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Karin Sutter
Der Weihnachtsbusen

PuppeHeute ist es passiert. Olaf, mein nahezu perfekter Freund hat mir, zwei Wochen vor dem heiligen Fest der Liebe, ein Weihnachtsgeschenk überreicht. In einem Feinschmeckerrestaurant, während des Desserts. Das Geschenk steckte in einem Umschlag, den Olaf sorgsam unter meine Espressotasse geschoben hatte, während ich auf der Toilette versuchte, mittels teurer Kosmetik-Produkte wieder so auszusehen, als läge mein 30ter Geburtstag keine sechs langen Jahre zurück.
     Es war ein weißer Umschlag, neutral, DIN lang, gefüttert und zugeklebt. Auf der Vorderseite erkannte ich Olafs schwungvolle Buchstaben, die wie immer ein wenig gekünstelt, zu sehr antrainiert wirkten. Blaue Tinte, trocken, nicht verwischt.
     TINA stand da, in Großbuchstaben und erklärend, darunter – diesmal in Groß- und Kleinbuchstaben – Weihnachten.
     »Für mich?«, fragte ich überflüssigerweise, als ich bei meiner Rückkehr den Umschlag entdeckte, denn außer mir saß keine Tina an unserem Tisch, und auf Anhieb fiel mir kein Grund ein, warum Olaf ein Geschenk für eine andere Frau gleichen Namens unter meine Espressotasse legen sollte. Olaf antwortete ein liebevolles »Ja, Schatz« und fügte hinzu »Dein Weihnachtsgeschenk.«
     Das wiederum hatte ich mir fast gedacht, schließlich stand das Wort Weihnachten unübersehbar auf der Karte. Patt, wir waren quitt.
     Ich sah auf meine Armbanduhr. Der Zehnte.
     »Weihnachten ist aber erst in zwei Wochen«, bemerkte ich.
     »Klar Schatz, weiß ich, aber in dem Fall ist es besser, wenn du es schon heute bekommst.«
     »Bringt das nicht Unglück?«, erkundigte ich mich. Auch eine überflüssige Frage.
     »Nein, das sagt man so bei Geburtstagen, Schatz«, antwortete Olaf. Überflüssige Antwort.
     »Nun, es hat was mit deinem Urlaub zu tun und ...« Er sah mich an. »Ach, ich möchte dir nicht verraten, was in dem Umschlag ist. Warum öffnest du ihn nicht einfach.«
     »Gute Idee«, sagte ich und drehte den schlichten Gegenstand abwägend in meinen Händen. In diesem Moment kam der Kellner an unseren Tisch und mit ihm meine Dessertbestellung – Mango-Mousse an Früchtebouquet.
     »Oh, meine Mousse!«, rief ich und legte den Umschlag beiseite. Olaf sah mich irritiert an. »Sie schmilzt!«, fügte ich erklärend hinzu.
     »Mousse schmilzt nicht«, sagte Olaf belehrend, »aber gut, essen wir erst Dessert und dann machst du das Geschenk auf.« Olaf war immer sehr verständnisvoll. Ein praktisch orientierter Mann. Ein Anwalt.
Puppe     »Hm«, ich löffelte meine Mousse mit der rechten Hand und betastete den Umschlag mit der Linken. Ich überlegte. Was hatte mein Weihnachtsgeschenk damit zu tun, ob ich Urlaub hatte oder nicht? Blitzartig kam mir die Erkenntnis. Urlaub, oh mein Gott. Olaf hatte doch wohl nicht? Oder doch? Hatte ich ihm gegenüber erwähnt, wie satt ich die Kälte und die andauernde Nässe hatte? Wie sehr ich mich nach einer Insel sehnte, eine Woche, zwei oder noch besser drei Wochen nichts als Sonne und Meer, gutes Essen, viel Schlaf, Cocktails am Strand und einen sommerlich bronzierten, gesunden Teint? Das ich mich auf die Kanaren träumte oder vielleicht besser noch, in die Karibik, auf die Seychellen oder die Fidschi-Inseln. Er hatte bestimmt ... Geld spielte schließlich für ihn keine große Rolle, seine Konten schienen gut gefüllt zu sein, zumindest vermittelte er stets diesen Eindruck. Über meinen mit Mango-Mousse gefüllten Löffel sah ich den Mann mir gegenüber an. Eine Welle der Liebe überkam mich. Ja, er war der Richtige, ich spürte es in diesem Moment ganz genau. Gut, er war nicht perfekt, weder physisch noch psychisch aber wer war das schon. Wir kannten uns bereits ein Jahr, hatten viele Gemeinsamkeiten, wir verstanden uns fast immer gut. Sein Schatz hier, Schatz da ging mir ein bisschen auf die Nerven, ebenso sein unübersehbarer Bauchansatz und die beginnende Glatze am Hinterkopf stand ihm leider auch nicht so gut. Zumal er versuchte, sie mit Haaren vom Oberkopf zu vertuschen. Er war pingelig, konnte es nicht leiden, dass ich meine Slips nicht immer sofort in den Wäschebeutel warf und er benutzte gerne zu viel Parfum. Das fand ich schade, denn so war es mir unmöglich zu sagen, ob er selbst gut roch oder nicht. Aber alles in allem gab es nicht mehr an ihm auszusetzen. Ich war immer sicher, dass seine Liste mit meinen Mängeln größer war.
