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Beitrag vom 16. April 2013 | Rubrik: Literarisches Leben, Schreiben

Bastei Lübbe Academy: Ein Besuch in der verlagseigenen Autorenschule

Bastei Lübbe in KölnEin Verlag mit eigener Autorenakademie: Das klingt nach einer sinnvollen Kombination. Gute Autoren und gute Manuskripte fallen selten vom Himmel. Warum also sollte ein Verlag sie nicht aktiv fördern?

Es erstaunt, dass erst jetzt ein Verlag diese Idee umsetzt. Im März 2013 startete die Bastei Lübbe Academy des gleichnamigen Kölner Verlages.

Die Leitung der Kurse ist hochkarätig besetzt, die Preise jedoch nicht gerade günstig. Kritiker wittern sofort die Gefahr, dass nun auch seriöse Verlage Profit mit der Hoffnung der Autoren machen wollen.

Wolfgang Tischer vom literaturcafe.de war in Köln und hat den Nervenkitzel in einem der Seminare gesucht.

Seminar mit Bestseller-Autor Andreas Eschbach

Der Seminarleiter weiß, wovon er spricht. »Nervenkitzel: Schreiben Sie einen verdammt spannenden Roman« lautet das Thema des Wochenendes. Der Dozent heißt Andreas Eschbach. Mit Werken wie »Das Jesus-Video«, »Eine Billion Dollar« oder »Der letzte seiner Art« beweist er seit Jahren, dass er zu den besten deutschsprachigen Thriller- und Science-Fiction-Autoren gehört.

Sein Kurs in den Räumlichkeiten des Bastei Lübbe Verlages ist ausgebucht. Noch riecht es hier nach Farbe, denn alles ist neu gestaltet. Die Academy findet nicht in den Konferenzräumen des Verlages statt, sondern hat ihren eigenen Bereich erhalten. »Mein Ziel ist, auf Papier zu bringen, was ich sehe und was ich fühle, auf die beste und einfachste Art und Weise«. Zitate wie dieses von Hemingway zieren groß den Gang, in dem sich auch das Büro der Academy-Leiter Ann-Kathrin Schwarz und Jan F. Wielpütz befindet. Beide sind seit Jahren bei Bastei Lübbe, waren als Lektoren tätig und schrieben als Autorenduo unter Pseudonym Bestseller wie »Generation doof«.

Ann-Kathrin Schwarz begleitet den Kurs an diesem Wochenende, sitzt mit im Seminarraum, bringt die Lektorensicht in die Diskussion ein und erläutert die Verlagsarbeit.

Bildergalerie: Bastei Lübbe Academy

Schreiben nicht als Hobby begreifen

Bereits bei der Vorstellungsrunde wird klar, dass die Teilnehmer Schreiben nicht als Hobby begreifen. Das »Nervenkitzel«-Seminar ist ein Kurs für Fortgeschrittene. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mussten sich fürs Seminar bewerben und einen Text einreichen, anhand dessen sie beurteilt und ausgewählt wurden. Das sei obligatorisch für die Fortgeschrittenenkurse, sagt Ann-Kathrin Schwarz.

Speziell für das Eschbach-Seminar gab es eine zusätzliche Aufgabe im Vorfeld: Es galt, zweimal eine Szene zu schreiben. Einmal in einer spannenden und dann nochmals in einer »unspannenden« Variante. Separat sollte erläutert werden, welche Mittel man eingesetzt hat, um die Spannung aus dem Text zu nehmen.

Die Zahl der männlichen Teilnehmer überwiegt. Auch das ist eher ungewöhnlich bei Schreibseminaren. Viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben bereits erste Texte veröffentlicht oder erfolgreich bei Wettbewerben mitgemacht, einige arbeiten in der Filmbranche. Bei den Texten ist kein wirklich schlechter dabei. Dass der ein oder andere bearbeitet werden müsste, wird in der Besprechung klar.

In der Diskussion über die Texte unterscheidet sich dieses Seminar nicht von anderen, doch wird der Fokus klar auf die Spannungselemente gelegt und wie sie im Text umgesetzt wurden.

Den Leser nicht verwirren

Interessant, dass oftmals die »unspannende« Version von den Kursteilnehmern nicht unbedingt als schlechter angesehen wird, weil sie die Handlung klarer werden lässt als die spannende Variante. Der Leser muss Orientierung finden und darf nicht verwirrt werden, wenn er  weiterlesen soll. Die Lösung könnte in einer Symbiose aus beiden Texten liegen.

Zeit zum Ausschlafen bleibt den Teilnehmerinnen und Teilnehmern nicht: Am Samstag und Sonntag geht es um 9 Uhr los, am Freitag ab 13 Uhr.

Schreibübungen gibt es wenige, denn die restliche Zeit füllt Andreas Eschbach. Wie kaum ein anderer kann er über die Arbeit des Schriftstellers und die Theorie der Spannung reden, nicht ohne das Gesagte an Beispielen zu erläutern. Er spricht ruhig, anschaulich und ohne zu dozieren. Man hört ihm gerne zu, zumal er eng am Thema »Spannung« bleibt.

»Spannung«, so Eschbach, »ist eine Zuschauerreaktion.« Daher müsse der Autor die Aufmerksamkeit des Lesers lenken. Hierfür gebe es klare Regeln, wobei es beim Schreiben nicht unbedingt darum gehe, diese auch einzuhalten.

»Spannung« ist kein literarisches Lob

Speziell deutsche Autoren haben Nachholbedarf, sollten oftmals besser und spannender Schreiben und sich amerikanische Autoren zum Vorbild nehmen. Das zu vermitteln sei ihm ein Anliegen, wie Eschbach im Gespräch erläutert. Das Wort »Spannung« sei kein literarisches Lob und nicht unbedingt positiv besetzt. Jedoch mache umgekehrt der Verzicht auf Spannung ein Buch nicht unbedingt zu Literatur.

