Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons

Buchtipps in Kürze (20)

Siegfried

Schon auf den ersten Seiten von Harry Mulisch neuen Roman merkte ich, dass ich ein gutes Buch in der Hand hatte.
     Mit Eleganz, Witz und Präzision schildert der niederländische Autor die Ankunft des Dichters  Rudolf Herter in Wien; dort soll er aus seinem Bestseller »Die Erfindung der Liebe« lesen.
     Während seines Aufenthaltes in Wien entwickelt Herter, der  unschwer als Alter Ego von Mulisch zu erkennen ist, die Idee zu einem Roman über Adolf Hitler. Er findet erst ein Konzept, als ihn ein altes Ehepaar im Anschluss an seine Lesung anspricht. Die behaupten nicht nur, Angestellte bei Hitler gewesen zu sein, sondern auch, dass der Diktator einen Sohn hatte. Herter ist sofort infiziert von  der Geschichte, die ihm die beiden Alten über Hitler, Eva Braun und deren Sohn Siegfried erzählen, der vor der Öffentlichkeit in der Idylle des Berghofs bei Berchtesgaden versteckt wird und noch kurz vor Kriegsende getötet wurde. Das ihm anvertraute Geheimnis liefert Herter zwar den Schlüssel für sein Roman-Projekt, aber es wirft ihn völlig aus der Bahn und wird es ihm das Leben kosten.
     Mit am beeindruckendsten in diesem nur zweihundert Seiten umfassenden Roman ist für mich eine Passage, in der Mulisch seine Hauptfigur erklären lässt, warum er sein Buch auf diese und keine andere Weise geschrieben hat, warum er das »Mysterium« Hitler nicht mit einer wissenschaftlichen Arbeit zu ergründen sucht, sondern die »Endlösung der Hitlerfrage« allein der Dichtung zutraut.
     Mulisch macht in seinem Roman eine Gratwanderung zwischen Fiktion und Autobiografie, philosophischen Exkursen und genauer Recherche.  Herters Traum aus dem er nicht mehr erwachen wird, scheint einen Beweis zu liefern, dass dem Autor die Ereignisse während der letzten Stunden des Diktators in der Reichskanzlei ebenso im Detail bekannt sind, wie die trügerische Idylle auf dem Berghof. Dabei leistet sich Mulisch den Spaß, Herters Traum als Tagebuchaufzeichnungen von Eva Braun zu gestalten, wobei deutliche Anzeichen an das Genre kitschiger Frauenromane  provoziert werden. Selbst philosophische Exkursionen driften nicht in zähflüssige Abhandlungen über die Gedankenwelt Nietzsches oder Schoppenhauers ab, auch dort nicht, wo Hitler als ein »nichtendes Nichts« charakterisiert, als ein »Blindband mit lauter leeren Seiten«, der alles andere als ein Buch mit sieben Siegeln war. Das Buch ist ein verwegenes Experiment wie es nur den Besten gelingt.

Klaus Eidt

Harry Mulisch: Siegfried: Eine schwarze Idylle. Taschenbuch. 2003. Rowohlt. ISBN/EAN: 9783499232961. EUR 7,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Harry Mulisch: Zwei Frauen. Taschenbuch. 2000. rororo. ISBN/EAN: 9783499226595. EUR 7,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Harry Mulisch: Siegfried: Eine schwarze Idylle. Gebundene Ausgabe. 2001. Carl Hanser Verlag. ISBN/EAN: 9783446200906. EUR 17,90 (Bestellen bei Amazon.de)
Harry Mulisch: Zwei Frauen: Roman. Gebundene Ausgabe. 1998. Carl Hanser. ISBN/EAN: 9783446195103. EUR 14,90 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Engel und Gutmenschen

