Bloggen ist zum Glück mehr
Don Alphonso und Kai Pahl unternehmen den Versuch, Texte, die im Internet gut aufgehoben sind, als Buch herauszugeben - und scheitern erwartungsgemäß.

Cover: BLOGS!

Was sind Blogs?
An dieser Definition haben sich schon viele die Finger verbrannt. Wir versuchen es dennoch: Weblogs (kurz Blogs) sind regelmäßig im Internet veröffentlichte persönliche Betrachtungen. Die Themen sind hierbei breit gefächert. Sie reichen vom eigenen Leben, sodass das Blog einer Art öffentlichem Tagebuch gleicht, bis hin zur Sammlung von im Web aufgespürten Texten und Bildern, die der Blogger kommentiert. Bei dieser Form der Blogs spielen Links eine wichtige Rolle, und Blogs bilden so eine Art kommentierende Meta-Ebene. Damit das so genannte Bloggen für jedermann ohne große technische Kenntnisse möglich ist, gibt es spezielle Softwaretools oder Dienstleister, mit deren Hilfe man schnell sein eigenes Blog aufsetzen kann. Meist können dann wiederum die Besucher oder Leser eines Blogs Kommentare zu den einzelnen Beiträgen abgeben, die direkt unter diesen veröffentlicht werden. Ein klickbarer Kalender macht häufig die Einträge einzelner Tage gezielt zugänglich. So genannte Trackbacks können auf Beiträge in andern Blogs verweisen, die sich auf den eigenen Eintrag beziehen und diesen wiederum kommentieren. So entsteht ein Beziehungsgeflecht, das zusätzlich dadurch gestärkt wird, dass ein Blogger in so genannten Blogrolls wiederum auf seine Lieblingsblogs verlinkt. Wer einmal begonnen hat zu lesen, der klickt sich durch die Blogosphäre, versinkt zwischen Teenie-Tagebüchern und Schwärmereien über die neuesten Produkte der Firma Apple, zwischen den wunderbaren Betrachtungen einer Buchhändlerin und Filmkritiken - und mag vielleicht erst Stunden später wieder auftauchen, oft mit dem Wunsch, demnächst selbst mit dem Bloggen zu beginnen.

XML (RSS-Feed)Hinweis: Blog-Funktionalitäten wie Kommentare und Trackbacks bieten auch unsere Notizen der Redaktion. Alle Notizen und Hinweise auf neue redaktionelle Beiträge im Literatur-Café enthält zudem unser RSS-Feed.

