55 rund um stornoway gibt es fichten, kiefern, rhododendron, buchen, eichen, ulmen, allerdings als kultivierte natur. keine fünf kilometer außerhalb beginnt feuchtes grasland, moor, nichts. - wir hockten im roten postbus, sharp 12, entgegen allen ankündigungen des so grundlegend anderen zeitverständnisses auf den hebriden. durch ein gitter von der fahrerkabine getrennt, sitze für 12 personen im transit. langsam jetzt. noch fehlen mir worte, denn hier, baile na cille, beginne ich atem zu holen. um sagen zu können, wie es hier ist, ist es zu früh. ich weiß, was ich sehe.

baile na cille

aber das ist längst nicht alles. ich höre: ghastly refugees from 1969 Vol. II. eine cassette unseres hausherrn richard gollin. ich sehe: ein fenster und einen dunklen berg. im raum: vier große bequeme sessel, zwei davon nachtblau und samten, die anderen sandfarben mit blumenmuster. wie das sofa. ein kamin. ein gasofen. ein flügel. zwei vitrinenschränke. darin bücher und cassetten. eine truhe mit schallplatten. ein tisch, eine baumscheibe poliert, ca. 30cm dick, eine zeder. soviel zunächst. -

18:15 c. sagt, vor der tür stünden lauter nobelkarossen.

19:00 ein jaguar, stimmt. ein volvo. ein van. habe gerade einen wettbewerb gewonnen. hatte eine von mr. gollins cassetten vol. II. eingelegt, worauf herr gollin, begann, vol. I zu suchen. er sagte, er habe das alles lange nicht mehr gehört, er wolle jetzt einen test mit mir machen, er spiele eine cassette an, danach blieben mit fünf sekunden, um den song oder die band zu erkennen. es waren die doors. mein preis war ein bier.

22:00 die speisenfolge unseres dinners: 1. verschiedene blattsalate, rote beete, erdbeeren, tomaten. 2. lachsmus. 3. lamm mit rosmarin soße, pastinaken, blumenkohl, kartoffelgratin. 4. warmer pflaumenkuchen mit pflaumensoße und sahne. 5. käseplatte. 6. obst. 7. kaffee. - unser kleines zimmer im henhaus über der weiten bucht gehört nur uns. am tisch beim dinner ein ehepaar aus aberdeen, er journalist, sie seine frau und mutter, der stutzer mit jaguar und seine äußert arrogante frau, die gefährliche blicke wirft, drei kinder um die 15, c. und ich. der journalist scheint freundlich. sprachen über die ölplatformen, laphroaigh, später über berufe. wenn es auf meinen beruf kommt, verlieren die leute immer die fassung. ach, dann müsse ich ja wohl der herr rowling von germany sein. darauf ich: i'd prefer it nice and quiet. der journalist erzählte, was alles zu sehen ist hier, wenn man nur lang genug wartet: otter zum beispiel. jetzt, sagt c., die sich gerade ein bier von unten geholt hat, juchzen sie, diese schotten.

freitag 13.07.

7:40 über der bucht. wind aus norden, frisch wie im oktober. den atlantik kann ich mit gerecktem hals sehen. vögel rufen.

8:10 habe versucht, den dem ufer der bucht bis zum offenen meer folgenden fluss zu überqueren, es war mir aber nicht recht geheuer, der sand war sehr fein und weich und das wasser tiefer als knietief, rostbraun und kalt. wenn nicht alles täuscht, verwehen die wolken nach süden. möglich, dass der tag sonnig wird.

11:25 während ich fortwährend versuche zu SEIN, ist c. ununterbrochen. das macht sie so unangreifbar.