»How to be good« beschreibt mäßig, wie man gut lebt - »Engel« erzählt gut vom schlechten Leben.
      Nick Hornby, da weiß man, was man hat. Dachte man. Doch mit »How to be good« weiß man auch, was man nicht an ihm hat, und das hätte man eigentlich lieber gar nicht gewusst. Eine Frau, Katie, weiße Londoner Mittelschicht, fragt sich 341 Seiten lang zwiespältig, ob sie bei ihrem Mann bleiben oder gehen soll, bis sie am Ende die zwiespältige Antwort hat.
      Katie beschreibt ihre Ehe, wie sie sich nur noch gegenseitig angiften, bis ihr Mann David mittels eines Geistheilers der Unterschicht von seinem Zynismus bekehrt wird. Der Geistheiler - »Good News!« - zieht in die brüchige Kleinfamilie ein und bringt diese durcheinander. Dazwischen kommen viele Plädoyers, von denen die meisten sich nicht recht trauen, welche zu sein, außerdem eine laue Affäre, ein bisschen ehelicher Sex, der kaum der Rede wert ist, Katie geht kurz in die Kirche, entdeckt sich selbst wieder, wird zur Klassenlehrerin ihres Sohnes zitiert, weil der geklaut hat, muss mit ansehen, wie ihre Tochter zum Moralapostel und ihr Eigenheim zum Asyl für Straßenkinder wird, beschreibt, wie sehr sie sich - als Ärztin, wie sie immer wieder betont - eher erfolglos bemüht, gut zu sein, legt lang und breit ihre Schuldgefühle dar, und am Ende bleibt sie dabei, dass sie dabei bleibt. Bei David. Und überhaupt.
      Das kann sie ja gerne tun - nur, fragt man sich unwillig: so what? Natürlich ist es gut geschrieben - Nick Hornby, man liest das so weg -, aber es bleibt nichts, nicht mal ein schaler Nachgeschmack: reiner Zeitvertreib, wohlfeile Unterhaltung beim Tee für selbstironische Gutmenschen, ziemlich langweilig. Und schade.
      Aber vielleicht ist das auch nur deshalb so schade, weil man vorher Denis Johnsons »Engel« gelesen hat. Das scheinbar harmlos anfängt, ebenfalls mit dem Ausbruch aus einer Ehe, und sehr schmerzlich weiter- und zu Ende geht, wie im Strudel, mit einem Bruch und schließlich dem völligen Zusammenbrechen.
      Jamie und Bill - die Perspektive wechselt - geraten eher zufällig aneinander, führen fortan gemeinsam ihr Drecksleben, geprägt von Gewalt, Drogen, Armseligkeit und Wortlosigkeit. Und, kaum Raum gibt es dafür, von Liebe. Zu spät begreifen sie, dass das Leben nicht weggeworfen, nicht totgeschlagen werden müsste. Dass es kein Dreck ist. Jamie landet im Irrenhaus, Bill begeht einen Mord. Weil sie nicht klarkommen. Und es hätte alles gar nicht so kommen müssen, und es hat doch alles genau so kommen müssen. Beide ahnen, dass die Automatik auf den Abgrund zu keine Automatik sein müsste. Wenn nur. Wenn.
      Bewundernswert, wie der Autor sich raushält, auf eine sehr mitfühlende Art raushält, und, anstatt sich in Bills und Katies Leben einzumischen oder zu moralisieren, durch ihre Augen schaut, mitten in ihre Herzen, die sind Mördergruben, aber es bleiben Herzen von Menschen, und noch dazu von sehr liebenswerten. Aggression, Hass, Gewohnheit, Trägheit, Gier scheinen sie anzutreiben, aber es ist vor allem die Leere, oder vielmehr die Sehnsucht, dass da keine Leere sei - und dahinter schimmert die US-amerikanische Gesellschaft durch, unaufdringlich, ohne Pathos, ohne Weltverbesserungsschmerz, nur mit Schmerz.
      Das ist rührend erzählt, und genau, sogar komisch. Das liest man nicht so weg. Jamie schafft es am Ende, aus ihrem Wahn auszubrechen, auch um ihrer Kinder Willen, und künftig so gut wie möglich zu leben, ein neuer Versuch. Aber Bill muss dran glauben, wird ermordet, per Todesstrafe, weil er wie zufällig den Finger am Abzug hatte und jenen Mord beging, den er nicht hätte begehen müssen. Auch er hätte gut leben können, sozusagen, und das ist kaum zum Aushalten, dass dieser Mörder ein guter Mensch ist, und dass es so furchtbar sinnlos ist, ihn sterben zu lassen, so sinnlos wie das Leben, das er direkt auf den Tod zu geführt hat.
      Der Autor lässt uns zuschauen, wie der Mörder stirbt, aber niemand wird gerächt, niemand wird gerettet. Nur gezwungenerweise und doch kooperativ atmet Bill das tödliche Gas ein, als wäre es Luft, eine Erlösung, die nichts löst. Das Gas ist für ihn bestimmt und trifft nur zufällig ihn - »je nachdem, wer die Kerze ist, und wer das Licht.« Und man wünschte, es bräuchte keine verdammte Kerze, damit es Licht gibt. Man wünschte, all die Verzweiflung hätte einen Sinn. Man wünschte, es gäbe einen Gott, aber da sind nur Bill und Jamie. Und da ist Jamies Tochter, Miranda, die den Schlüssel noch nicht verloren hat: »Hebst du mich mal hoch zum Spiel-Ich?... Über der Reihe identischer Porzellanbecken ... sah Miranda sich selbst. Sie betrachtete sich eingehend im Spiegel, drehte innerhalb der unerschöpflichen Verdoppelung aller Dinge das Gesicht in die eine, dann in die andere Richtung. Das bin ich nicht, sagte sie zu Jeanine. Sie legte die Hand auf die weißen Rüschen ihrer Brust. Das bin ich.«