Das Rezensionsexemplar von BLOGS! lag vor der Eingangstür zu den Redaktionsräumen. Es kam nicht ganz unerwartet, doch damit gerechnet hatten wir nicht mehr. Vor über einem halben Jahr hatte uns eine nette Dame vom Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag angemailt: Sie sei in Stuttgart, und da könne man sich doch eigentlich mal treffen, um »ein paar spannende Titel aus dem Frühjahrsprogramm vorzustellen«. Wir antworteten vorsichtig, dass dies vielleicht vergebliche Liebesmüh sein, denn eigentlich schreiben wir vom Literatur-Café kaum eigene Rezensionen. Und wenn doch, dann nur, wenn ein Buch sehr überragend sei oder furchtbar schrecklich. Oder wenn uns im Urlaub langweilig ist. Aber die nette Dame blieb zum Glück beharrlich, und so saßen wir eines Abends im Stuttgarter Literaturhaus und blätterten gemeinsam im Verlagsprospekt. Wir wollten wissen, warum man denn in der heutigen Zeit noch so schöne Bücher mit großformatigen Fotos herausbringt, und sie, warum man eine Website wie das Literatur-Café betreibt, die zwar überall bekannt sei, von der man aber nicht leben kann. Zu beidem, so stellen wir fest, gehört wohl viel Idealismus und die Freude daran, das zu machen, was einem selbst gefällt.
     Und dann fiel unser Blick auf die Ankündigung des Buches BLOGS! vom Herausgeber Don Alphonso. Uns überkam ein wenig ein schlechtes Gefühl, denn Don Alphonsos Roman LIQUIDE wollten wir eigentlich auch schon immer mal besprochen haben. Aber irgendwie war nie die Zeit für eine Rezension, obwohl uns LIQUIDE sehr gefallen hatte. Ein Roman aus der so genannten Zeit der »New Economy«, als Investoren Geld für unternehmerische Luftblasen gezahlt haben - viel Geld. In LIQUIDE macht sich ein zusammengewürfeltes Trio aus Versagern im Namen eines Investors auf den Weg, um das noch verbleibende Venture Capital aus einigen New-Economy-Firmen herauszuziehen, bevor es restlos verbrannt ist. Ein Roman, der tragisch endet und dem andere Rezensenten mit Recht einen hohen Unterhaltungswert bescheinigten, auch wenn einige Figuren sehr überzeichnet seien. Diesem letzten Punkt hätten wir uns in unserer nie geschriebenen Rezension nicht angeschlossen, denn wer selbst die New Economy erlebt hat, der weiß, dass es viele dieser Roman-Typen aus LIQUIDE wirklich gab.
     »Ah«, sagten wir zur netten Dame vom Verlag, »Don Alphonso schreibt jetzt über Weblogs. Na, wenn das man gut geht!« Immerhin ist die Blogosphäre stellenweise eine eitle Gesellschaft. Und aus dieser einige rauspicken, um sie in einem Buch zu präsentieren? Und Don Alphonsos dotcomtod.de (ging leider zwei Monate nach der Buchveröffentlichung offline) kommt auch drin vor. Ist das eigentlich überhaupt ein Blog? Dieses Buch würde uns dann natürlich doch sehr interessieren. »Ich schicke Ihnen das Buch nach Erscheinen gerne zu«, sagte die nette Dame vom Verlag.
     Und das Buch kam nicht. Zumindest nicht im Frühjahr. Aber letzte Woche dann, im Herbst darauf, lag es vor unserer Tür.
     Nun erreichte uns das Werk aber nicht ganz unvorbereitet, weil Meinungen und Diskussionen darüber schon seit Tagen durch die Blogs geistern. Viele Meinungen. Und nun sollen auch wir vom Literatur-Café noch was darüber schreiben? Dürfen wir das eigentlich als Nicht-Blogger? Gut, es gibt unsere Redaktionsnotizen. Das geht schon in diese Richtung. Und das, was unser Redaktionsreisender Gero von Büttner 1998 täglich aus England berichtete, das würde heute wohl Moblogging (Mobile Blogging) heißen und wäre natürlich nicht in schnödem statischen HTML entworfen. So neu, wie vieles scheint, ist es also gar nicht.
     Das Buch BLOGS! ist 350 Seiten dick, und ein erstes kurzes Durchblättern zeigt eine luxuriöse und durchgehend farbige Gestaltung mit vielen Bildern. Wieder einmal hat man sich bei Schwarzkopf & Schwarzkopf nicht lumpen lassen.
     Nicht ohne Grund steht hinter dem groß geschriebenen Titel ein Ausrufezeichen, denn dieses Buch will kein technischer Ratgeber à la Data Becker sein, der haarklein zeigt, wie man sein eigenes Blog einrichtet. Und es ist keine psychologisch-wissenschaftliche Betrachtung darüber, was scheinbar ganz normale Menschen dazu treibt, ihr Privatleben vor anderen auszubreiten, und warum andere diese Nichtigkeiten dann auch noch lesen. Das Buch ist von allem etwas, enthält technische und juristische Tipps und Ratschläge, aber es will vor allem eines: das Lebensgefühl des Bloggens wiedergeben, was dem Buch zweifelsohne gelungen ist, wie viele Blogger bestätigen. Es ist in diesem Sinne ein Zeitdokument, das versucht, die Flüchtigkeit des Netzes in Papierform einzufangen. Und Don Alphonso zieht mächtig vom Leder und preist die Bloggerszene wie einst die Redakteurs-Volontärin eines E-Business-Magazins die New Economy. Um Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, greift er zu dem Stilmittel, das er bereits in LIQUIDE gekonnt eingesetzt hat: er führt selbst alle möglichen Bedenken und Kritikpunkte gegen das Buch auf. »Warum diese Blogger? Warum nicht die anderen?« heißt z. B. ein Kapitel. Dort lesen wir: »Die Vernetzung dieser Sites [d.h. von Weblogs die viel mit Verlinkungen arbeiten] ist für das Internet optimal. Gleichzeitig macht dieses Prinzip die Weblogs jenseits des Internets unbrauchbar.« Folgt man dieser Logik, so folgen nach dieser Einführung über 250 unbrauchbare Seiten, denn der Großteil des Buches besteht aus einer Art simulierter Weblogs, deren Texte man abgedruckt hat. Dabei hat man sich die Mühe gemacht, das Layout im Buch ihrer optischen Erscheinung im Web anzupassen, was durchaus gut gelungen ist. Außerdem gibt’s zu jedem Blogger einen kurzen Fragebogen.