     Unser Liebesleben war auch ganz OK, gut, nicht zu vergleichen mit dem besten Sex den ich je hatte, aber die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass guter Sex alleine auch nicht glücklich macht. Nein, Olaf war OK. Und vor allem heute, jetzt und hier – mit seiner Überraschung, einem romantischen Urlaub. Ich freute mich so. Was das wohl zu bedeuten hatte? Er liebte mich, so viel war klar. Und, und ... vielleicht steckte ja auch mehr dahinter als der Wunsch auf eine gemeinsame erholsame Zeit! Natürlich, die Erkenntnis traf mich wie ein Schlag, warum sollte er mir einen Urlaub spendieren! Er würde mich fragen. Oh Gott, ja. Das war nur logisch, natürlich würde er mich fragen! Die Frage schlechthin. Die Frage aller Fragen. Sie würde lauten, Tina (Schatz), möchtest du mich heiraten? Wie romantisch!
     Oh, aber auf diese Frage müsste eine Antwort folgen. Die Richtige. Was wäre die richtige Antwort? Und für wen richtig, für ihn oder für mich? War ich denn schon so weit? Ehrlich gesagt, ich hatte Zweifel. Konnten wir mit dieser Entscheidung nicht noch ein bisschen warten? Aber was, wenn er mich fragen würde. Scheiß drauf, ich würde einfach Ja sagen. Irgendwann ist der Zeitpunkt gekommen, ich war 36 und hier bot mir das Leben eine Chance. Auf eine Familie, einen fürsorglichen Mann, ein Dasein ohne existenzielle Ängste. Es war zwar ein Sprung ins kalte Wasser aber ich meinte, zumindest die Tiefe des Teiches abschätzen und handhaben zu können.
     »Schatz?«, unterbrach mich Olaf aus meinen Gedanken.
     »Ja?« Ich zuckte zusammen.
     »Erde an Schatz, Erde an Schatz!« Laut, zu laut. Das habe ich vergessen zu erwähnen, Olaf kann manchmal sehr laut sein. Das liegt vielleicht daran, dass er so groß ist. Das Pärchen am Nachbartisch schaute zu uns herüber. Die beiden schienen sehr verliebt zu sein, das war mir schon aufgefallen, als wir zu unserem Tisch begleitet wurden. Sie war in etwa in meinem Alter. Er ein wenig älter oder ein wenig jünger, das war schwer zu sagen. Beide waren leger gekleidet. Sie wirkten fröhlich. Sie sah mich für einen Moment an. Ich glaubte, eine wenig Mitleid in ihren Augen zu erkennen. Vielleicht lag das aber auch am Wein, oder am schummrigen Licht im Lokal oder an beidem. Ich sah Olaf an.
Puppe     »Wo bist du nur mit deinen Gedanken, Schatz?« Er sah auf meine Mousse. Matsch, so ein Mist.
     »Siehst du«, sagte ich, »sie schmilzt doch.« Ich legte den Löffel auf den Teller und sofort kam ein um Unauffälligkeit bemühter Kellner und nahm das Gedeck mit sich. Nun also war der Moment gekommen.
     »Dann öffne ich das jetzt« bemerkte ich und nahm den Umschlag in beide Hände. Olaf nickte und lehnte sich zurück. Seine Augenlider blinzelten dreimal rasch hintereinander, bei ihm ein typisches Anzeichen von Angespanntheit oder Unruhe. Oh Liebling, dachte ich und spürte erneut, wie mich Wellen der Liebe überkamen, du brauchst keine Angst zu haben, ich werde Ja sagen. Ich lächelte. Mit dem Daumen meiner rechten Hand öffnete ich den Umschlag. Das Geräusch des reißenden Papiers schien mir zu laut. Nervös schaute ich mich um. Der ältere Herr an dem anderen Nachbartisch sah mich an. Er lächelte. Das Pärchen war wieder mit sich selbst beschäftigt. Olaf sah mich ebenfalls an, wieder zuckten seine Lider. Ich glaubte, auf seiner Stirn ein paar kleine Schweißperlen entdeckt zu haben. So warm war es doch gar nicht im Restaurant.
     Im Umschlag befand sich eine Karte. Ich zog sie langsam heraus. Der unangenehme Geruch schlecht verarbeiteter Printprodukte stieg mir in die Nase und verdrängte die letzten Erinnerungen an Mango-Mousse. Dann lag der Inhalt des Umschlages vor mir auf dem Tisch. Eine Karte und... - bingo, ich hatte Recht gehabt. Mein Blick fiel auf Palmen, einen Strand und ein lang gestrecktes, weiß gestrichenes Gebäude. Nicht gerade die typische Ansicht einer Hotelanlage aber immerhin, die Palmen waren da, das Meer ebenfalls. Ich konnte nicht erkennen, an welchem tropischen Traumziel die Aufnahme entstanden war, aber das würde ich sicher gleich herausfinden. Oben auf der Karte stand ein verheißungsvolles »Kommen Sie und freuen Sie sich auf ...«
     »Ach Olaf«, seufzte ich, glücklich und auch ein wenig beseelt. Ich folgte schon jetzt der Anweisung der Karte und freute mich. Worauf genau? Erwartungsvoll öffnete ich sie. Und zuckte beim Anblick auf zwei wohlgeformte, nackte Brüste einer blonden Mittdreißigerin zurück. Was zum Teufel hatte der Busen dieser Frau mit meinem Urlaub zu tun? »...Ihr neues Körpergefühl!« stand gleich links neben der Abbildung. In Goldbuchstaben und englischer Schreibschrift. Das ‚l« von Körpergefühl berührte beinahe die rechte Brustwarze der Blonden. Körpergefühl? Vor lauter Schreck war ich nicht in der Lage, die Informationen von Vorder- und Innenseite zu einem Satz zusammenzufügen. Gott sei Dank schien der Grafiker der Karte mitgedacht zu haben, netterweise hatte er die gesamte Information noch einmal unterhalb des Busens zusammengefügt. Auch in Goldbuchstaben stand da: Kommen Sie und freuen Sie sich auf Ihr neues Körpergefühl!