13:50 auf der bank vorm uig community heritage center. waren seit dem frühstück unterwegs. erst in der bucht mit den kindern (freudsche fehlleistung), meinte: mit den hunden des hauses, englische shepherd dogs: lord berti und filthy mac freddy, berti und freddi. danach über eine schmale straße den schwarzen bergen entgegen, hinter denen das land murdoch beginnen könnte, in dem der schwarze fürst soundso herrscht. abstecher ins moor und zu einem wasserfall des flusses frisaigh. an der straße ist eine kleine tankstelle. außerdem gibt es dort lebensmittel, gemüse, eis, zeitungen von gestern, gas, tiefgefrorenes. die post ist auch dort. - um 14:00 findet im community center ein workshop mit der band statt, die heute abend hier spielt. - iona coimhearsnachd sgire uig = uig community centre. - was war's noch, was ich gerade sagen wollte und beim notieren von »gas« vergaß?

14:15 die jungen sprechen kaum gälisch. die jungen sind jung und wollen ein leben mit zukunft sofort, mit nike schuhen und vielleicht einem ford fiesta. - auf der fensterbank des community centre steht ein in packpapier sorgfältig eingeschlagener karton. darauf ist ein zettel mit folgender aufschrift geklebt: contribution for uig news. !!! wobei mir wieder einfällt, was ich vorhin vergaß. las es gestern in der stornoway gazette: »game boy stolen in tarbert«.

21.00 my lords, ladys and gentlemen, dinner ist being served in the dining room, if you please... - die stimme unseres hausherrn erinnert an vadim glowna. - speisenfolge: 1. gemüsecremesuppe. 2. ente mit kirschsoße, pilzgratin, kohl, kartoffeln. 3. obstsalat. 4. käse/kaffee/fruit.

samstag 14.07.

14.35 im musikzimmer. das haus ist leer. die gäste sind mit ihren autos auf der insel unterwegs, für die nächsten stunden gehört das haus uns. die hunde sind da. berti liegt mit einem tennisball im maul im sessel, freddi liegt mir zu füßen. c. macht einen mittagsschlaf. wir sind von einem langen spaziergang zurück. vorbei an valtos. wir haben eine halbinsel zur hälfte umrundet, dann einer mauer folgend überquert. fand zwei skelettierte schafsschädel. wollte eigentlich einen mitnehmen. tat es nicht.

flashback: als c. und ich gestern abend eintrittskarten für das konzert im community centre kaufen wollten, kam der leiter des centre, dem ich am nachmittag beim aufbau der bühne geholfen hatte und sagte, wir bräuchten keinen eintritt zu zahlen. he's one of the stage hands.

flashback: hatte anschließend eine stunde unterricht im bohdran spiel. die band 'daimh', die abends spielte, hatte den workshop angeboten.

fühle mich sehr wohl hier. betrachte dies als mein wohnzimmer. wähle musik aus. spiele klavier. ok also. das konzert der band war feurig, aber die turnhalle hielt die zuhörer auf ihren sitzen. sehr gute sängerin, die mir tränen in die augen trieb. der leiter des community centre bedankte sich zu ende des konzerts bei allen und sagte, thelma habe heute geburtstag und man solle ihr ein ständchen bringen. thelma war mit uns im postbus, wir hatten miteinander gesprochen, eine sehr freundliche frau, die ein paar kilometer weiter mitten im nirgendwo wohnt. thelma maciver und ihr mann. c. und ich gingen nach ende des konzerts zu ihnen und gratulierten thelma. sie freute sich riesig.

noch immer in der vergangenheit. es regnete in strömen, als wir vom centre zurück zum hotel gingen. eine leuchtende wolkenlücke am westlichen himmel. es bleibt lange hell hier oben, noch um zwölf ist es höchstens dämmrig, nicht dunkel. womit wir den samstag erreicht haben. die hunde warten darauf, mit uns spazieren zu gehen.

