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Die Nörgelei am Café-Tisch
Oktober 1998 - Diesmal von Katharina Körting


Wer zu spät kommt…
Katharina Körting Ich bin ja nun Pünktlichkeitsfanatiker.
Wider Willen - aber dennoch.
Bei mir hilft alles nichts:
ich kann mir noch solche Mühe geben, zu spät zu kommen,
damit endlich ich mal diejenige wäre, die lässig an den vollbesetzten Cafetisch, auf den frei gehaltenen Kinoplatz schlupft, mit dem beiläufigen Hinweis: ihr wisst ja, ich hab so viel zu tun…
Oder Parkplätze - beziehungsweise keine Parkplätze -, die ziehen immer.
Wenn man ein Auto hat.
Also, wie groß auch meine erzwungene Trödelei ist, um die Wonnen des Zuspätkommens endlich mal zu kosten:
ich bin dann doch immer schon vor der Zeit bereit, die Wohnung zu verlassen
und komme vor der Zeit am verabredeten Ort an.
Oder warte umgezogen und gekämmt, das Essen auf dem Tisch, die Kinder im Bett, in der eigenen Wohnung auf die Verspäteten.
Und was habe ich davon?
Warten.
Nun ist Warten sehr lehrreich und kann auch amüsant sein.
Ein bisschen kommt es auf den Ort des Wartens an.
Und darauf, ob ich was Gutes zu lesen dabei hab.
Und wie meine Stimmung ist.
Aber vom Pünktlichsein an sich hatte ich bis jetzt noch nicht viel.
Da ist es vielleicht verständlich, dass mir der nun wirklich sattsam bekannte Standardsatz
»Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben?«
gelinde gesagt auf die Nerven geht, obwohl er sicherlich alles andere als aktuell ist.
Dennoch hört man ihn nachwievor an jeder Ecke.
Gorbatschow selber mag ja seinerzeit noch einen Sinn damit verknüpft haben - der mir allerdings im Dunkeln bleibt.
Das mag an mir liegen.
Aber war er nicht reichlich spät, der Mann?
Geschichtlich und menschlich gesehen?
Was es auch immer heißen soll, diese Lebensbestrafung durch Zuspätkommen: alle Welt glaubt, genau verstanden zu haben - wo vielleicht gar nicht allzu viel zu verstehen war.
Aber was einem Staatsmann zu historischer Stunde aus dem Mund fällt,
muss einfach historisch sein.
Die ganze Welt zitiert ihn, immer noch, in den unmöglichsten, unpassendsten Zusammenhängen.
Ganze Werbeteams nehmen sich seiner an.
Manager schmücken sich mit weltläufiger Andeutung des ersten Halbsatzes.
Alles notorische Pünktlichkeitskrämer wie ich?
Intelligenzbestien?

Sinnsucher?
Oder einfach Nachquassler, denen selber nix Vernünftiges einfällt?
Ich tendiere zu letzterem, aber das liegt sicher an meiner abgrundtiefen Ignoranz.

Katharina Körting


Vom November 1996 bis zum September 1998 nörgele ausschließlich Näumann an dieser Stelle. Sein Archiv der Nörgeleien finden Sie hier.


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