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Countdown
von Wolfgang Burger

Da sitzt sie in vollendeter Symmetrie auf dem Stuhl, wie eine Nebelkrähe in Alarmstarthaltung, ihre altertümliche Riesenhandtasche auf den Knien und starrt mich an wie eine Aushilfslehrerin den Oberschulrat. Ich gebe Schneider einen Wink, er zieht sich lautlos zurück und schließt die Tür.
     »Also, was kann ich für Sie tun, Frau Fischlein?«
Sie schluckt, öffnet den Mund, starrt, schließt ihn wieder, es kommt nichts.
     »Ich muss leider wiederholen, ich habe sehr wenig Zeit, Frau Fischlein. Fünf Minuten haben wir gesagt. Also bitte.«
     »Entschuldigen Sie. Es ist eine so lange Geschichte...«
     Ich bin zu grob. Gleich fängt sie an zu heulen und dann dauert es noch länger.
     »Bitte, Frau Fischlein. Haben Sie Verständnis.«
     Sie nickt und schluckt und nickt. Oh mein Gott, das wird nie was. Ich läute nach Schneider und lasse sie rauswerfen. Da: Sie öffnet den Mund. Der schwarze Vogel spricht:
     »Sehen Sie, Herr Doktor, es ist so. Ich hatte eine Tochter. Miriam. Mein Mann ist ja so früh gestorben und, na ja, sie war dann mein Ein und Alles, verstehen Sie?«
     »Bis jetzt kann ich Ihnen ganz gut folgen.«
     Noch vier Minuten.
     »Miriam ist ein schlimmes Unglück geschehen. Sie war in der zweiten Klasse und da hat sie im Schulhof eine Spritze gefunden. Von so einem Drogensüchtigen, einem Herionsüchtigen. Sie war ja noch so klein, erst sieben. Und die hat sie mit nach Hause genommen. Sie war an den Nachmittagen manchmal allein, ich musste doch immer arbeiten, verstehen Sie? Aber es war nicht so, dass sie ohne Aufsicht war, nein. Da gab es eine Zugehfrau, Frau Augustin, aber die hatte an dem Tag frei, oder sie war krank, ich weiß nicht mehr. Miriam hat mit ihrem Teddy Krankenhaus gespielt und dann hat sie sich mit dieser Spritze gestochen.«
     Sie guckt ganz jämmerlich. Ich nicke so aufmunternd wie ich kann. Noch drei Minuten.
     Funkstille. Ich denke schon, sie hat wieder die Sprache verloren, da flüstert sie:
     »Und der, von dem die Spritze war, der hatte Aids!«
     Das ist natürlich weniger schön.
     »Das tut mir Leid, Frau... Wie geht es Ihrer Tochter? Sie hat sich doch hoffentlich nicht angesteckt?«
     Sie nickt, jetzt heult sie doch gleich. Und sie wird ihre komische Handtasche zerreißen, wenn sie weiter so daran herumzerrt. Soll ich ihr ein Taschentuch geben? Nein, sie schnieft nur ein bisschen, es geht weiter:
     »Sie ist gestorben. Vorgestern war die Beerdigung.«
     Jetzt heult sie doch. Ist natürlich schon traurig, das mit ihrer Tochter.
     »Das tut mir sehr leid, Frau... Fischlein. Ehrlich. Aber bitte, Sie haben nur noch zwei Minuten. Was kann ich also in der Sache für Sie tun?«
     »Sehen Sie, Herr Doktor, ich habe so viel darüber nachgedacht. Miriam war ja so lange krank, sie war siebzehn, als sie starb, und immer habe ich nachgedacht. Ich hatte ja so entsetzlich viel Zeit. Jemand muss doch schuld sein an einem solchen Unglück, nicht wahr? Jemand muss doch die Verantwortung haben, nicht wahr?«
     Von mir aus. Was hat sie nur gegen ihre Handtasche? Noch eine Minute.
     »Erst habe ich natürlich gedacht, dieser Süchtige, der ist schuld. Und ich bin hingegangen, zum Europaplatz und in den Schlosspark. Aber da habe ich gesehen, diese Leute sind ja krank, die wissen ja nicht mehr, was sie tun. Dann habe ich Bücher gelesen und am Ende bin ich sogar bei der Polizei gewesen. Es war schwierig, sie wollten erst nicht mit mir reden. Aber dann habe ich doch jemanden gefunden. Einen Kommissar. Er hat auch Kinder, glaube ich. Und der hat mir erzählt, dass sie gegen die Drogenhändler nicht ankommen. Dass sie immer nur die kleinen Fische kriegen, wie er es nannte, aber nie die großen. Dass man die schon kennt, hat er gesagt, aber dass man ihnen nie etwas nachweisen kann. Und dann hat er mir Ihren Namen genannt, Herr Doktor.«
     Ach du Scheiße.
     »Und da habe ich gedacht, wo Miriam doch jetzt tot ist und ich habe sie so lange gepflegt, am Schluss musste ich ja sogar meinen Beruf aufgegeben und jetzt kriege ich natürlich keine Stelle mehr, in meinem Alter. Und da habe ich gedacht, dass das nicht sein darf, dass Sie wieder so davonkommen, und, wenn die Polizei Sie nicht kriegt, dann vielleicht ich, nicht wahr?«
     Die Frau hat Humor. Gleich lach ich mich tot. Schneider muss her. Wo ist der verdammte Klingelknopf?
     »Und deshalb bin ich jetzt hier, Herr Doktor. Es war nicht leicht, das können Sie mir glauben. Vor allem eine Bombe zu besorgen, die in eine Handtasche passt, das war gar nicht einfach, für mich als Frau.«


© 1997 by Wolfgang Burger. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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