sprachen gestern beim essen mit dem jaguar fahrer, der am ersten abend einen eher aufschneiderisch dummen eindruck auf uns gemacht hatte, während seinen frau arrogant schien. gestern waren beide wie ausgewechselt. unsere art zu reisen schien ihnen geradezu abenteuerlich und nie wäre es ihnen in den sinn gekommen, dass man mit öffentlichen verkehrsmitteln so weit herumkommen kann. und von ullapool nach inverness? fragte er (lord haddo, wie sich später herausstellen sollte). wie kommt man von ullapool nach inverness? lord alexandre haddo und seine frau joanna. 100 hektar land. vier kinder. seine frau hat gerade eine krebserkrankung überstanden. eines ihrer kinder saß mit am tisch, ein sehr hübscher 15-jähriger, der gitarre spielt. hendrix sei sein idol, sagte er. ich riet ihm, ab und an eine gitarre anzustecken und zu zertrümmern.

speisenfolge an diesem samstagabend: 1. fischsouflet - salat. 2. schweinesteaks, zuckererbsen, möhren, gebackene kartoffeln. 3. frische himbeeren mit einer sherry-limonen creme. 4. käse, obst, kaffee.

sonntag 15.07.

17:44 auf der terrasse vorm dining room. süd-südwest mit blick über uig sands und den alten friedhof hinterm garten. meine frage, ob er nicht ungefähr so alt sei wie ich, beantwortete mr. gollin, den alle 'richard' nennen, erst gar nicht. dann, nach erneutem nachfragen, sagte er »that's not a question to ask a middle aged gentleman«. worauf ich sagte, ich hätte das aus der musik geschlossen, die er höre. »oh, the ghastly refugees of the 60's?« sagte er. »yes, i certainly liked to listen to creedence clearwater revivals version of 'i put a spell on you'.« mehr ist nicht aus ihm herauszuholen. ich schätze, das ist sein profi panzer, ohne den er seine täglichen auftritte als hausherr und ausrufer der speisenfolge nicht durchstünde. very reserved indeed. - c. sagte, es sei ihm vorhin überhaupt nicht recht gewesen, dass sie darauf bestanden habe, das tablett mit tee selbst nach draußen zu tragen, er habe das tun wollen. - durchweg sonnig heute. haben eine fast fünfstündige wanderung über die sands bis zum westlichsten punkt bei der funkstation für flugverkehr hinter uns. hatte mehr vögel erwartet. sahen basstölpel, austernfischer. hochmoor, kleine seen, rinnsale und bäche, schluchten, schäumendes meer gegen roten und grauen fels, der hier nicht in buckeln durchs moor bricht, sondern geschichtet in scharfen klippen und kanten. klarer himmel den ganzen tag. noch 53 minuten bis zum abendessen.

flashback: als wir gestern den großen weiten strand von valtos erreichten, trafen wir einen der gäste des hauses, der uns von einer uralten festung (broch) inmitten eines loch erzählte. man könne es über stepping stones erreichen, die im see lägen. wir fanden weder das broch noch das loch. mr. gollin sagte, es sei ein wenig »tricky to find«. stattdessen bergsteigen für anfänger, vor feuchtigkeit quietschender untergrund. wollgras. moor. nasse füsse.

neue gäste gestern, alle neu, bis auf den journalisten aus aberdeen und den alten professor, der letzte woche nnoch in berlin war, was er »very impressing« fand. er sei »working in the scientific fields«. sagte aber nicht was. ein weinhändler mit seiner frau, einer juristin, eine blonde, durch und durch britische ziege, bei der kein wort dessen, was sie sagt, stimmt. die englische sprache steckt voll flinker floskeln. ganze abende kann man damit bestreiten, ohne irgendetwas zu sagen. lovely.

21:30 speisenfolge: 1. hühnerpastete. 2. lachs mit soße bernaise, grüner spargel, gebackene kartoffeln, ratatuille. 3. mousse auch chocolat torte und sahne. 4. obst, käse, kaffee.

ab morgen wieder fish & chips??

montag 16.07.

8:15 ärgere mich, dass ich nicht einen der ausgebleichten schafsschädel mitgenommen habe. warten auf das frühstück. dann geht es mit dem postbus zurück nach stornoway.