Katharina Körting

Nick Hornby: How to be good. Taschenbuch. 2003. Droemer Knaur. ISBN/EAN: 9783426615355. EUR 9,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Nick Hornby: How to be good. Hörbuch-Download. 2013. Der Hörverlag. EUR 14,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Nick Hornby: How to be Good: Roman. Kindle Edition. 2012. (Herunterladen bei Amazon.de)
Nick Hornby: How to be Good: Roman. Sondereinband. 2001. Kiepenheuer&Witsch. ISBN/EAN: 9783462030273. EUR 19,90 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Der nächtliche Skater

Mir hat das Buch »Der nächtliche Skater« von Tanja Schwarz dermaßen gut gefallen! Ich finde, dass es sich sehr angenehm von den aktuellen Boygroup-Büchern abhebt. Hier geht es in meinen Augen nicht um Nabelschau, sondern um den etwas anderen Blick auf die Welt draußen. Ich habe mich selten so gut unterhalten und gleichzeitig so gefesselt gefühlt. Außerdem haben diese Erzählungen sprachlich einige originelle Leckerbissen zu bieten. Hier hat eine Erzählerin noch was zu erzählen. Einfach mal lesen!

Kpusz

Tanja Schwarz: Der nächtliche Skater. Gebundene Ausgabe. 2001. Kiepenheuer. ISBN/EAN: 9783378006386. EUR 15,00
Tanja Schwarz: Der nächtliche Skater. Broschiert. 2003. Aufbau Tb. ISBN/EAN: 9783746619712. EUR 7,95

Buch

Faust I

Ich war Gott sei dank in der glücklichen Situation, den Faust I nicht im Deutsch-LK besprechen zu müssen - und deshalb hatte ich auch die Möglichkeit, ihn lieben zu lernen. Wenn ich wirklich im tiefsten depressiv bin, hilft der Faust nicht weiter, aber er zeigt, dass all die Probleme, das Streben nach Wahrheit, Tod, Gott und Teufel, das Lieben, die Sexualität und deren Folgen vor allem für Frauen Probleme sind, die meta-historisch sind, und das beruhigt mich immer ungemein, bin ich doch weder in meiner Zeit noch in meinen Gedanken allein, wenn ich mir sage: Weh und ach, zwei Herzen schlagen in meiner Brust.

Das Dogma

Johann Wolfgang Goethe: Faust 1. Der Tragödie erster Teil. Taschenbuch. 1986. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH. ISBN/EAN: 9783150000014. EUR 2,20

Buch

Troja war nicht allein

Seit kurzem gibt es vom Thorbecke-Verlag ein kleines Büchlein »Troja war nicht allein« von Waltraud Sperlich. Abgesehen von einem typisch wissenschaftlichen (und damit für Otto-Normalleser langweiligen!) Vorwort eines Archäologieprofessors ist es ein herrlich kurzweiliges, für von Archäologie bisher unbeleckte Leser spannend zu lesendes Buch über die Ausgrabungen in Troja von Schliemann bis heute. Macht richtig Appetit auf mehr. Endlich mal keine verstaubte Professorensprache. Muss man gelesen haben.