     »Für das Medium Buch muss man auf Texte zurückgreifen, die nicht dieser ursprünglichen Auffassung vom Internet-Logbuch entsprechen.« Aha. Ein Buch über Blogs mit Beispielen, die keine Blogs sind? Wir lesen weiter: »Blogs haben sich in letzter Zeit deutlich in Richtung eines [sic!] Onlinemagazins verwandelt, in dem der Betreiber über seine Sicht der Welt berichtet.«
     Das im Buch folgende Kapitel besitzt dann folgerichtig den provokanten Titel »Ein Dutzend Gründe, warum Blogs den Journalismus im Internet aufmischen werden«. Dass dem so ist, ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Einige Blogs kommentieren die etablierten Medien in gekonnter Weise, weisen Fehler nach oder ermitteln, wo der Journalist die vermeintlich selbst recherchierte Story abgeschrieben hat. Das letzte Beispiel dieser Art war z.B. die ursprünglich als »Exklusiv« betitelte Serie des SPIEGEL Online über die Herkunft von berühmten Markennamen. Ein Blogger wies nach, dass diese Serie aus einer Liste der englischen Ausgabe des Wikipedia abgeschrieben und leicht aufgemotzt war. Inklusive kleiner Erklärungs- und Sortierfehler. Kleinlaut ergänzte der SPIEGEL dann den Satz »Weitere Erklärungen von Firmennamen finden Sie in der englischen Ausgabe der Web-Enzyklopädie Wikipedia«, und das Wort »Exklusiv« war verschwunden. Kein Wunder also, dass manche Journalisten auf Blogger nicht gut zu sprechen sind und sie gerne als schreibende Laien herabwürdigen.
     So liest man also die 12 Gründe, die Don Alphonso aufführt. »Blogs werden nicht von PR behelligt«, heißt es da oder Blogs sind »nicht an Werbekunden gebunden«.
     An dieser Stelle sei auch noch darauf hingewiesen, dass Don Alphonso Blogs als eine neue Form der Netzliteratur betrachtet, nachdem sich deren Niedergang seinerzeit zeitgleich mit der New Economy vollzogen habe.
     Mit solch hehren Worten aufgeputscht, gelangt man auf die Seiten, die sozusagen beispielhaft einige Weblogs aufführen. Der unbedarfte Leser mag nun vielleicht Texte von journalistisch-investigativer Brisanz oder zumindest mit literarischen Qualitäten erwarten.
     Und was is? Nix is!
     Wir fühlen uns kurzzeitig ins Jahr 2001 zurückversetzt, als schon einmal versucht wurde, ein Web-Projekt als Buch zu veröffentlichen. BLOGS! ist zweifelsohne in einem richtigen Verlag erschienen und hat viele bunte Seiten. All das kann aber nicht von den belanglosen Texten ablenken, die hier versammelt sind und den Großteil des Buches ausmachen. Wir könnten hier unzählige Zitate anführen, deren Poesiealbum-Qualitäten einen ins Sofapolster beißen lassen würden und alles andere als literarisch oder journalistisch gehaltvoll sind. Von was hatte Don Alphonso in seiner Einleitung gesprochen? Diese Texte kann er nicht gemeint haben. Wie gesagt, wir wollen keine Beispiele nennen oder einzelne im Buch versammelte Blogger negativ herausstellen, denn damit täte man ihnen Unrecht, und das hätten sie nicht verdient, denn die Texte haben ihre Berechtigung - im Netz. Viele mögen sie dort mit Interesse lesen, weil sie zur Situation passen und man voyeuristisch in das scheinbare Leben anderer blicken kann. Aber literarisch betrachtet lohnt es sich nicht, sie auf Papier zu drucken und dafür auch noch 24,50 EUR auszugeben. Als Versuch einer Dokumentation, als Versuch, die Flüchtigkeit des Netzes einzufangen, mag das Buch seine Berechtigung haben. Nicht umsonst wird es in der Blogosphäre überwiegend beigeistert aufgenommen und bereits schon jetzt als DAS Blogbuch bezeichnet, weil es die Blogoshäre ergänzt und in gewisser Weise ein Teil von ihr wird, indem über das Buch gebloggt wird und indem es nicht zuletzt auch das Blog zum Buch gibt. Denn Bloggen, das ist zum Glück mehr, als in dieses Buch passt.

Wolfgang Tischer

Nachtrag: Schneller als vom Herausgeber Don Alphonso beabsichtigt, wird BLOGS! seinem Dokumentationscharakter gerecht. Keine zwei Monate nach Erscheinen des Buchs, geht die Website www.dotcomtod.de offline. Höchstwahrscheinlich wegen Ausseinandersetzungen zwischen den jetzigen und ehemaligen Betreiber über die inhaltliche Ausrichtung der Website. Aber darüber kann nur spekuliert werden. Allerdings soll die Website demnächst wieder online gehen.

Permalink für diesen Beitag: http://www.literaturcafe.de/buecher/blogs.shtml :-)

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Don Alphonso: Liquide: Der finale Dotcomtod Roman, worin drei Helden ausziehen, um den Reichen und Mächtigen zu nehmen, und um einem noch Reicheren wiederzugeben, .. üblichen Spesen für Sex, Drogen und Luxus. Gebundene Ausgabe. 2003. Schwarzkopf & Schwarzkopf. ISBN/EAN: 9783896024497


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