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»Wenn ich keinen Zettel bei mir hab, dann fühle ich mich, als hätte ich kein Taschentuch bei mir«

Ein Interview mit der Autorin Ulla Hahn über die Vorteile von Romanen, die Namensfindung von Hauptfiguren und Lieblingswörter

Ulla Hahn, derzeit Deutschlands bekannteste Lyrikerin, wagte sich im Herbst 2001 mit ihrem Roman »Das verborgene Wort« zum zweiten Male auf episches Terrain. Unsere Redakteurin Eileen Stiller traf die Autorin in Wiesbaden anlässlich der diesjährigen Preisverleihung zum »Hörbuch des Jahres« und sprach mit ihr über ihr autobiografisch gefärbtes Werk.

Ulla HahnDas Literatur-Café: In einigen Ihrer Arbeiten, so z.B. in den Gedichten »Aufgewachsen« und »Auf dem Dorfe«, aber besonders in Ihrem Essay »Für den, der fragt«, haben Sie die Thematik Ihres neuen Buches bereits angedeutet. Was war denn letztendlich ausschlaggebend für die endgültige Niederschrift?

Ulla Hahn: Das waren immer nur die einzelnen Aspekte. In einem Gedicht können sie sehr schwer Entwicklungen darstellen. Ein Gedicht ist ja in erster Linie eine Sache, die eine Stimmung einfängt, eine punktuelle Sache, eine sehr konzentrierte Angelegenheit. Ich wollte linear etwas strömen lassen, und ich wollte auch noch viele Figuren mit dazu nehmen. Das alles ist in einem Gedicht nicht möglich. Und es kommt auch dazu, dass es eine andere Weltsicht ist. Das heißt, eine Weltsicht, die von dem Subjekt absieht. Ich kann sehr viel mehr Welt, andere Charaktere, Zeitgeschehen einbringen. Ich habe das, als ich meinen Roman jetzt geschrieben hatte, als eine größere Möglichkeit empfunden als in der Lyrik. Sie können ja in einen Roman auch immer wieder lyrische Passagen mit einkomponieren, gerade in Naturbeschreibungen. Oder wenn sie Gefühle beschreiben, was ich allerdings nur sehr zurückhaltend tue, weil ich meine, dass diese im Leser erzeugt und nicht ausgesprochen werden sollen. Das können sie dann wiederum besser im Gedicht machen.
     Es ist schon spannend, zwischen diesen beiden Genres zu wechseln. Sehr schön.

Das Literatur-Café: Was können wir dann als Nächstes von Ihnen erwarten, da sie beide Terrains jetzt einmal kennen gelernt haben?

Ulla Hahn: Zunächst noch einmal Prosa. Ich will das Geschehen dieses Buches noch ein Stück weiter treiben. Auch Rollenprosa finde ich reizvoll, also mal in ganz andere Figuren zu schlüpfen, meinetwegen in einen alten Mann oder eine alte Frau.

Das Literatur-Café: Martin Walser hat einmal gesagt, dass ein Romanschreiber allen Figuren Sympathie entgegen bringen müsste, dass es notwenig sei, dass ein Romanschreiber Mitleidender sei.
     Es macht ja auch für den Leser den Eindruck, dass da immer eine Saite des Mitleids und der Liebe mitschwingt. Wie ist dies mit den autobiografischen Zügen des Buches vereinbar?

Ulla Hahn: Das ist nur dadurch vereinbar, würde ich sagen. Ich hätte das Buch nicht schreiben können mit Zorn im Herzen. Das hätte ich auch nicht gewollt. Mit Menschen, die keine Chance haben, rechnet man nicht ab, sondern da wartet man solange, bis man sie versteht. Und dann fängt man an zu schreiben.

Das Literatur-Café: Lässt sich dies somit auch als Grund für die späte Niederschrift verstehen?

Ulla Hahn: Ja, unbedingt. Ich konnte im Gedicht immer mal wieder so einzelne Aspekte aufgreifen, das sagte ich ja schon, aber diesen großen Bogen zu spannen, für den man ja auch sehr tief wieder in die Vergangenheit gehen muss, das hab ich mir jetzt erst so um die Fünfzig zugetraut. 

Das Literatur-Café: Der Name Ihrer Hauptfigur, Hildegard Palm: reiner Zufall oder Hommage an Ihre Lyrikerkollegin Hilde Domin?

Ulla Hahn: Zunächst war es Zufall. Ich brauchte einen Namen, den man, wie meinen eigenen Namen Ursula, auf Kölsch nicht richtig aussprechen kann, sondern der immer verunstaltet wird. Das war »Heeldejaad«. Da müssen Sie nämlich lange suchen, bis Sie einen brauchbaren Namen finden. Und dann Palm, das ist so ein urkölscher Name, den kann man auf eineinhalb Seiten im Kölner Telefonbuch finden - darunter übrigens dreimal Hildegard Palm. Dann las mein Mann das Manuskript und sagte: Hast du denn nicht gemerkt, dass das Hilde Domin ist. Das hab ich der Hilde Domin, die ich sehr gut kenne, geschildert, und dann sagt sie, klar kannst du das lassen. Meine Romanfigur verkörpert viel von der Lebenshaltung Hilde Domins, dieses Trotzige, dieses Dennoch. Mag sein, dass das Unterbewusstsein da wirklich mitgespielt hat.

Das Literatur-Café: Vor einigen Jahren gab Ihnen Erich Fried den Rat, Gedanken sofort auf einen Zettel zu schreiben. Haben sie denn auch im Moment einen solchen Zettel bei sich?

Ulla Hahn: Ja. Immer. Es geht gar nicht mehr anders. Wenn ich keinen Zettel bei mir hab, dann fühle ich mich, als hätte ich kein Taschentuch bei mir.

Das Literatur-Café: Ich nehme mal an, dass sie genau wie Hildegard ein Buch mit »schönen Worten« angelegt haben. Was ist denn persönlich Ihr »schönstes Wort«?

Ulla Hahn: Liebe. Das Wort, aus dem die Welt entsteht. Gäb's keine Liebe, dann würden Sie und ich hier jetzt nicht sitzen. Das ist das, was uns Menschen hier auf diesem kleinen Planeten überhaupt hervorgebracht hat und am Leben hält. Das Gegenteil ist der Hass, der die Liebe eben auslöscht. Deswegen ist es das umfassendste Wort, das alles andere birgt. Ohne Liebe würden wir alle eingehen.

Das Literatur-Café: Letzte Frage: Lesen Sie gerne vor Publikum?

Ulla Hahn: Sagen wir's mal so: wenn ich mich dazu entschließe zu lesen, dann tu ich es auch gerne.

Das Literatur-Café: Frau Hahn, wir danken Ihnen für das Gespräch.

18.01.2002

Ulla Hahn: Das verborgene Wort: Roman (dtv Unterhaltung). Taschenbuch. 2008. Deutscher Taschenbuch Verlag. ISBN/EAN: 9783423210553. EUR 9,95 » Bestellen bei Amazon.de
Ulla Hahn: Das verborgene Wort: Roman. Gebundene Ausgabe. 2006. Deutsche Verlags-Anstalt. ISBN/EAN: 9783421042439. EUR 24,95 » Bestellen bei Amazon.de
Ulla Hahn: Das verborgene Wort: Roman (dtv Literatur). Taschenbuch. 2003. Deutscher Taschenbuch Verlag. ISBN/EAN: 9783423130899. EUR 12,90 » Bestellen bei Amazon.de
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