12:05 der postbus fuhr keine umwege heute, hielt nur an den briefkästen, um sie zu leeren. sahen thelmas mann vorm haus. er winkte dem busfahrer. sonniges land. weiß nicht, was beeindruckender war, die hinfahrt im regen oder die rückfahrt heute. mr. gollin brachte uns zu haltestelle. als wir gestern unsere rechnung bezahlen wollten, fragte er, ob er uns gesagt habe, wie viel das zimmer kosten solle. ich sagte £ 24, c. schaute mich an, sagte ja aber er hat doch.... ich wiegelte ab. £ 29 hatte er gesagt, wusste ich wohl, aber ich hatte das gefühl, er gäbe uns eine chance, er mache seine preise nach geldbeutel, und bei einem gespräch in den tagen vorher hatte ich ihm einmal gesagt, bei unserer ankunft hätten wir das deutliche gefühl gehabt, hier mehrere gehaltsklassen zu hoch gelandet zu sein, worauf er geantwortet hatte: rich or poor, all the same. anyway. mr. gollin hatte keine einwände gegen den von mir genannten preis, fragte noch nach konsumierten bieren, whisky oder wein. wir schätzten, denn wir waren davon ausgegangen, dass er sich alles notiert. - highstreet stornoway nun, das ist meine position. 12:15 ja, mr. gollin variiert seine preise, dessen bin ich nun sicher. als wir ihm das geld gaben, sagte er »oh, if i had known you had so much money, i'd given you a much more expensive room.« - sehr distanziert dieser herr gollin. wollte sich nicht fotografieren lassen. als ich seine frau fragte, sagte sie »yes of course«. als ich ihr sagte, ihr mann weigere sich, sagte sie »i'll talk to him.« fotografierte beide. für augenblicke hatte ich das gefühl, er würde die distanz, die er durch scharfen witz um sich schafft, aufgeben. nannte mich durchweg sir. wenn er so gegen 19 uhr im musikzimmer auftauchte, in der tür stand, den blick auf niemand gerichtet und das dinner ankündigte, wirkte er wie ein butler. möglich, dass das die rolle ist, die er spielt. seine frau nennt er miss g. sie tritt kaum in kontakt mit den gästen, ist aber sehr viel zugänglicher. - c. ist in den geschäften unterwegs. reger verkehr. an der bushaltestelle heute früh hingegen weit und breit nichts. nur die stille, die überm land liegt. ein schaf ab und an. der eigene atem. - zwei frauen neben mir, in den frühen 70igern. eine dritte frau, ende 30, kommt hinzu, beugt sich vor mit gefalteten händen, nennt einen namen und sagt »she has passed....« ein »oh....« folgt von den älteren, und die junge sagt »she did brilliantly«. loslassen ist eine kunst.

12:35 da ist er wieder, der verwirrte ältere mann, den wir an unserem ersten abend in inverness sahen, dann 24 stunden später hier in stornoway. gerade lief er vorbei.

14:35 an bord auf dem weg nach ullapool. sahen einen delphin. klare sicht. ruhige fahrt.

19:15 im tandori restaurant an der großen brücke über den river ness in inverness. kathy hatte für uns den castle view room reserviert. es ist sonnig. die fahrt von ullapool hierher war in den bergen verregnet. sonne überm fluss, heulender hindi-pop, dunkelhäutige inder.

dienstag 17.07.

7:41 sonnig. im zug nach edinburgh. blühende heide auf ansonsten kargen, baumlosen hängen. wenn ich nach links schaue, ist da mein spiegelbild: der skeptische blick meines vaters. hat sich wohl entschlossen, mit mir auf reisen zu gehen.

