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Der Sturm im Essigglas von Aleander Auer

Es war Anfang Oktober. Ein außergewöhnlich milder Oktober. Eigentlich war er überhaupt nicht außergewöhnlich. Er war genauso warm wie der Sommer kalt war und genauso kalt, wie der Winter warm war.
     Ich kann mich noch genau erinnern, als wir das erste Mal die Wohnung betreten haben. Wir standen am Balkon und blickten auf die Autos tief unter uns. Sie wirkten so klein, dass mir fast schwindlig wurde.
     Viel Arbeit haben wir in die Wohnung gesteckt, um es gemütlich zu haben. Was haben wir uns nicht alles vorgenommen, kannst du dich erinnern? Manches davon haben wir bis heute noch nicht gemacht.
     Damals sind wir noch zwei Mal wöchentlich Einkaufen gegangen. Haben uns mit Fladenbrot, Paradeisern, Zwiebel und Paprika unsere eigene Pizza gebacken und uns dabei gefreut wie viel Geld wir uns dabei ersparen. Irgendwann merkten wir dann, dass man auch von Thunfischdosen und Tortellini leben kann. Am Markt erstanden wir einen Doppler Sturm. Die Standlerin hat uns schon damals gesagt, dass die Sturmsaison eigentlich vorbei wäre.
     Was kommt nach dem Sturm? Der Drang? Die Klassik? Oder der Staubige?
     Zwei Gläser haben wir jeder getrunken, dann haben wir ihn auf den Balkon gestellt, um ihn kühl zu halten.
     Ans gemeinsame Wohnen hatten wir uns inzwischen schon gewöhnt. Es ist schlimm, wie schnell man neue Gewohnheiten ausbildet. Ich wurde vom Tee- zum Kaffeetrinker, vom Leser zum Seher. Du wurdest vom Spieler zum Hörer. Und beide wurden wir zu Schweigern. Wann ist es dir aufgefallen? Es kam so langsam und schleichend, als wäre es normal. Zuerst fehlte hier ein Wort, dann dort ein Satz. Irgendwann suchten wir vergeblich nach ganzen Gesprächen, die verschwunden waren.
     Der Sturm am Balkon bekam einen komischen Bodensatz.
     Beide gingen wir zur Arbeit. Es gab viel zu tun, oft bis spät in die Nacht hinein. Wenn du nach Hause kamst, war ich oft schon wieder weg. Wenn ich dann nach Hause kam, hast du meistens schon geschlafen.
     Das Frühstück war unsere Zeit. Da erfuhr ich von deinem Leben und du von meinem. Ich freute mich mit dir oder habe auch mit dir gelitten. In den 10 Minuten beim Frühstück.
     Wir zwangen uns, zumindest einen Tag in der Woche gemeinsam zu verbringen. Das hat mir gefallen, auch wenn du es nicht glauben wolltest. Wenigstens diese 24 Stunden lang hast du mir gehört und ich musste dich mit niemandem teilen. Doch deine Arbeit war eifersüchtig. Und sie ist ein übermächtiger Konkurrent! Hässlich, aber ausgestattet mit Reizen, die ich dir nicht bieten kann.
     Der Sturm am Balkon fror in den kalten Nächten. Wir hatten Glück, dass er das Glas nicht gesprengt hat.
     Viel Schönes und Neues passierte zu dieser Zeit in meinem Leben. Jeden Tag hätte ich stundenlang erzählen können. Ich habe meine Eltern angerufen, um mit jemandem reden zu können.
     Als wir in der Wohnung eingezogen sind, hatte ich Angst, ein zu Hause zu verlieren. Bald merkte ich aber, dass ich eine neue Heimat gefunden hatte. Einen Rückzugsort, ein Refugium, wo ich die Welt aussperren konnte. Nur dass ich kaum Post bekomme stört mich. Und dass es mich immer wieder hinaus treibt aus der Wohnung. Hinaus zu den Menschen. Weil sie so leer ist, die Wohnung, so menschenleer.
     Ich muss den Sturm am Balkon wieder einmal kosten. Hoffentlich ist er nicht schon zu Essig geworden.

© 1998 by Alexander Auer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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