Ulf Koepsel

Waltraud Sperlich: Troja war nicht allein. Taschenbuch. 2001. Jan Thorbecke Verlag, Stuttgart. ISBN/EAN: 9783799579810. EUR 10,00

Herr Lehmann

Alles fängt damit an, dass Herrn Lehmann nach alkoholträchtiger Arbeitsnacht in der Kneipe, in der er jobbt, der Nachhauseweg von einem wurstförmigen, sabbernden Hund versperrt wird, der sich um nichts auf der Welt, auch nicht durch gutes Zureden, verscheuchen lässt. Zufällig hat Herr Lehmann, ganz entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, eine Flasche Whisky mitgehen lassen und als die geleert ist, ist nicht nur er sondern auch der Hund sturzbetrunken.
     In lockerer Form reiht Sven Regener, bekannt als Sänger, Texter und Trompeter der Band Element of Crime, eine Anekdote an die andere. Herausgekommen ist dabei eine witzige, ungemein menschliche Geschichte, die so ganz nebenbei den Mythos Kreuzberg demontiert, der in vielen Köpfen nach wie vor herumspukt und dem sich so mancher Kreuzberger heute noch verpflichtet fühlt. Liebevoll ironisch, aber nie diffamierend, nimmt der Autor die Aussteigergeneration ins Visier, die sich in den 80-iger Jahren in Kreuzberg niedergelassen hat und hier im Laufe der Zeit festgerostet ist. Herr Lehmann bringt das Dilemma auf den Punkt: »... die meisten, die ich kenne, sagen dann: Ja, ich arbeite in einer Kneipe, aber eigentlich mache ich Kunst, eigentlich mache ich Musik in einer Band, eigentlich studiere ich, eigentlich, eigentlich... Aber was ist das für ein trauriger Umgang mit dem, was man tut, wenn man es immer nur als Zwischenlösung ansieht?«
     Herr Lehmann, der eigentlich Frank heißt, den aber alle Welt nur noch Herr Lehmann nennt, seit sich herumgesprochen hat, dass er demnächst dreißig wird, stolpert nach seinem nächtlichen Abenteuer mit dem Hund, getreu dem Motto »Ein Unglück kommt selten allein«, von einer unerfreulichen Situation in die nächste. Und egal, ob er dabei ins Philosophieren kommt über so eine »Scheißmetapher wie Lebensinhalt«, oder ob er sich mit einem humorlosen Grenzbeamten der DDR ein Redegefecht liefert, das alles ist höchst amüsant. Man fühlt sich an den pointierten Wortwitz eines Erich Kästners erinnert, wenn Herr Lehmann sich mit den Tücken des alltäglichen Lebens herumschlägt und die behäbige Kreuzberger Szene, und damit auch seine Person, einer ironischen Bestandsaufnahme unterzieht. Eine Etage tiefer bewegt er sich dabei allerdings schon: Wo Kästner zeitkritisch ist, da ist Regener nur szenekritisch. Mit Politik hat Herr Lehmann so gar nichts am Hut. Aber das verzeiht man ihm.

Jutta Herrmann

Sven Regener: Herr Lehmann. Taschenbuch. 2003. Goldmann Verlag. ISBN/EAN: 9783442453306. EUR 8,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Sven Regener: Herr Lehmann: Ein Roman. Gebundene Ausgabe. 2009. Eichborn Verlag. ISBN/EAN: 9783821807058. EUR 19,99 (Bestellen bei Amazon.de)
Sven Regener: Herr Lehmann. Hörbuch-Download. 2009. tacheles! / Roof Music. EUR 24,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Sven Regener: Neue Vahr Süd. Taschenbuch. 2006. Goldmann Verlag. ISBN/EAN: 9783442459919. EUR 9,95 (Bestellen bei Amazon.de)
Sven Regener: Die Lehmann Trilogie. Gebundene Ausgabe. 2009. Eichborn. ISBN/EAN: 9783821809649. EUR 45,00 (Bestellen bei Amazon.de)
Sven Regener, Viktor Rintelen: LiteraNova: Herr Lehmann. Taschenbuch. 2013. Cornelsen Verlag. ISBN/EAN: 9783464616611. EUR 14,50 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Herr Aurich

Ein Buch, welches trotz der nötigen und verständlichen Distanz, die die Autorin zu ihrem Protagonisten immer wahren kann, dem Leser einen prima Blick in den Kopf eines DDR-Funktionärs bietet und seine Position in der Gesellschaft (Familie, Kollegen) illustriert. Die gelungene Offenlegung der Egozentrik eines Peinigers von einst.

