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»Entweder ihr redet oder ich rede!« 

Interview mit Robert Gernhardt über Vorlesen und Lesungen

Robert Gernhardts künstlerisches Schaffen ist vielfältig. Er ist Zeichner und Maler, schreibt Ernstes und Komisches (u.a. für Otto Waalkes) und ist auch ein hervorragender Rezitator seiner Texte.
    Mit Robert Gernhardt sprach Wolfgang Tischer.


Literatur-Café: Herr Gernhardt, lesen Sie gerne vor?Robert Gernhardt

Gernhardt: Ja, ich lese gerne vor, weil meine Texte alle eine ziemlich rhetorische Ader haben, und die kommt beim Vorlesen gut zur Wirkung.

Literatur-Café: Sie denken also beim Schreiben auch schon an den Vortrag?

Gernhardt: Nein, ich denke beim Schreiben eigentlich weder ans Lesen noch an den Vortrag, sondern ich denke daran, einen möglichst plausiblen Text zu erstellen, der allerdings manchmal schon vom Titel her ins Vortragsmäßige läuft: Couplet, Lied oder Ballade. Das sind ja alles Vortragsformen.

Literatur-Café: Wie oft kann man Sie auf Lesungen erleben?

Gernhardt: Naja, ich muss mich einschränken. Ich könnte jetzt das ganze Jahr durchlesen, jeden Tag irgendwo eine Lesung geben. Aber ich halte das so, dass ich die Sommermonate hindurch überhaupt nichts mache und in den Jahresanfangsmonaten vielleicht fünfzehn Lesungen und in den Jahresausklangsmonaten fünfzehn Lesungen gebe, sodass ich auf dreißig Lesungen im Jahr komme.

Literatur-Café: Sind Sie auch noch unterwegs mit dem Programm, welches Sie zusammen mit Anne Bärenz und Frank Wolff vom ehemaligen Frankfurter Kurorchester aufführen?

Gernhardt: Ja, sicherlich. Das ist ein Programm, welches wir zusammen erstellt haben und das wir immer wieder mal bei Bedarf und auf Anfrage vorstellen und vorführen. Das ist jedoch etwas anderes als eine Lesung, das ist ein richtiger Auftritt, ein festgelegtes Programm. Ich improvisiere da überhaupt nichts, die beiden anderen auch nicht. Wir haben alle unsere Parts: Anne Bärenz (Klavier) und Frank Wolff (Cello) machen die Musik, ich lese festgelegte Texte - der Großteil sind Gedichte plus ein paar kleine Prosaeinsprengsel.

Literatur-Café: Improvisieren Sie bei Ihren sonstigen Lesungen? Oder ist da auch festgelegt, was Sie lesen?

Gernhardt: Ich improvisiere oder stelle zusammen, je nach Bedarf und Stimmung und je nach Lage der Dinge. Manchmal komme ich in Zusammenhänge, die ich gar nicht überschauen kann: Da sitzen 800 Leute in einer Halle in Reutlingen, und es wird ein Jubiläum gefeiert: Eine Buchhandlung hat ihre Gesellschafter usw. zusammengeladen, und dann stelle ich fest, dass das ganze eigentlich ein Kameradschaftstreffen ist. Die wollen gar nicht zuhören! Die haben zwar sehr viele Künstler eingeladen, die Programm machen, aber die ganze Zeit wird geschwatzt, und dann sehe ich mich auf einmal als Oberlehrer gefordert. Ich muss auf den Tisch hauen und muss sagen: »So, entweder ihr redet oder ich rede!« In diesem Fall habe ich das Programm schnell umgestoßen und habe die etwas subtileren Sachen weggelassen und nur kurze, knappe und harsche Sachen gebracht - »krasse Sachen« sozusagen.

Literatur-Café: Wie sieht für Sie ein ideales Publikum aus? Was ist Ihnen am liebsten?

Gernhardt: Am liebsten sind mir Leute, die sich erst einmal ein wenig orientieren, bevor sie reagieren. Es gibt Zusammenhänge, wo von vornherein Komisches erwartet wird, und da wird dann auch an Stellen gelacht, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt, weil die Leute so auf Lachen aus sind. Das finde ich nicht so schön. Es gibt auch Leute, die sich gar nicht trauen zu lachen, weil sie glauben, in einem furchtbar ernsten und würdigen Zusammenhang zu sein, wenn sie sich in eine Lesung begeben. Diese Leute habe ich auch nicht so gerne.
     Aber diejenigen, die zuhören und in der Lage sind, einigermaßen spontan zu entscheiden »das ist komisch« und »das ist weniger komisch«, »das muss man ernst nehmen« - »darüber darf man lachen«, die sind mir am liebsten.

Literatur-Café: …also Leute, die eigentlich Ihren Stil und Ihre Texte kennen?

Gernhardt: Sie müssen die Texte nicht unbedingt kennen. Es kommen immer wieder Leute dazu, die sie nicht kennen. Ich habe sicherlich einen Stamm von Lesern und Lesungsbesuchern, aber da der sich ja stetig verjüngt - die Erfahrung mache ich - nehme ich an, dass immer wieder Leute hinzukommen, und ich gehe davon aus, dass die die Texte noch nicht so gut kennen und sie erst einmal kennen lernen wollen, wenn sie in eine Lesung kommen. Aber das ist auch eine gute Erfahrung, das sich das regeneriert.

Literatur-Café: Letzte Frage: Was ist das Schlimmste, was Ihnen auf einer Lesung passiert ist?

Gernhardt: Vielleicht nicht das Schlimmste, aber das Kurioseste war Folgendes: Es war eine Lesung in Kaiserslautern, in einem Souterrain. Man konnte auf die Straße schauen und dort die Beine der vorbeigehenden Leute sehen. Es war ein ziemlich großer Raum. Mitten in der Lesung sprangen zwei Leute auf und rasten raus. Ich fragte: »Was habe ich jetzt Falsches gesagt? Ich muss einen furchtbaren Fehler gemacht haben!« Jemand sagte dann: »Das ist nicht Ihre Schuld, die beiden haben gerade gesehen, wie ihr Fahrrad geklaut worden ist.« Die kamen dann auch nach fünf Minuten wieder und hatten den Dieb gestellt.

Literatur-Café: Herr Gernhardt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

20.09.1997


Hör- und Lesetipps:
Gernhardts zuletzt erschienenes Buch heißt »Lichte Gedichte« (Haffmans Verlag/3-251-00366-6) und zeigt sehr gut die Vielfalt seines lyrischen Könnens. Wer Gernhardt einmal hören will, dem sei die CD »Der Ton im Wörtersee« empfohlen (ebenfalls Haffmans/3-251-94530-0), auf der der Dichter seine Texte, unterstützt von Anne Bärenz (Klavier) und Frank Wolff (Cello), vorträgt.
     Fast schon ein Klassiker: »Kippfigur« - 13 Erzählungen (Ein Haffmans Buch bei Heyne/3-453-08290-7).

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