     Ich verstand nicht. Beziehungsweise ich wollte nicht verstehen. Doch der Grafiker hatte auch das mit in seine Überlegungen einbezogen und klärte mich unbarmherzig auf: »Kommen Sie zu uns! Geben Sie sich in traumhafter Umgebung ganz ihrer Schönheit hin. Unter den Händen von erfahrenen, deutschsprachigen Ärzten können Sie sich innerhalb von nur zwei Wochen in einen neuen Menschen verwandeln. Wir arbeiten mit modernster Technik in allen Bereichen der Schönheitschirurgie. In ihrem Einzelzimmer werden sie von unserem Personal von morgens bis abends verwöhnt. Auf Wunsch auch mit lokalen Spezialitäten! Entspannen und verändern Sie sich – buchen Sie gleich heute! Brust, Bauch, Beine, Po, Gesicht – wir bieten für all Ihre Probleme die passende Lösung.
     Mein Herz setzte für einen Moment aus. Was war das? Nervös und auf Erlösung hoffend drehte ich die Karte um. Ein Fehler. Das Wort:

G U T S C H E I N

sprang mir entgegen. Natürlich auch in Goldbuchstaben. Und darunter, diesmal in Olafs Handschrift:

für Tina und ihre Brüste
(Brustvergrößerung)
zu Weihnachten,
in Liebe, Olaf

Das Blut schoss in meinen Kopf und ich fühlte mich für einen Moment schwindelig. Ich schaute zu Olaf – wieder ein kurzes Zucken seiner Lider – und dann auf meine Brüste. Was hatte das zu bedeuten? Ich musste aufstoßen, für einen Moment kam das Aroma des Mango-Mousses wieder zu mir zurück. Ich holte tief Luft. Gut Tina, mach dir nichts vor sagte ich zu mir. Die Sache war eindeutig. Unglaublich, aber eindeutig. Olaf hatte mir soeben zu Weihnachten eine Brustvergrößerung geschenkt. Das, was man aus den Medien so hört, das, worüber ich mich immer mit meinen besten Freundinnen lustig gemacht hatte – würdest du das machen lassen, nein, um Gottes Willen, nie, dieser Schönheitswahn wird uns noch alle umbringen – das also hatte mir nun der Mann zu Weihnachten geschenkt, von dem ich mir noch vor wenigen Minuten überlegt hatte, ihn zu heiraten. Mein Busen machte Anstalten, sich in der Bluse zu verstecken. Tu mir nichts, konnte ich ihn flüstern hören. Ich sah Olaf in die Augen.
     »Ist das dein Ernst?«, fragte ich ihn.
Puppe     »Tina-Schatz, die Klinik ist eine Nummer-1-Adresse!« Als ob das eine Antwort auf meine Frage wäre. »Die Frau meines Chefs, Leonie, war letztes Jahr dort und kam absolut begeistert zurück. Und du kennst ja Leonie, sie ist nicht leicht zufrieden zu stellen.« Ich ignorierte diese Bemerkung.
     »Wo ist das?«, fragte ich Olaf erstaunlich ruhig und hielt ihm die schlecht riechenden Palmen unter die Nase. Er sah mich mit stolzem Blick an.
     »Cayman Island«, flüsterte er ehrfürchtig und fügte hinzu, »vor ein paar Jahren hätte ich mir das noch nicht leisten können.«
     Er war stolz. Er hatte es geschafft, war in der Liga der Wichtigen aufgenommen, verdiente genug, er konnte es sich leisten, seine Freundin – wohlgemerkt, nicht einmal Verlobte – auf die Caymans zu schicken, damit diese sich dort einen seinem Stellenwert entsprechenden Busen schneidern ließ. Schöne Idee. Aber nicht mit mir.
     »Dir gefällt also mein Busen nicht«, stellte ich fest.
     »Doch, schon, klar gefällt mir dein Busen«, sagte Olaf
     »Warum möchtest du ihn dann anders haben?«
     »Nun, er ist klein.«
     »Klein.« wiederholte ich. War das eine Erklärung?
     »Ja«, sagte Olaf, »klein«.