10:40 nach perth wahrscheinlich anderer streckenverlauf. gleneagles, stirling, larbert, camelon, falkirk, grahamston. mir gegenüber ein mann mitte 40 mit bart. hat eine weile auf seinen laptop gestarrt, ihn dann weggepackt, eine schreibmappe hervor geholt, sich einen gelben kugelschreiber quer zwischen die lippen gesteckt und ist dann eingeschlafen. sein kopf sank zurück. nach einer weile löste sich der gelbe kugelschreiber aus seinem linken mundwinkel, hing halbschräg für ein paar schlafminuten, löste sich endgültig und fiel herab. der mann öffnete schlaftrunken die augen, machte hektische bewegungen mit kopf und händen, als könne er den kugelschreiber noch irgendwie halten, aber natürlich war der längst heruntergefallen. - auch lustig: die durch die gänge wankenden passagiere. oder die antwort auf die frage, warum manche junge frauen schon so dick sind: weil sie seit inverness ohne unterlass essen, darum. - industrieland jetzt. zwei große brücken links, worüber, über den firth of forth?

11:10 scottish rugby stadium. murrayfield stadium vorm bahnhof haymarket. - wachte um 4:20 auf heute früh. hell, sonnig. möwen über den dächern der stadt und in den straßen. danach nur noch leichter schlaf.

12:00 hanover hotel, edinburgh. mitten in der stadt. der bahnhof ist gleich um die ecke. modern, zweckmäßig, geschmackvoll. die frage, die noch offen ist: wie kommt das frühstück in unseren kühlschrank???

15:15 im café, eher am rande der touristenstadt edinburgh. wie aus einem guss bisher. das besichtigen des schlosses haben wir uns erspart; stattdessen im o'briens irish sandwich shop gegessen und espresso getrunken, einen fruchtsalat schnabuliert, wonach mein anflug von lebensangst jemand anderen ansprang und wir begannen, die stadt zu erkunden. landeten sehr bald in einem chicken modegeschäft, in dem ich ein längeres gespräch mit der gestylten verkäuferin führte, die mich für einen südafrikaner hielt, während c. in ruhe die auslagen checkte. das wetter spielt mit, wir sind bestens untergebracht. kaufte mir vorhin zwei glenhusky hemden in den farben des schottischen hochlandes und der heide, unseren söhnen erstanden wir portemonnaies mit appliziertem sowjetstern. somit wäre alles erledigt, der rest des tages gehört ganz und gar uns. ein vergnügen, mit c. zu reisen.

17:10 the tea room. noch immer unterwegs in dieser aus fels gemauerten stadt. aßen scones, tranken tee, sahen eine schneeweiße jaguar-stretchlimousine, aus derem hinteren fenster ein blondes, ca. 5-jähriges dickliches mädchen fröhlich winkte, während sich die übrigen schwer reichen insassen hinter verdunkelten scheiben verbargen. - wunderschöne strickwaren von den hebriden, seide und wollmischungen, milde farbe, unerschwinglich teuer.

mittwoch 18.07.

9:00 am fenster des hanover hotels. die frage, wie das frühstück in unseren kühlschrank gelangen würde, hat sich gestern abend zu unpassendster zeit geklärt. es klopfte und jemand sagte: your breakfast, sir. worauf ich »not now« antwortete und er »i'll leave it in front of your door, sir« sagte. ein bonbonieren-großer plastikkarton, darin: 1 nutrin grain strawberry-riegel, cornflakes, 1 brötchen, 2 scheiben knäckebrot, orangensaft, milch, butter, marmelade, löffel und gabel.

zu unserem essen gestern abend im howies siehe speisenfolge: hermann: 1. salad of char-grilles pears, toasted flaked almonds and mixed leaves with blue chees dressing. 2. grilled fillet of scotch salmon with red onion, port wine and tarragon dressing and dill sald. 3. red berry tartlet with lemon crème fraiche. c.: parfait of chicken livers with brandied sultana compote and rough scottish oatcakes. 2. the same. 3. crème brulee. –