Jan Saal

Monika Maron: Herr Aurich: Erzählung. Gebundene Ausgabe. 2001. S. Fischer Verlag. ISBN/EAN: 9783100488169. EUR 10,00 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Thymian und Steine

Der Leser lernt ein Land kennen, von dem er, trotz der vielen Fernsehsendungen und Zeitungsartikel über dieses Krisengebiet, keine konkrete Vorstellung hat. Sumaya Farhat-Naser beschreibt die Sonnenseite, aber auch die Schattenseite ihrer Heimat, ohne in Ideologie zu verfallen. Aufgewachsen ist die Autorin, wo der Thymian blüht, inmitten von Olivenhainen - daher der Titel des Buches. Wer Palästina verlassen hat, träumt ständig von der Heimkehr und sehnt sich nach dem Duft der Sträucher, dem Schatten der Olivenbäume und dem Rauschen der Quellen, schreibt sie.
      »Thymian und Steine«. Die Steine sind ebenfalls ein Symbol palästinensischer Existenz. Fels und Steine prägen die kargen Hügel; aus dem Stein quillt das Wasser, in Häusern aus Stein leben sie. Mit den Händen räumen sie die Steine aus den Feldern. Sie dienen aber auch als Barrikaden, zur Verteidigung wie zum Angriff. Sie symbolisieren Unbarmherzigkeit und verweisen auf Hindernisse. Sie verbinden das Leben mit dem Tod.
      Leben und Tod, diese beiden Themen sind zentral in dieser berührenden Autobiografie einer Frau, die keine typisch arabische Erziehung genossen hat. Sumaya Farhat-Naser verbringt ihre Schulzeit zwischen zwei Welten. Denn als palästinensische Christin konnte sie eine Internatsschule deutscher Diakonissen besuchen, die für die Ausbildung von Mädchen in Palästina bestimmt war. Sie beschreibt die deutschen Diakonissen als freundlich, aber auch streng und fremd. Nicht nur ihre Sprache, sondern auch ihre Verhaltensweisen wie das Wandern oder das Knicksen bei der Begrüßung, wozu sie die Schülerinnen zwangen. Es war Vorschrift, an drei Tagen Deutsch, an drei Tagen Englisch und nur am Sonntag Arabisch zu sprechen.
      Nach dem Abitur geht sie nach Hamburg, um Biologie und Geographie zu studieren. Sehr interessant sind ihre Beobachtungen des Lebens in Deutschland und der Vergleich mit der Kultur ihres Heimatlandes. In Hamburg erlebt sie, dass die Deutschen bei dem Wort Israel ihr kritisches Denken auszuschalten scheinen, wenn sie von ihren eigenen Erfahrungen als Palästinenserin berichten will. Die Konsequenz ist, dass sie sich oft ausgeschlossen fühlt.
      Sumaya Farhat-Naser verfällt trotz dieser schwierigen Realität nicht in einseitige Schuldzuweisungen. Unterstützt von ihrer großen poetischen und erzählerischen Begabung schafft sie ein gutes Beispiel engagierter Politliteratur, die sich besonders auf das Leben der Frauen in ihrem Land konzentriert.

Sabine Scholz

Sumaya Farhat-Naser: Thymian und Steine: Eine palästinensische Lebensgeschichte. Broschiert. 2012. Lenos. ISBN/EAN: 9783857874291. EUR 9,50 (Bestellen bei Amazon.de)
Sumaya Farhat-Naser: Thymian und Steine: Eine palästinensische Lebensgeschichte. Broschiert. 2013. Lenos. ISBN/EAN: 9783857877667. EUR 9,50 (Bestellen bei Amazon.de)

Buch

Glaube, Liebe, Mord

Bombenattentate auf Versammlungen katholischer Würdenträger. Tatort Rheinland. Ein Polizistenpaar, er ein cholerischer Spanier, sie eine zynische Kölnerin, jagen den/die Täter durch halb Deutschland. Am Ende gibt es für alles einen guten Grund und eine faustdicke Überraschung.
      Dieser Thriller führt einen perfekt in die Irre. Erst denkst du, es ginge nur um Geldraub, doch dann explodieren Bomben. Erst denkst du, es handelt sich um eine Bande, doch dann ist es ein einzelner Mann. Erst denkst du, der Täter ist irre, doch er hat ein echtes Motiv, das dich erst am Ende förmlich erschlägt.
      Dieses ganze Hin und Her ist irre spannend gemacht. Immer wird aus einer konventionellen Situation durch eine überraschende Wende etwas ganz anderes, selbst der Schluss endet anders, als du es erwartest hast. Ein bisschen kirchenfeindlich ist es schon, schadet aber nicht, außer, dass du es diesen Leute fast zu leicht zutraust, eine Schweinerei zu begehen. Trotzdem: Sehr clever geschrieben.