     »Darf ich das noch einmal rezitieren?« Ich erinnerte mich an ein Rhetorikseminar und den Ratschlag der Referentin, in schwierigen Situationen auf die Technik des kontrollierten Dialoges zurück zu greifen. Das hier schien mir eine schwierige Situation zu sein. »Dir gefällt mein Busen zwar, aber weil er klein ist, möchtest du, dass ich ihn ändere.«
     »Für dich Schatz und damit er perfekt ist«, sagte Olaf mit Betonung auf das Wort perfekt. »Noch perfekter«, fügte er hinzu und versuchte über den Tisch hinweg meine Hand zu streicheln.
     »Einen Superbusen also.« Olaf schaute nervös nach rechts und links. Das mit dem Superbusen war lauter als beabsichtigt über meine Lippen gekommen.
     »So vielleicht?«, fragte ich, noch ein wenig lauter und hob gleichzeitig mit beiden Händen meine Brüste an. Die anderen Gäste sahen zu uns herüber.
     »Tina, bitte. Wenn dir das Geschenk nicht gefällt, können wir ja darüber reden.«
     »Darüber reden!«, rief ich. Ich ließ meinen Busen wieder los und betrachtete ihn erneut. Meiner Ansicht nach machte er sich ausgesprochen gut in dem extra für diesen Anlass gekauftem, tief ausgeschnittenem Oberteil. Ich wusste natürlich, dass es Männer gab, die mit einem kleinen Busen wenig anfangen konnten. Aber ich war immer davon ausgegangen, dass solche Männer an mir vorbeilaufen würden. Männer, die für große Busen schwärmen sind mit Frauen zusammen die große Brüste haben. Andere Männer mögen kleine Brüste. So ist es. Ein kleiner Busen ist nichts, was man verstecken müsste. Und schon gar nicht, wenn er so schön wie meiner war. Mit nahezu perfekter Symmetrie. Dass daran die Schönheit einer Brust gemessen werden konnte, habe ich einst in einer Zeitung gelesen. Symmetrie ist es nämlich, die über schön oder nicht schön sein entscheidet. Deshalb wird Leo di Caprio für schön gehalten, sein Gesicht ist nahezu perfekt symmetrisch. Das ist bei mir nicht der Fall, mein linker Mundwinkel, ach was, meine gesamte linke Gesichtshälfte hängt ein wenig nach unten. Gemessen an der Rechten. Da ich viel lache fällt das aber nur den wenigsten Menschen auf. Außerdem ist das bei fast allen Leuten so, außer eben bei Leo. Mein Busen aber ist symmetrisch. Hier kommt es auf drei Größen an – gemessen wird der Abstand vom Hals zur rechten Brustwarze, von Brustwarze zu Brustwarze und von der linken Brustwarze wieder zum Hals. Je ähnlicher sich diese Strecken sind, desto schöner der Gesamteindruck. Mathematisch gesehen eine einfache Gleichung. Ich - ich habe zwei absolut identische Strecken von 20 cm Hals zur jeweiligen Brustwarze und 21 cm zwischen den beiden. Nahezu perfekte Symmetrie also. Nein, mir gefiel mein Busen, die Vorstellung hingegen, ihn mit Silikon zu füllen und durch Operationsnarben zu entstellen, überhaupt nicht. Ich stand auf und ging zum Nebentisch mit dem älteren Ehepaar. Von Olaf hörte ich noch ein »Tina, was machst du?«
Puppe     »Entschuldigen Sie,« sagte ich an den Herren gewandt, »ich habe das Gefühl, sie starren schon den ganzen Abend auf meinen Busen. Tun sie das, weil er Ihnen gefällt oder weil Sie finden, dass er zu klein ist?«
     Der Mann schaute mich an, ohne etwas zu sagen. Seine Gattin hüstelte. Im Restaurant war es seltsam still geworden. Olaf stand auf und zog an meinem Ellenbogen.
     »Um Gottes Willen Tina, beruhige dich!« Ich aber beruhigte mich nicht. Ich war wütend, hatte zu viel Wein getrunken und war das erste Mal in so einer Situation. Mir fehlte es an einer gewissen Souveränität. Ich wandte mich an das mir mittlerweile zugewandte Publikum des Restaurants, fast alle Blicke waren auf mich gerichtet.
     »Dieser Mann hier«, rief ich, »hat mir soeben einen neuen Busen geschenkt! Zu Weihnachten! Und ich muss nicht zu Dr. Schmidt um die Ecke, nein, ich darf auf die Caymans! Was halten Sie davon!« Ich starrte in die Runde. Olaf hatte sich wieder gesetzt und betrachtete seine perfekt manikürten Fingernägel. Niemand antwortete auf meine Frage. Der Oberkellner kam auf mich zu.
     »Madame«, sagte er zu mir mit leicht französischem Akzent, »bitte stören sie unsere Gäste nicht.« Der Mistkerl, ich habe genau gesehen wie er mir dabei auf den Busen gestarrt hat.
     »Sie finden es also auch«, sagte ich.
     »Was?«, fragte er mich.
     »Das mein Busen zu klein ist!«
     »Madame, ich habe keine Meinung zu den Brüsten unserer Kundinnen. Ich bitte sie nur, unsere Gäste nicht beim Essen zu stören. Die meisten sind doch hier, weil sie einen schönen und ruhigen Abend verbringen möchten.« Irgendwie beruhigten mich seine Worte. Es war ohnehin alles klar.
