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Dem Sonnenuntergang entgegen

Intermezzo
von Thomas Schiemann

Schwarze Rauchschwaden füllten das Tal. Auf einer Woge von Feuer stürzte das Ungeheuer aus den Wolken und das Schild des tapferen Helden glühte in tiefen Rot, als er die Felsen hinaufstürmte.

Doch plötzlich steckte der Prinz sein Schwert weg und sagte zum Drachen: »Ich habe so was die Schnauze voll von dem ganzen Scheiß. Weißt du was, friss die Prinzessin und lass uns einen Trinken gehen.«

Der Drache guckte eine Sekunde nachdenklich auf den menschlichen Wicht herab, fauchte schließlich unwillig und schob seinen gewaltigen Schuppenleib zurück in die Höhle. Als er 10 Minuten später wieder herauskam, musste er rülpsen und stocherte sich mit der Kralle zwischen den Zähnen herum: »Mist, ich fürchte fast, die war nicht mehr ganz frisch.«

»Oh, sie hatten sie vorgestern erst geopfert, allerdings, bei der Hitze kann das schon mal passieren. Hauptsache, ich muss sie nicht heiraten.«

»Was machen wir nun mit dem Schatz?«, grunzte der Drache.

»Ach, kannste behalten, ist immer eine elendige Schinderei, den ganzen Plunder bis zum Schloss zu schleppen und dann will der König noch die Hälfte haben. Aber sag mal, warum stehst du so auf diese Prinzessinnen, ist das wirklich was besonderes?«

»Mir ist frischer Hammel lieber, aber du weißt ja, die Tradition. Ich kann ja nun wirklich nicht verlangen, dass man mir jährlich ein Schaf opfert. Wer sollte mich noch ernst nehmen.«

»Diese Imageprobleme kenne ich. Und ich fürchte, das mit dem Trinken gehen müssen wir dann doch lassen. Lass uns weiterkämpfen. Es wirkt sicherlich nicht wirklich heldenhaft, wenn Drache und Held gemeinsam in der Kneipe auftauchen.«

»Ich weiß«, seufzte der Drache. Er wartete, bis der Prinz sein Schwert wieder gezogen und das angekohlte Schild aufgehoben hatte. Dann bäumte er sich auf und stieß einen fürchterlichen und leicht nach gebratener Prinzessin riechenden Feuerstoß aus.

© 2005 by Thomas Schiemann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

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