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Schlafsack, heißer Tee und Bücher

Malte Bremer war zum Lesen an der Ostsee und stellt kurz und knapp vier Werke vor.
Mit einer Anmerkung von Hermann Mensing.

Weg, weg, weg - 9 Tage weg von allem, endlich nichts mehr müssen, nur noch dürfen, im Zelt, an der Ostsee; kühl war's, regnerisch, Hagel auch, immer wieder Sonne, das Wasser viel zu kalt zum Baden, die Wege zu nass zum Inlinern, unerreichbar für alle und jeden - aber ein warmer Schlafsack und Mengen heißen Tees und endlich wieder einmal gelesen, gelesen, gelesen ...
 

 
Frank Schulz: Morbus fonticuli: Oder Die Sehnsucht des Laien. Hagener Trilogie II. Taschenbuch. 2003. ZWEITAUSENDEINS. ISBN/EAN: 9783861505235. EUR 9,99

Cover: Frank Schulz, Morbus fonticuli oder Die Sehnsucht des LaienWas und wie Frank Schulz mit Wörtern jongliert und mit Sprache hantiert ist schon mehr als phänomenal: »Schon wieder lag ich auf der südlichen Seite der Elbe und war einfach nicht mehr wegzudenken, weit weg am liebsten. Wie das Luftbläschen im grünen Auge einer Wasserwaage bewegte sich träg, aber schon wieder geradezu greifbar plastisch ein Bleiei in meinem Schädelballon. Nur im austarierten Zustand gab's keine Kollisionen mit den empfindlichen Ballonwänden, und deshalb überließ ich diesmal allein Muschi die Überwachung Frauchens, das meinen Kavalier schon wieder aufs ausdauernste charmierte.« (S. 261f)
     Wie lange braucht jemand, um solche Sätze zu basteln 738 Seiten lang, ohne je Langeweile zu produzieren? Und es ist nicht nur diese ganz zufällig aufgeschlagene Stelle - Frank Schulz jongliert nicht minder souverän mit wissenschaftlichen Vokabeln; sollten diese ihm nicht genügen, erfindet er flugs eigene: hochideosynkratischer diametraler Semantizitätsnexus, -sexus und -plexus z. B.; man muss es nicht verstehen, aber wer will, findet im 24-seitigen angehängten »Lexikon für Laien« Auf- und Erklärung die Fülle, gewissermaßen eine Entschuldigung für den »Begriffswahn des Ich-Erzählers«.
     Wer Muße hat und Spaß an manchmal fast schon manieristischen Sprachalfanzereien, der muss sie lesen, diese »furiose Mischung aus Schelmen-, Heimat-, Sitten- und Sozialroman, ein humoristisch-realistisches Monumentalwerk«, wie Michael Kothes (Die Zeit) völlig zu Recht auf dem Klappentext schwärmt.

Guten Tag Malte,
     ich las gerade deine Kritik zu Frank Schulz' Buch. Ich habe mir vor einiger Zeit Kolks blonde Bräute zugelegt, das bei 2001 wieder aufgelegt wurde und gleich zu lesen begonnen, aber damit geht es mir überhaupt nicht gut. Ich werde das Gefühl nicht los, ein Frank Schulz war genug. Nicht, dass es schlechter geschrieben wäre. Aber es funkt einfach nicht so, wie das andere. Ob es nun gefunkt hätte, wenn Kolk mein erstes Leseerlebnis mit Schulz gewesen wäre?-
     Ich erinnere mich jedoch, dass es mir bei der Trilogie des laufenden Schwachsinns (von Eckhard Henscheid, Anm. von Malte Bremer) ähnlich ergangen ist.
     Vielleicht reicht bei dieser Art der Gegenwarts-Schilderung immer nur eine. Vielleicht sollte jeder sowieso nur einen Roman schreiben dürfen und sich danach sinnvolleren Tätigkeiten hingeben.
     Mit diesen Worten wünsche ich eine schöne Zeit
     Hermann Mensing

Frank Schulz: Kolks blonde Bräute: Hagener Trilogie I. Taschenbuch. 2005. ZWEITAUSENDEINS. ISBN/EAN: 9783861505570. EUR 8,90