     »Okay«, sagte ich, nahm meine Tasche vom Tisch, den Gutschein – als Andenken an Olaf – und bat den Oberkellner, mir meinen Mantel zu bringen. Er begleitete mich. Olaf blieb sitzen. Als ich schon beinahe am Ausgang war, berührte mich die Hand des Oberkellners sanft an der Schulter. Ich drehte mich um.
     »Madame«, sagte er zu mir, »ich habe aber eine persönliche Meinung.«
     »Ja?«, fragte ich.
     »Ich finde ihn wunderschön«, sagte er und lächelte. Das war ehrlich.
     »Danke,« sagte ich«, gab ihm einen Kuss auf die Wange und trat hinaus in die Winterkälte.
     Zuhause angekommen beschloss ich, noch ein Glas Weißwein zu trinken. Es war spät, Freundinnen und Freunde konnte ich heute nicht mehr erreichen. Ich zog mich aus, nahm mein Glas und stellte mich vor den großen Spiegel im Badezimmer. Fröhlich blinzelte mich mein Busen an. Gut, vor zehn, fünfzehn Jahren war er straffer gewesen, keine Frage. Trotzdem hing er nicht, kein bisschen. Er war klein und fest. Rund, weich, genau Handtellergroß, außer, man hatte extrem große Hände, dann würde er vielleicht in einer Hand verschwinden. Ich zog einen BH an. Schwarz, mit Spitzen. Einer, der Olaf immer gut gefallen hatte. So gut, dass er nie wollte, dass ich ihn auszog. Vielleicht weil er meinen Busen nicht ertragen konnte? überlegte ich mir auf einmal. Jetzt, wo ich darüber nachdachte schien mir so, als hätte Olaf meine Oberteile sehr selten auszogen. Hatte ihm etwa all die Zeit etwas gefehlt und ich hatte es nur nicht bemerkt? Große Brüste. Ich konnte mir keine rechte Vorstellung davon machen und so stopfte ich Watte in meinen BH, bis beinahe die Nähte platzen. Ein ungewohntes Bild, mit dem ich mich nicht vertraut fühlte. Wütend warf ich die Watte weg, löschte das Licht im Bad, zog ein altes, viel zu großes T-Shirt an und setzte mich vor den Fernseher, Ablenkung suchend. Nachdem aber auch im zweiten Werbeblock nichts anderes als nackte und überwiegend große Brüste zu sehen waren, deren Besitzerinnen mit geschürzten Lippen und möchtegern-erotischen Stimmen versuchten, Anrufer zu animieren, teure Telefonnummern zu wählen hatte ich die Nase voll. Ist das das Publikum, das nachts vor dem Fernseher sitzt, fragte ich mich. Alles Großbusen-Fetischisten? Sass Olaf jetzt etwa auch vor der Glotze oder wählte er sogar eine dieser Nummern? Ich hatte keine Lust mehr auf den Tag, die Nacht und beschloss, ins Bett zu gehen.
     Am nächsten Morgen rief ich, leicht verkatert, meinen guten alten Freund Rainer in der Praxis an. Rainer ist Arzt, dazu mein Exfreund und so schien er mir in doppelter Hinsicht der richtige Gesprächspartner zu sein, um meine Erlebnisse vom Vorabend zu verarbeiten. Er kannte mich und er kannte meinen Busen.
     »Praxis Dr. Goller, mein Name ist Stefanie, was kann ich für Sie tun?« Gott, sie hörte sich an wie eine junge Pamela Anderson. Blond, blöd, großbusig. Kann man einen großen Busen durchs Telefon hören?
     »Tina Markgraf hier,« antwortete ich, »verbinden Sie mich bitte mit Herrn Goller.«
     »Und um was geht es Frau Markgraf?«, forderte mich die Stimme auf. Was gingen diesen Teenie meine Brüste an?
     »Privat«, antwortete ich kurz.
     »Oh, das tut mir Leid. Das ist gerade sehr schlecht, der Herr Doktor hat Patienten und ...« weiter kam Pamela nicht.
     »Jetzt hören Sie mir mal gut zu, junge Dame« legte ich los, »Sie sind leider nicht alt genug um beurteilen zu können, wann und wann nicht ein Gespräch durchgestellt werden muss. Meine Angelegenheit ist eine private aber sie duldet keinerlei Aufschub. Und ihr Herr Doktor wird das ganz genau so sehen. Also stellen Sie mich gefälligst durch!«
Puppe     Schweigen am anderen Ende. Dann ein kurzes, »ich werde sehen, was ich machen kann.« Pause. Und eine Minute später dann ein gedrücktes »der Herr Doktor ist bereit, mit Ihnen zu sprechen«
     »Tina altes Haus« dröhnte Rainers Bassstimme an mein Ohr. »Was hast du mit der armen Stefanie gemacht?«
     »Wer ist Stefanie?«, fragte ich.
     »Meine Sprechstundenhilfe.« sagte Rainer
     »Ach, Pamela.«
     »Wieso Pamela?«
     »Wegen ihrem großem Busen.«
     »Wegen was? Aber sie hat doch gar keinen ... sag mal Tina, ist dir nicht gut? Bist du krank?«
     »Nein, schon gut. Ich wollte Dich was zum Thema Brustvergrößerung fragen.«
     »Du willst deinen Busen operieren lassen?«
     Ich glaubte, in dieser Frage eine gewissen Spur von Hoffnung zu hören. Hatten sich denn jetzt alle gegen mich verschworen? War ich mit meiner Einstellung wirklich allein?
