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Beitrag vom 1. August 2017 | Rubrik: Buchkritiken und Tipps

Bravo, Maestro! Der Roman »Abschlussball« von Jess Jochimsen

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Das Buch Abschlussball von Jess Jochimsen

Marten ist Trompeter, und er spielt ausschließlich auf dem Friedhof bei Beerdigungen. Er selbst nennt es lieber Abschiednahme. »Es geht nie um die Toten, sondern um die Lebenden«, lautet das Motto von Martens Arbeitgeber, dem Bestatter Berger.

Als Marten eines Tages bei der Abschiednahme eines früheren Klassenkameraden spielt, muss Marten erkennen, dass es plötzlich auch um sein Leben geht.

»Abschlussball« von Jess Jochimsen ist ein wunderbar anrührender Roman, der nicht kitschig wird und perfekt komponiert ist. Ein Buch, das man in diesem Sommer lesen sollte.

Abschiednahme statt Beerdigung

Jess Jochimsen (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Jess Jochimsen (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Der Friedhofstrompeter Marten ist eine typische Jess-Jochimsen-Figur. Wobei sich die Frage stellt, ob man von »typisch« sprechen kann, wenn der Autor bislang nur zwei Romane geschrieben hat (und den ersten vor 12 Jahren)? Doch ja, man kann, denn die Bücher von Jochimsen sind zurückhaltend wie seine Bühnenprogramme. Jess Jochimsen ist das, was man Kabarettist, Komiker oder Comedian nennt. Aber er gehört nicht so den lauten und platten Vertretern seiner Art. Jochimsen unterhält eher leise und nachdenklich – eben mit Niveau.

Und so sind auch seine Romanfiguren. Es sind die ruhigen und einfachen Typen, die es sich in ihrem Leben eingerichtet haben und die vielleicht ein klein wenig einfältig sind. Menschen, die nicht nach Höherem Streben, weil sie das nicht nötig haben.

Auch Marten ist so. Er spielt Trompete bei Beerdigungen und ist damit zufrieden. Regelmäßig trifft er in letzter Zeit auf dem Friedhof seine ehemalige Klassenkameradin Sonia, die zu denen gehört, die auf fremde Beerdigungen gehen. Von ihr erfährt er, dass Wilhelm Schocht gestorben sei, ebenfalls ein früherer Mitschüler, der damals einfach von der Schule abgegangen und verschwunden ist.

Von anonymer Seite hat Bestatter Berger sehr viel Geld für Schochts Abschiednahme erhalten, und daher macht Berger daraus einen so genannten Abschlussball. Die Beerdigung wird gleichzeitig ein Fest für die Armen und Mittellosen. Doch die Merkwürdigkeiten beginnen, als Marten nach Wilhelms Schochts Abschiednahme dessen EC-Karte auf dem Friedhof findet. Und plötzlich kommuniziert der vermeintlich Tote mittels Kontobuchungen mit Marten.

Selbst über Helene-Fischer-Schlager kann man würdevoll schreiben

Jess Jochimsen, der ebenfalls Musiker ist, hat seinen Roman perfekt komponiert. Es gibt unterschiedliche Zeit- und Erzählebenen, die hervorragend ineinandergreifen, uns das sonderbare Leben Martens zeigen und von herrlich schrägen Figuren erzählen. Denn Wilhelm Schochts Beerdigung ist der Anfang einer Veränderung in Martens Leben, das dann bei einer weiteren Beerdigung eine endgültige Wendung erfährt.

Beim Lesen spürt man die Liebe des Autors zu seinen Figuren und zur Musik. Die Gruppe von Musikern, die regelmäßig für Bestatter Berger spielt, spricht und spottet immer wieder über die Musikstücke, die sich die Hinterbliebenen oder manchmal auch die Verstorbenen für die Beerdigung gewünscht haben. Da ist es ein Leichtes, über »Atemlos durch die Nacht« zu lästern, das in letzter Zeit häufig gewünscht wird. Doch Jess Jochimsen gelingt es, sogar über diesen abgegriffenen Schlager ein würdevolles Kapitel zu schreiben, das auch Nicht-Musiker beeindruckt zurücklässt und das das Lied plötzlich in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Nicht in einem besseren, aber in einem anderen.

Jess Jochimsen hat eine ganze Menge an Anspielungen und Bezügen in den Roman gepackt, und es lohnt sich, das Buch mindestens ein zweites Mal zu lesen, weil sich vieles erst dann entdecken lässt, da es der Autor dem Leser nicht lautstark eintrichtert. Jochimsen bevorzugt eben das Leise. Wie ein gutes Musikstück ist »Abschlussball« emotional, unterhaltend und bewegend, und erst wenn wir ein zweites Mal hinblicken, erkennen wir die handwerklich perfekte Konstruktion dahinter. Die reicht soweit, dass auch der Titel des Romans mehr als eine Bedeutung für die Geschichte hat.

Bravo Maestro!

Wolfgang Tischer

Jess Jochimsen: Abschlussball: Roman. Gebundene Ausgabe. 2017. dtv Verlagsgesellschaft. ISBN/EAN: 9783423281164. EUR 20,00 » Bestellen bei Amazon.de
Jess Jochimsen: Abschlussball: Roman. Kindle Edition. 2017. dtv Verlagsgesellschaft » Herunterladen bei Amazon.de

3 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Petra Dörfer schrieb am 2. August 2017 um 15:00 Uhr

    Auch mich spricht dieser Roman an und ich werde ihn auf jeden Fall lesen, vielleicht sogar zweimal…

  2. Einalem Noskcaj schrieb am 2. August 2017 um 15:15 Uhr

    Ich kann dies nur bestätigen. Er ist wunderbar und vorgelesen wirkt er noch besser. Als Musikerin auch endlich mal eine Lektüre mit kleinen Musiktheoretischen Anekdoten. Herrlich!

  3. Claudine Borries schrieb am 4. Oktober 2017 um 11:50 Uhr

    Eine ganz und gar skurrile und aberwitzige Geschichte ist dieser Roman! !

    Zumal das erste Kapitel zeigt uns einen Trompeter der Extraklasse: er spielt auf Beerdigungen, da es zum Konzertmusiker nicht gereicht hat.
    Marten, unser Begräbnistrompeter, erfährt von Schocht, einem ehemaligen Klassenkameraden und Klassenprimus, der unter den Toten weilt. Auch zu seiner Beerdigung spielt er auf. Alleine der Aufzug der Trauernden bei dieser Gelegenheit ist höchst amüsant und komisch dargestellt, denn sie stammen aus den so genannten Randgruppen der Gesellschaft. Es handelt sich um ehemalige Bohemiens und Unterweltler, die sich zum „Abschlussball“ an Schochts Beerdigung einfinden. Man sieht sie förmlich in einem schleppenden Trauerzug aufmarschieren.
    Das Buch ist etwas für Menschen mit Sinn für abseitigen Humor und die skurrile Neigung zum Einzelgängertum. Man kommt die ganze Zeit aus dem Schmunzeln nicht heraus.
    Nichts ist wirklich traurig, denn der Tod gliedert sich umstandslos in das hiesige Leben. Die Musik bleibt schließlich das Medium, das quasi unsterblich ist.

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