Margaret Allison, Michelle Celmer, Rita Clay Estrada: Baccara Exklusiv Band 110. Kindle Edition. 2013. CORA Verlag GmbH & Co. KG (Herunterladen bei Amazon.de)
Eduardo Luis Rodríguez, Roberto Santana Duque Estrada: Architekturführer Havanna. Broschiert. 2013. DOM publishers. ISBN/EAN: 9783869222264. EUR 28,00 (Bestellen bei Amazon.de)
Billy James: Frank Zappa und die Mothers Of Invention: Die frühen Jahre. Broschiert. 2007. Hannibal Verlag. ISBN/EAN: 9783854452799. EUR 17,90 (Bestellen bei Amazon.de)

(nicht mehr lieferbar -
aber nicht weiter schlimm)

Cover: Ezequiel Martínez Estrada, Das Buch, das verschwandSo kann man wiederum auf Klappentexte reinfallen: Angeblich sei diese Erzählung des argentinischen Autors eine »kleine Kostbarkeit: eine wunderbar witzige und spritzige, dabei äußerst spannende Spielerei mit den Grenzen von Wirklichkeit und Fiktion, Sein und Schein.« Ich habe mich 23 Seiten lang durch den fürchterlich bemühten Flachwitz des Ich-Erzählers gequält, der nach einem verschwundenen Manuskript sucht und es wohl rekonstruieren will oder muss oder darf - so genau weiß ich es auch nicht, denn ich gestehe, dass ich die restlichen 53 Seiten gar nicht mehr gelesen habe!
     Was soll ich mit so einem Buch? Aber vielleicht gibt es ja Fans von Estrada oder Feinde von mir: Ich verschenke dieses Buch, nicht einmal Porto will ich erstattet haben! Die erste Mail mit dem Betreff »verschwundenes Buch« gewinnt - versprochen! (Nachtrag: Einen Tag, nachdem mein Angebot hier zu lesen war, traf eine entsprechende Mail ein, und das Buch nun auf dem Weg nach Bad König).

Hippe Habasch: die liebe kam von links. Taschenbuch. 2004. EDITION SIGNAThUR. ISBN/EAN: 9783908141297. EUR 16,00

Cover: Hippe Habasch, die liebe kam von linksLiest man zunächst das Vorwort des handsignierten Bändchens - deswegen heißt es ja auch so, wie es heißt -, ist man erstaunt, was man alles nicht weiß oder wusste; aber schließlich ist man ja nicht Literaturprofessor und will sich auch nicht messen mit Mario Andreotti, denn kein Geringerer ist es, der hier das Vorwort schreibt.
    A
ber dann darf man sich freuen auf 21 Miniaturen von Hippe Habasch: bissig, gemein, humorvoll, hinterfotzig, anrührend, überraschend, witzig, erschreckend, schlitzohrig, boshaft, verspielt, raffiniert, grandios! Und wenn man noch staunend ob der Technik des Verschweigens sich auf die nächste Miniatur einlässt und plötzlich feststellen muss, dass die andere offenbar noch gar nicht beendet war: dann spätestens zügelt man sein Lesevergnügen und liest die vorangegangene nochmals und nochmal und entdeckt weitere Fallen und Tücken ...
     
Das Einzige, was mir zutiefst missfällt: die Auflage ist begrenzt!!! Also nichts wie bestellt und bestellt - vielleicht wird die Auflage ja erhöht bei entsprechender Nachfrage: das Bändchen hätte es mehr als verdient!

Else Buschheuer: Masserberg: Roman. Taschenbuch. 2010. Aufbau Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783746625874. EUR 8,95 (Bestellen bei Amazon.de)

Cover: Else Buschheuer, MasserbergMasserberg steht hier für den Namen einer ehemaligen (?) Augenklinik in Thüringen; die höchst unangepasste 17-jährige Mel droht hier gemeinsam mit einer Gruppe pfiffiger bzw. dröger Greise und Greisinnen zu erblinden; wenn sie nicht gerade heftig leidet, mischt Mel diese Klinik gewaltig auf, von außerhalb unterstützt durch ihre vier hörigen Freunde und Freundinnen. Schließlich verliebt sie sich in einen Stasi-Arzt, was letztlich böse endet.
     Plastisch werden die späten DDR-Verhältnisse dargestellt, ohne Zeigefinger oder Ostalgie, und die perfide Kleinbürgerlichkeit bekommt gehörig eins hinter die Löffel. Es gibt viel zu schmunzeln - und es gibt vieles, was einen anrührt! Grandios z. B. die Darstellung von Mels »heimlichen« Theaterproben um 7 in der Früh auf einer Naturbühne oder ihre Kaltschnäuzigkeit oder …


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