     »Findest du, dass er das nötig hat?«
     »Ach Tina, was ist denn los mit dir. Du weißt doch genau, dass ich deinen Busen immer toll fand.«
     Stimmt, als ich mit Rainer zusammen war, hatte er mir viele Komplimente wegen meines Busens gemacht. Auf der anderen Seite zeigten sich bei Rainer schon damals bisexuelle Züge. Er hatte sich schließlich auch für einen Mann als Lebenspartner entschieden. Vielleicht hatte ihn genau das an mir fasziniert, zu viel Busen war sicher nicht gut für jemanden, der an und für sich auf knochige oder muskulöse Männerbrustkörbe stand.
     »Ach Rainer, Olaf hat mir eine Brustvergrößerung zu Weihnachten geschenkt.«
     »Das ist nicht dein Ernst.«
     »Das habe ich auch zu ihm gesagt.«
     »Ich dachte, ihr versteht euch gut.«
     »Hm, was soll ich denn jetzt machen?«
     »Willst du das denn?«
     »Soll ich?«
     »Das musst du natürlich selbst wissen, Tina. Ich persönlich finde, man sollte der Natur nichts ins Handwerk pfuschen. Und eine Operation birgt ja auch immer Risiken.«
     »Ja?«, erwiderte ich. Das war nicht die Antwort die ich hören wollte.
     »Klar. Aber schau Tina, ich kann gerade nicht. Warum schaust nicht später vorbei und wir reden über alles?«
     »Vielleicht«, sagte ich und beendete das Gespräch. Ich fühlte mich nicht verstanden. Am Nachmittag war ich mit meinen beiden Freundinnen Esther und Margit verabredet. Wir drei waren schon seit vielen Jahren eng befreundet und schon oft hatten wir uns über das Thema der Schönheits-Operationen unterhalten. Keine von uns war eine ausgesprochene Schönheit, wir waren keine Model-Typen aber mit ein paar Tricks schafften wir es immer wieder, die Blicke der Männer auf uns zu ziehen. Margit war als einzige verheiratet, sie hatte zwei Kinder und nach der Geburt der zweiten Tochter ein paar Gewichtsprobleme, vor allem im Bereich der Oberschenkel, gehabt. Dann aber hatte sie dank vieler Besuche im Fitness-Studio ihre Figur zurück gewonnen. Esther hatte genauso wie ich seit ihrem dreißigsten Geburtstag ein paar Gramm Speck auf den Hüften aber nichts, worüber man sich Sorgen machen musste. Für bauchnabelfreie Tops fühlten wir uns ohnehin zu alt.
Puppe     »Du siehst ein bisschen erschöpft aus, meine Liebe«, begrüßte mich Esther mit einem Kuss auf die Wange.
     »Ja, ich hatte eine lange Nacht.«
     »Sieht eher aus wie eine feuchte Nacht, wenn ich mir deine Augenringe so anschaue« lachte Margit, die auch gerade angekommen war.
     »Richtig!«, rief Esther, »dass Zwei-Sterne-Menü mit Olaf. Wie war es?«
     »Grauenhaft« erwiderte ich wahrheitsgemäß. »Nun ja, das Essen selbst eigentlich nicht. Aber das Geschenk zum Dessert!«
     »Ich habe es dir ja gesagt, Margit«, sagte Esther zur Freundin gewandt, »er wird sie fragen, ob sie ihn heiraten möchte.«
     »Oh je« sagte Margit und wandte sich mitfühlend an mich, »und du hast wahrscheinlich Nein gesagt und heute bereust du es.« Ich zog die Karte mit dem Gutschein aus meiner Handtasche und legte sie wortlos zwischen die beiden.
     »Was ist das?«, fragten beide gleichzeitig.
     »Schaut es euch an« erwiderte ich und bestellte mir einen Prosecco. Kater bekämpft man am besten mit Alkohol, altes Hausmittel.
     »Ach du meine Scheiße« sagte Esther die normalerweise nicht zu solchen Kraftausdrücken neigte. Margit sagte erst gar nichts, sie bekam große Augen und brachte dann doch hervor »das ist nicht wahr, oder?«
     »Genau das habe ich auch gefragt« sagte ich zu den beiden wie schon am morgen zu Rainer.
     »Olaf hat dir ... hat dir eine Brustvergrößerung zu Weihnachten geschenkt?« Margit sah mich an. Esther fing an zu prusten. »Das glaube ich ja nicht!« Ich nickte und nahm einen großen Schluck von meinem Sekt. »Und was hast du geantwortet?« Ich erzählte den beiden, wie der Abend verlaufen war.
     »Hat er sich noch einmal gemeldet?«, wollte Esther wissen.
     »Nein,« sagte ich und fügte hinzu, »das kann er von mir aus auch bleiben lassen.«
     »Wieso?«, fragte Esther.
     Ich schaute sie an. »Wieso? Weil ich nicht mit einem Mann zusammen leben möchte, dem mein Busen nicht gefällt!«
     »Hat er das so gesagt?«, fragte mich Margit.
