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PÄDAGOGIK GO HOME!
von Susanne Sakel

Es ist soweit. Der Tag ist gekommen, vor dem ich mich immer gefürchtet habe. Ich dachte, mir würde so etwas nie passieren. Jetzt muss ich mich entscheiden.
     Ich stehe in einem dieser überdimensionalen, fensterlosen amerikanischen Spielwarenhäuser, die einen mit ihren haushohen Gestellen voll Plastikspielzeug zu erschlagen drohen und vor mir stampft wütend ein kleiner, vierjähriger Fuß auf.
     »Alle haben Barbies. Warum kann ich keine kriegen?«
     Mein Blick schweift von den böse funkelnden Augen über den Kopf hinweg in die Regale, aus denen es mir pink entgegenleuchtet und blinkt. Da sitzen sie alle und lächeln ihr totes Lächeln einer strahlenden Jacketkronenreihe, die himmelblauen Augen blicken stumpf und leer an mir vorbei. Mir bricht der Schweiß aus.
     »Warum denn nicht eine von den süßen Babypuppen, schau mal, die können sogar spucken und Pipi machen!«
     »Ich will aber eine Bar-bie!!!«
     Wie kann sich meine Tochter bitte mit einer dieser schöngewachsenen Blondinen identifizieren, wäre es nicht pädagogisch völlig unklug, ihr so ein Fabelwesen vorzusetzten? Denn, mal ehrlich: Barbie wird in zwei Jahren vierzig und ist es vielleicht realistisch, dass sie immer noch das Aussehen einer Zwanzigjährigen hat? Dazu diese unglaubliche Figur, die makellose Haut, wallende, goldene Haare und nicht endenwollende Beine, an denen sämtliche Blondinenwitze abprallen. Das kann sich nur ein Mann ausgedacht haben. Barbie sieht aus wie das Sexobjekt schlechthin, ich wette, wenn sie durch einen Barbiezauber leibhaftig neben mir stände, würde sämtlichen Männern in diesem Einkaufszentrum der Speichel aus den Mundwinkel tropfen und eine schmierige Spur auf dem Linoleumfußboden hinterlassen. Das einzige Spiel, was mir dazu einfällt, ist jenes, wie Ken sich lüstern über sie wälzt und sie ihn selig anlächelt. Tatsächlich, es ist auch der eine oder andere Ken hier zu finden, etwas versteckt zwar, denn Barbie ist unabhängig und findet sich auch ohne Männer in ihrer kleinen Welt zurecht. Überhaupt scheint sie völlig mit sich selbst zufrieden, aber wen wundert das bei dieser unglaublichen Villa, ihrem Swimmingpool, Pferden, Limousinen, Luxusbooten und nicht zu vergessen, ihrer umfangreichen Designergarderobe. Am liebsten zeigt sie sich wohl in hautengen Leggins oder Badeanzug, die Schlampe, aber wenn es sein muss, gibt es noch eine Reihe verschiedener paillettenbesetzter Abendkleider für festliche Anlässe. Ich frage mich, was für gesellschaftliche Ereignisse das sein mögen, denn immerhin scheint Barbie keiner geregelten Arbeit nachzugehen, obwohl sie sich hier und dort doch zu einem ehrbaren Lehrer oder Tierarztjob herablassen kann. Aber damit kann man schließlich keine Yacht finanzieren. Vermutlich hat sie sich einen alten reichen Knacker angelacht und wartet nun auf sein Ableben. Wenn sie es nicht schon detailliert vorbereitet hat. Oder sie verdient sich ihr Geld als Model oder geht auf den Strich. Passen würde es ja zu ihr. Ich finde allerdings keinerlei Hinweise auf heiße Dessous, Lackstiefel, Peitschen oder dergleichen. Und dieses falsche Lächeln. Bestimmt täuscht sie damit immer den Orgasmus vor. Ach was, da hat sie keine Probleme. Sie hat überhaupt keine Probleme, denn sie kann ja jeden Kerl kriegen, kennt keinerlei soziale Konflikte, immerhin habe ich bislang noch keine Arbeitslosen-, Fixer-, oder Suizidbarbie entdeckt, sie schwirrt ausschließlich in der High Society herum, sammelt Statussymbole wie unsereins Pfandflaschen und kennt keine Schwangerschaftsstreifen. Doch halt! Mein Blick bleibt an einer Barbieminiaturausgabe mit blond gelocktem Haar hängen. Sieh an, ein kleiner unehelicher Bastard! Mir wird ganz anders zumute. Das ist also die Basis, die man unseren Kindern zum gemeinsamem Spiel im Kinderzimmer bietet. Unauffällig rücke ich etwas näher an den kleinen Plastikkörper. Kein Zweifel, es sieht so aus, als wäre die Kleine Kens Tochter, es gibt da eindeutige Übereinstimmungen in der Mundpartie. Es käme da noch ein etwas dunklerer Typ in Badehose infrage, aber den hat sie wohl nur zwischendurch vernascht, dieses Biest. Wahrscheinlich hat sie es mit Ken beim abendlichen Sonnenuntergang in ihrem roten Mustang getrieben und sie hatten beide kein Gummi dabei. Obwohl - dort, in einer Glasvitrine entdecke ich voller Schaudern einen Ken mit Ohrring. Der wird doch nicht etwa... im Geiste sehe ich den breitschultrigen Adonis mit den kautschukartigen Hüften wackeln und höre seine Stimme um eine Oktave nach oben geschraubt quieken. Hetero-Ken und Nymphomanenbarbie, na prima!
     »Ma-ma!!!«
     Der kleine Fuß stampft immer noch und zwar mit dem Nachdruck, der mir zu verstehen gibt, dass wir auf eine mittlere Katastrophe zusteuern, wenn ich nicht sofort eine Entscheidung treffe. Und zwar die richtige.
     Warum kommt dieses Dilemma schon jetzt auf mich zu, jedes normale vierjährige Mädchen spielt mit Legos, malt die heimischen Tapeten an oder sieht sich stundenlang die Viedeokassette mit Susi und Strolch an. Lege ich den Grundstein zu einem ewigen Streit um lange Haare, vermittle ich eine kitschige, amerikanische Weltanschauung, die einem eine rosarote Oberfläche des Lebens unter falschen Wertebedingungen vorgaukelt? Wird mein Kind später unheilbar an Bulimie erkranken und einem Konsumrausch unterliegen?
     Unsinn, sage ich mir. Was soll ein kleines Kind mit dieser Puppe anderes machen als… Eine wohlige, harmonische Ruhe durchströmt mich und Barbie rutscht elegant in den Einkaufswagen.
     Was soll ein kleines Kind mit dieser Puppe schon anderes machen als auszuprobieren, ob man die Gelenke um hundertachtzig Grad drehen kann, diese wunderschönen Haare abzuschneiden, verstümmeln, massakrieren, skalpieren, einfrieren, zerhacken und wegschmeißen. Zufrieden rauschen wir der Kasse entgegen.

 

© 1997 by Susanne Sakel. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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