Uwe

Thomas Pfanner: Glaube, Liebe, Mord. Taschenbuch. 2001. ESPRESSO. ISBN/EAN: 9783885209201. EUR 3,00

Buch

Die Liebe zu den Wolken

»In dem Jahr, als das Hydro Majestic Hotel als hydropathische Einrichtung scheiterte, verliebte sich Henry Kitchings in die Luft und blieb es. Les Curtain begann die Dämmerung in seinen Lungen zu spüren. Es war ein romantisches Jahr. Die Männer trugen Thermometer mit sich herum und träumten von Frauen, die der Blitz getroffen hatte.«
      Das ist der Anfang dieses mitreißenden Romans, der sich in schier unerschöpflichen, faszinierenden Bildern und Andeutungen aus einer Atmosphäre von Wolken und Nebel über den australischen Blue Mountains erhebt, sich zu konkreter Handlung verdichtet und die Geschichte der Icherzählerin beschreibt, die Geschichte der unerfüllten Liebe der Apothekengehilfin Eureka zu dem 1873 geborenen Harry Kitchings. Eingeflochten ist die Geschichte ihres Vaters, eines Bändermachers aus England, ihrer Mutter, ihrer Verwandten und, vor allem, die von Harry Kitchings, gelernter Buchdrucker und Fotograf aus Leidenschaft, in die Blue Mountains gekommen, um in den Wolken Gott zu fotografieren.
      Der erste Roman von Delia Falconer, geboren 1966 in Sydney, Literaturkritikerin und Dozentin für kreatives Schreiben an der Universität Sydney. Ein herausragender Roman.
      Harry Kitchings gelingen bei seinem unablässigen Bemühen, Gott zu fotografieren, immerhin Aufnahmen, die Fantastisches, Mystisches aus Wolken, Pflanzen, Bäumen, aus der Natur hervorholen. Und die Erzählerin, die die Geschichte ihrer Verwandtschaft aus den Bildern von Fotoalben entschlüsseln kann, gibt währenddessen eine lebendige Schilderung des Lebens in zivilisierteren Landstrichen Australiens zur Zeit ihrer Liebe und zur Zeit des ersten Weltkrieges, dessen Auswirkungen sich auch hier bemerkbar machen.
      Mit dem Ende ihrer fruchtlosen Liebe zu Harry verschwinden für Eureka die Wolken vom Himmel, die diesen für sie bis dahin belebten, das Blau der Berge wandelt sich in fahles Grau. Doch im Krankenhaus, wo sie nach der Affäre mit Harry arbeitet, kommen neue Bilder und eine neue Liebe auf sie zu. Und dahinter taucht die zu Harry wieder auf.
      »Die Luft leuchtet so stark, dass sie sich bläht. Sie schwebt am Horizont wie ein großer, zitternd an einem scharfen Felsvorsprung hängender Wassertropfen. Oder wie ein blaues Diapositiv, von Licht durchschossen, glühend, in Erwartung eines Bildes.«
      Mit diesen Worten endet der Roman, dessen Bilder das Leben, vor allem das hier geschilderte, einfühlsam, unvergesslich, einmalig machen.

Theo Schmich

Delia Falconer: Die Liebe zu den Wolken. Gebundene Ausgabe. 1999. S. Fischer. ISBN/EAN: 9783764502263. EUR 19,90
delia falconer: die liebe zu den wolken. roman. Gebundene Ausgabe. 1999. fischer verlag
Delia Falconer: Die Liebe zu den Wolken.,. Gebundene Ausgabe. 2000. S. Fischer., Frankfurt 2000,


Wenn Sie ein gutes Buch gelesen haben, das Sie weiterempfehlen möchten: Schreiben Sie uns eine kurze Kritik. Egal, ob es nur zwei Sätze sind oder es eine ausführliche Besprechung ist. Egal, ob das Buch eine aktuelle Neuerscheinung ist oder schon seit Jahren erhältlich ist. Einzige Bedingung: Das Buch sollte noch über den Buchhandel erhältlich sein.

ZurückSeitenanfangWeiter