     »Nein. Aber dafür spricht ja sein Geschenk.«
     »Ich weiß nicht«, sagte Margit. Ich schaute sie irritiert an und sagte leicht trotzig »der kann mich mal.«
     »Aber du mochtest ihn doch, oder?«, ergriff Esther das Wort.
     »Ja, bis gestern schon« sagte ich.
     »Immerhin ist er Anwalt.«
     »Ja und? Gibt ihm das das Recht, mich unter das Messer zu schicken?«
     »Jetzt hör auf. Billig war das bestimmt nicht.«
     Ich schaute meine Freundinnen an.
     »Was ist denn mit euch los? Findet ihr das normal?«
     »Nein, nein natürlich nicht,« versicherte Esther sofort. »Ich denke nur, du sollst nicht gleich alles über den Haufen werfen. Rede doch noch mal mit ihm. Vielleicht tut es ihm auch schon leid und vor deiner Tür steht bereits ein Strauß Rosen.«
     Ich sah Margit an.
     »Weißt du«, sagte sie, »manchmal geht man eben doch andere Wege. Entgegen seinen Vorstellungen. Weil man keine andere Lösung mehr weiß.«
     »Wie meinst du das?«, fragte ich. Margit schluckte.
     »Ihr wisst doch noch, wie ich nach der Geburt von Anna aussah, oder?« Wir nickten. »Überall Speck, vor allem an den Oberschenkeln.«
     »Den du dank Ausdauer und mit Sport wieder in den Griff bekommen hast« sagte ich zu ihr.
     »Ich habe euch damals nicht die Wahrheit gesagt«, sagte Margit leise. Ich sah Esther an. Die zuckte nur fragend mit den Schultern. Margit fing an zu weinen.
     »Es wurde immer schlimmer. Egal, was ich gemacht habe. Mir hat keine Hose mehr gepasst. Ich habe gehungert, gefastet, Sport gemacht. Nichts, nichts hat etwas genutzt. Meine Wangen fielen ein, meine Haare aus, meine Verdauung war gestört und meine Oberschenkel wurden immer dicker.« Esther reichte Margit ein Taschentuch.«
Puppe     »Ich war so unglücklich. Und ich hatte Angst. Angst, dass Peter sich in eine andere Frau verlieben könnte, eine, die schlank war und keine Schenkel hatte, als wäre eine Armee mit ihren Panzern darüber gefahren.« Esther kicherte, schlug sich aber sofort auf den Mund und wurde wieder ernst.
     »Und dann?«, fragte ich Margit, obwohl ich mir schon denken konnte, was jetzt kommen würde.
     »Bin ich in diese Klinik. Nicht so komfortabel wie das da,« sie deutete auf die Palmen, »bei mir war es nur der Bodensee.«
     »Dein Urlaub in Schweden?«, fragte ich und fügte hinzu, »vor zwei Jahren?«
     »Ja«, erwiderte Margit, »mein Urlaub in Schweden. Wir waren nie dort. Wir sind an den Bodensee gefahren. Peter hat mit den Kindern in einer Pension gewohnt und ich habe mir das Fett absaugen lassen. Mittags sind wir gemeinsam spazieren gegangen. Es hat unglaublich wehgetan und ich dachte am Anfang, ich hätte einen großen Fehler begangen. Aber dann ist es verheilt und ich habe wieder normal ausgesehen. Ich musste nicht mehr mit jeder Hose zur Schneiderin. Ich konnte wieder Kleider tragen und meinen Mann stolz auf seine Geschäftstermine begleiten.«
     »Wieso hast du uns nie etwas davon gesagt?«, fragte ich Margit, überfahren von dem eben gehörten.
     »Wieso, wieso. Ihr, ihr wart immer so perfekt. Ihr habt ja auch keine Kinder bekommen. Und wir waren uns doch immer so einig, was Schönheitsoperationen angeht. Ihr hättet mich sicher nicht verstanden.«
     »Ja und dein Mann?«, fragte Esther.
     »Der war am Anfang auch dagegen. Aber dann hat er gesehen, wie ich leide und schließlich hat er zugestimmt. Wir denken beide, das es eine gute Entscheidung war.«
     Ich bestellte mir noch ein Glas Sekt. Esther strich Margit mitfühlend über die Wange. »Du Arme, und da hast du die ganze Zeit gedacht, wir würden dich nicht verstehen. Ich hätte an deiner Stelle genau das Gleiche getan.« Sie sah mich an. Ich fühlte mich angegriffen.
     »Hey«, sagte ich »aber ich bin nicht unglücklich mit meinem Busen!«
     »Darum geht es doch auch nicht«, sagte Esther. »Aber es gibt eben zwei Ansichten. Deine und Olafs. Und du musst dir darüber klar werden, wie wichtig für dich Olafs Ansicht ist.«
     Ich ging nach Hause. Mittlerweile hatte ich Kopfschmerzen. Wie schnell das gehen kann, dachte ich. Gestern noch war meine kleine Welt vollkommen im Lot gewesen und heute, Chaos. Wieder betrachtete ich meinen Busen. Vielleicht ein bisschen mehr? Es gab schon ein paar Tops, die ich nicht anziehen konnte, weil sie alles so flach drückten, dass ich tatsächlich aussah, als wäre da nichts. Schwachsinn!, wischte ich die Gedanken beiseite. 36 Jahre lang war ich mit meinem Busen zufrieden gewesen. Woher kamen nun diese Zweifel?