Intensiv werden an den zweieinhalb Tagen alle Elemente des spannenden Romans besprochen. Das beginnt bei der Themenwahl (»eher zweitrangig«), geht über die sechs wichtigsten Stellschrauben der Spannung bis hin zum Gesamtaufbau und schließlich zum Ende des Werkes. Eschbach schöpft aus seiner Erfahrung, kaum ein Detail wird ausgelassen. Man erfährt vom Problem der »gefühlten Recherchefehler«, die einen Leser verwirren und aus der Handlung tragen können, weil dieser glaubt, dass eine vom Autor beschriebene Sache nicht korrekt sei, obwohl sie stimmt. Ganz schlimm sei es dann, wenn die Sache auch fehlerhaft in der Wikipedia stehe.

Ergänzt wird das Seminar um zwei Gastvorträge. Da sind Ann-Kathrin Schwarz‘ Ausführungen zur Verlags- und Lektoratsarbeit und dazu, wie sie sich bei Bastei Lübbe ein spannendes Exposé zu einem spannenden Roman wünscht. Und da ist Peter Schulz, der auch einen Roman schreiben möchte, dessen Erstlingswerk jedoch ein Sachbuch ist, das im September 2013 bei Bastei Lübbe erscheinen wird. Schulz war über 20 Jahre lang Mitglied und Leiter eines Sondereinsatzkommandos (SEK) der Polizei – und wie er sagt – »bundesweit bei allen großen Einsätzen seit den 1990ern mit dabei«. Davon wird sein Buch handeln. Schulz’ Bericht geht unter die Haut und erscheint für Minuten spannender als die Fiktion, von der bislang die Rede war.

Das allgemeine Stimmungsbild am Ende zeigt, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dem Seminar sehr zufrieden sind. Sie haben immerhin 650 Euro dafür bezahlt – und da sind Anreisekosten und Übernachtung nicht mit dabei.

Höhere Preise gegen hohe Subventionen

Die Preise der Bastei Lübbe Academy erscheinen vergleichsweise hoch – jedoch kommt es darauf an, womit man sie vergleicht. Der Verlag betont, dass kaufmännisch kalkuliert wurde und sich die Academy wirtschaftlich tragen müsse. Vergleicht man die Gebühr beispielsweise mit Seminaren für die Wirtschaft, sind 650 Euro nicht viel. Jedoch wird selten ein Fortbildungsbereich so subventioniert wie der kulturelle. Das gilt nicht nur für regionale VHS-Kurse, sondern vor allen Dingen für die ebenfalls hochkarätig besetzte Konkurrenz der Bundesakademie in Wolfenbüttel, die staatlich gefördert ist, oder das Nordkolleg in Rendsburg, das Landesmittel erhält – ganz zu schweigen von den literarischen Studiengängen in Leipzig oder Hildesheim.

Privatwirtschaftliche literarische Fortbildungsanbieter wie beispielsweise die Text-Manufaktur in Leipzig  haben es da nicht immer leicht.

Bei Bastei Lübbe setzt man auf den eigenen guten Ruf im Bereich Unterhaltungsliteratur. Wer bereit sei, die Seminargebühren zu bezahlen, der denke sicher ernsthafter über die eigene Autorenkarriere nach, gibt Ann-Kathrin Schwarz zu bedenken.

Verlags- und Autorensuche durch die Seminartür

Denn Bastei Lübbe wirbt schließlich auch damit, dass die Kursteilnahme buchstäblich die Tür zum Verlag öffnen könne und Chancen bestünden, Verlagsautorin oder Verlagsautor zu werden.

Tatsächlich, so berichtet Ann-Kathrin Schwarz, wähle man aus den Teilnehmern der Kurse einige Talente aus, die ab Herbst kostenlos an einer Masterklasse teilnehmen können, um sie zu Verlagsautoren zu machen. Allerdings soll dieser Weg nicht die herkömmliche Autorensuche des Verlags ersetzen.

Beim Blick auf die Qualität der Texte an diesem Wochenende scheint das Vorhaben der Talentsuche durchaus glaubhaft und realistisch, denn die da saßen, können schreiben und waren in diesem Fortgeschrittenenkurs gut aufgehoben. Wie bei jedem guten Seminar fand zudem in den Pausen ein reger Erfahrungsaustausch zwischen den Autorinnen und Autoren statt.

Fazit

Wenn Verlage Geld von Autoren kassieren, ist immer Vorsicht geboten. Doch bei der Bastei Lübbe Academy stimmt der Gegenwert – auf jeden Fall beim besuchten Seminar: ein überaus kompetenter Seminarleiter, intensive Arbeit, angenehme Atmosphäre, Konzentration auf das Thema »Spannung« und vorab ausgewählte Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf gleichmäßig hohem Niveau. Das selbst gesetzte Ziel des Verlags, auch auf diesem Wege neue Autoren zu rekrutieren, erscheint glaubhaft.

Ausführliche Interviews mit Seminarleiter Andreas Eschbach  hören Sie im literaturcafe.de in den nächsten Tagen. Das Interview mit Academy-Leiterin Ann-Kathrin Schwarz hören Sie im Podcast des literaturcafe.de.

Wolfgang Tischer

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1 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. Fabian Neidhardt schrieb am 16. April 2013 um 20:45 Uhr

    Na, das hört sch ja nicht schlecht an! Jetzt bin ich ja gespannt wie sich das Interview mit Herrn Eschbach anhört. ;)

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