das restaurant: ein langer hoher raum, angedeutet oval. unterdam dach eine bootförmige kuppel mit fenstern. auf meine frage, was dies früher gewesen sei, sagte die kellnerin, die aufbahrungshalle eines beerdigungsinstitutes für den friedhof gegenüber. wir hatten uns den friedhof am nachmittag angeschaut. gräber aus dem 18. und 19. jahrhundert. wohlhabende leute. grabkammern, die zimmern glichen, jedoch nach oben offen. das, was wir auf einem grabstein in baile na cille als verhüllte gestalt gedeutet hatten, stellte sich hier als eine mit einem tuch zur hälfte bedeckten urne heraus. - zum essen spielte ein jazz duo - bass und gitarre. hintergrundmusik zum essen. sprach mit dem gitarristen. stammt aus birmingham, war des lobes voll von edinburgh, kann vom spielen leben. spielt jeden abend, ja, es gäbe auch eine jamsession hier. ja, charlie parker sein ihm lieber als coltraine. was ich verstehe. - der stirnseite unseres tisches gegenüber sitzt eine gesellschaft, gruppiert um einen künstler, daran besteht kein zweifel. während alle aufgebritzelt sind, trägt er eine jeans und verwaschenes t-shirt. end50er, glatze, ausgeprägt ledrige, von tiefen furchen kreuz und quer gezeichnete haut, ein maler oder bildhauer. die ihn anhimmelnden, aber im grunde verachtenden adepten, seine frau, die das alles ertragen muss, ein missratener sohn, wein und gutes essen. jeder ist sein eigenes klischee.

9:52 edingburgh central station. das mit dem verreisen ist gar nicht so einfach. der kauf eines tickes von berwick upon tweed nach newcastle macht nämlich nur dann sinn, wenn der zug auch in berwick hält. tut er das nicht, könnte der schaffner auf die idee kommen, nachforderungen für die gesamte strecke edinburgh-newcastle zu stellen. warum und in welcher höhe ist mir nicht ganz klar geworden, aber ich verstand, dass diese komplizierte lage mit der privatisierung englischer bahnstrecken zu tun habe. seitdem sei nichts mehr wie früher.

13:55 newcastle. auf den ersten blick für den gemeinen touristen uninteressant. wenngleich viel schöner jugendstil an gebäuden. arbeitende menschen in billigläden. frohes proletariat. aßen für unverschämte £ 10 zwei baguettes, tranken kaffee und beobachteten einen dicklichen 30er, der zwei teenager verfolgte. er, einen burger essend, sie, immer weit genug voraus, um ihn zu verhöhnen und um sich sicher zu fühlen. dann tauchte security auf. der mann rief »grab them grab them«. worauf die security nichts tat.

16:35 eingecheckt. die obere plattform des dfds doppeldecker busses voller niederländer. haben die super luxus kabine gebucht. da stehen diener-zwerge unterm tisch. sie haben verbundene augen und ohrenstöpsel. wenn man ihre dienste in anspruch nehmen will, muss man ihnen auf den kopf schlagen.

20:25 kontinentalzeit. haben gegessen. das meer bildet weiße schaumkronen. windgeschwindigkeit 5-13 meter pro sekunde. war erst ein wenig besorgt, bin immer besorgt zu wasser, in der luft oder auf erden. sitzen am heck jetzt, meine in sich ruhende frau, die ich so liebe. die sonne scheint für uns, wir fahren ost-südost 23 grad, der abend mag kommen. hoffentlich muss ich nicht kotzen. ich hoffe auf ruhigen schlaf.

21:55 in der bar. zwei bier. die vorhänge sind zugezogen. so kann der horizont auf und ab tanzen soviel er will, wir sehen ihn nicht.

23:07 restgeld: £ 1.10

donnerstag 19.07

00:05 zwerge! wollt ihr zurück in die alte zeit, dann macht euch bei den menschen breit. sagt die fee. eine geschichte muss her. schon bin ich wieder der schreiber, der über sein hörspiel nachdenkt, dass er vor seiner abreise beiseite gelegt hat.

8:50 beim frühstück. holländer können so selbstgerecht sein. unerträglich. sie halten sich für das friedlichste volk der welt.

10:45 amsterdam. wir bitten nicht zu vergessen: wir sind nur vorübergehend hier. unsere geschichte ist nicht ruhmreich. niemand wird uns vermissen, wenn wir nicht mehr sind.

16:41 zurück

hermann mensing

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