     Zuhause angekommen nahm ich zwei Aspirin und schlief ein wenig. Anschließend verließ ich meine Wohnung erneut, ich war unruhig und konnte nicht still sitzen bleiben. Olaf hatte sich nicht mehr gemeldet, ganz zu schweigen von einem Rosenstrauch vor meiner Tür. Scheinbar hatte er mit die Szene im Lokal nicht verziehen. Ich hatte wenig Lust, mich bei ihm zu entschuldigen.
     Ziellos lief ich durch die Stadt. Es war nicht zu fassen, überall begegneten mir Brüste. Models lächelten leicht bekleidet von Plakaten, Videoläden warben mittels barbusiger Damen um Kunden und in den Schaufenstern der Kaufhäuser wimmelte es nur so von unterwäschetragenden Plastikpuppen. War das schon immer so gewesen? Wohin man auch ging und sah, man entkam den Brüsten nicht. Vor einem Schaufenster blieb ich stehen. XXL-Ware, BHs ab 85D, hier erhältlich! informierte ein großes, handgeschriebenes Plakat. Gab es dafür wirklich Bedarf?
     »Immer noch am Zweifeln?«, riss mich auf einmal eine nette Stimme aus meinen Gedanken. Ich sah mich um. Rechts von mir stand ein gut aussehender Mann, der mir vertraut vorkam. Er lächelte. »Ich kann es auch gerne noch einmal sagen,« sagte er, »mir gefällt Ihr Busen.« Der Oberkellner des Feinschmeckerrestaurants, auch das noch. Ich sah ihn an. Er wirkte freundlich.
     »Kommen Sie, machen Sie nicht so ein Gesicht. Heute ist mein freier Tag. Darf ich Sie auf ein Glas Wein einladen?«, fragte er mich. »Und vielleicht auch auf eine Kleinigkeit zu Essen?«
     »Essen, eine gute Idee,« hörte ich mich zu meiner eigenen Überraschung sagen. Warum nicht, dachte ich mir. »Ich heiße Tina,« fügte ich hinzu.
     »Daniele« erwiderte er.

PuppeAm nächsten Tag rief ich Olaf an und entschuldigte mich für meinen Auftritt. Er zeigte sich verständnisvoll. Zwei Tage später begann mein Urlaub, drei Tage später saß ich mit einem von Olaf finanzierten First-class-Ticket in einem Flugzeug Richtung Cayman Island. Dort angekommen, ließ ich mich von dem Taxifahrer aber nicht in die Klinik, sondern in eine kleine Pension bringen, die Danieles Schwester empfohlen hatte. Sie hatte nicht zu viel versprochen. Das schmucke Häuschen lag direkt am Strand, die Besitzerin begrüßte mich wie eine alte Bekannte. Ich ging auf mein Zimmer, warf meine Sachen achtlos in die Ecke, zog meine Shorts an und machte mich auf den Weg zum Strand. Es war herrlich. Die Farben des Meeres, des Himmels, der Duft des Sandes. Beschwingt lief ich ins Wasser bis die Wellen die Ränder meiner Shorts berührten. Aus meinem Rucksack nahm ich eine am Frankfurter Flughafen gekaufte, leere Evian-Flasche. Ich schraubte den Deckel auf und schüttelte schwungvoll die letzten Wassertropfen aus. Dann nahm ich Olafs Gutschein, rollte die Karte zusammen bis ich sie durch die Öffnung der Flasche schieben konnte. Die Karte passte so perfekt in die Flasche, als hätte man ihre Maße darauf abgestimmt. Dann schraubte ich die Flasche zu, sorgfältig, um zu vermeiden, dass Salzwasser in sie eindrang. In hohem Bogen warf ich dann meine Post ins Wasser. Die Strömung trieb sie nicht zurück sondern raus, Richtung offenes Meer. »Möge dich jemand finden, der dich brauchen kann« rief ich ihr hinterher und dachte für einen Moment an Margit.
     Dann nahm ich mein Handy und wählte eine Nummer.
     »Allo?«, hörte ich die Stimme am anderen Ende. Französisch, eindeutig.
     »Daniele,« sagte ich, »rate Mal, wo ich stehe.«
     »Im Wasser« vermutete er richtig, sicher hatte er die Wellen gehört.
     »Genau« lachte ich laut.
     »Hast du es schon getan?«, fragte er.
     »Ja, sie ist unterwegs.«
     »Dann wünsche ich dir von jetzt an einen wunderschönen Urlaub,« sagte Daniele und fügte hinzu »ich freue mich schon sehr darauf, dich im neuen Jahr wieder zu sehen.«
     »Ich mich auch,« sagte ich und legte auf. Ich hatte Hunger und ging an den Strand zurück. Dort angekommen drehte ich mich noch einmal um. Wie wunderschön es hier war.
     Danke Olaf, dachte ich, ohne im Geringsten ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich hätte mir den Flug nicht leisten können. Dann sah ich auf meinen Busen, zufrieden mit dem was ich sah. Du und ich, murmelte ich, wir werden eine gute Zeit hier haben.

 

© des Textes 2004 by Karin Sutter. © der Bilder 2004 by Wolfgang Tischer (»Schaufensterpuppen im vorweihnachtlichen Dublin, Irland«).
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