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Beitrag vom 23. Oktober 2008 | Rubrik: Literarisches Leben

Ausgelesen und Aus für »lesen!«: ZDF feuert Elke Heidenreich

Kein 'lesen!' mehr im ZDFDeutschlands populärste Literatursendung wird es nicht mehr geben. Das ZDF hat die Zusammenarbeit mit Elke Heidenreich mit sofortiger Wirkung beendet. Selbst die bereits angekündigte »lesen!«-Sendung mit Studiogast Campino am 31. Oktober 2008 wird nicht mehr produziert.

ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut meint in einer Stellungnahme: »Mit ihren Äußerungen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung hat Frau Heidenreich die Ebene einer sachlichen Auseinandersetzung verlassen und das ZDF sowie einzelne seiner Mitarbeiter persönlich in nicht mehr hinzunehmender Weise öffentlich herabgesetzt. Das Vertrauensverhältnis zwischen dem ZDF und Frau Heidenreich wurde dadurch so nachhaltig zerstört, dass eine gedeihliche und sinnvolle Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist.«

In ihren Pressebeiträgen sprang Heidenreich ihrem Kollegen Marcel Reich-Ranicki zur Seite, der vor laufenden Kameras den Deutschen Fernsehpreis ablehnte und das Niveau der Verleihungsgala sowie die Qualität des deutschen Fernsehprogramms allgemein kritisierte. Heidenreich verließ jedoch klar die sachliche Ebene, indem sie die bei ihrem Arbeitgeber ZDF ausgestrahlte Verleihungsgala als »hirnlose Scheiße« bezeichnete und dass sie sich »schäme, in so einem Sender überhaupt noch zu arbeiten.«

Nun tut sie es nicht mehr.

Auch in den Kommentaren des literaturcafe.de beglückwünschten viele Heidenreich zu ihrer offenen und ehrliche Meinungsäußerung, und die Kommentatoren fanden sich bestätigt, dass heute Menschen mit einer eigenen Meinung nicht mehr erwünscht sind. Aber ist es wirklich OK, wenn man den eigenen Arbeitgeber und somit auch die Kollegen beleidigt?

Ein Kommentator aus den Reihen des Buchhandels bei boersenblatt.net freut sich: »Nun kann man den Kunden wieder eigene Titel empfehlen und nicht nur vorgekaute “Must-haves” abverkaufen.« Aber ob alle Buchhändler so denken, die nun eine wichtige Werbefachkraft für das Buch verloren haben?

ZDF-Programmdirektor Bellut betont: »Auch nach dem Abschied von Frau Heidenreich wird es eine Literatursendung im ZDF geben. An einem Nachfolgekonzept für 2009 wird gearbeitet.«

4 Kommentare zu diesem Beitrag lesen

  1. tinius schrieb am 23. Oktober 2008 um 17:12 Uhr

    Inhaltlich hatte Frau Heidenreich mit ihrer Kritik am TV und am Fernsehpreis recht, verbal hat sie ein wenig über die Stränge geschlagen, sodaß der Unmut des ZDF verständlich ist. Wer aber öffentlich und schriftlich ein Kündigungsbegehren äußert, muß sich nicht wundern, wenn diesem bereitwillig entsprochen wird. Jeder Arbeitgeber würde so handeln. Da Frau Heidenreich mit ihrer “literarischen Kaffeefahrt” jedoch in meinen Augen ein Teil des Problems ist, kann ich nicht umhin, einigermaßen froh über diese Entscheidung zu sein, doch treibt mich die Sorge um, daß das neue Format noch flacher, noch weniger analytisch und kritisch mit Literatur umgeht als “Lesen!”. Negativbeispiele gibt es zuhauf : von “Fröhlich lesen” über das “Bücherjournal im NDR bis zu “Druckfrisch” mit Denis Scheck. Das Problem der Buchhändler allerdings – und ich habe diesen Beruf gelernt – ist mir unverständlich : immerhin hat Frau Heidenreich Bücher empfohlen, die qualitativ hochwertiger als die industrielle Massenproduktion sind und sich demgemäß auch weniger verkaufen würden. Die Ausstrahlungsfrequenz war auch nicht so hoch, daß nicht Zeit für eigene “Arbeit am Kunden” geblieben wäre – das war auch beim damaligen “Literarischen Quartett” nicht anders.

  2. Dr.Gerhard Banzhaf schrieb am 23. Oktober 2008 um 17:30 Uhr

    Meine Raktion auf diese Nachricht im Internet: sicher hat E.H. bei ihrer schnellen Reaktion auf die betreffende Sendung nicht nach dem alten preußischen Grundsatz gehandel: erst mal eine Nacht darüber schlafen.
    Aber hatte sie nicht recht.?
    Kann das ZDF auf so eine temperamentvolle, von Ideen sprühende Frau verzichten ?Ist denn eine Trennung die einzig mögliche Reaktion des ZDF?
    Vorschlag: ersetzen sie doch E.H. durch Herrn Claus Kleber: er scheint ja als Chefredakteur nicht ausgelastet zu sein und schwebt intellektuell ja so weit über allen.
    Ich glaube das haben Sie nicht gut gemacht, das mit E.H.
    Viele Grüsse G.B.

  3. Jutta Ouwens schrieb am 24. Oktober 2008 um 14:25 Uhr

    Die Sendung mit E. H. und ihrem jeweiligen Gast war interessant und informativ. Mehr kann ein solches Format auch nicht leisten. Das ZDF hat damit sicher seine Zielgruppe erreicht, dazu zähle ich mich gerne. Wenn ich hochliterarisches, analytisches Textwissen einsammeln möchte, schalte ich eher einmal im Jahr zum Bachmann Preis und raufe mir danach manchmal die Haare. Alle Buchsendungen betrachte ich als Angebot zur eigenen Meinungsbildung, mehr erwarte ich nicht.
    Frau Heidenreich hat sich selbst ins Aus gekickt. Für mich ist es unglaubwürdig, dass sie sich erst nach R.R. äußert, wenn sie doch schon lange sooo sauer war. Jetzt hätte ich gerne einen Kommentar von Else Stratmann zu dem ganzen Kulturklamauk!

  4. Gebhard Bock schrieb am 27. Dezember 2008 um 16:41 Uhr

    Gewiss, die Sendung mit Elke Heidenreich war für interressierte Leser(innen) interessant, wenn auch die Sendezeit zu spät angesetzt war. Dass viele Buchhandlungen sich geradezu unterwürfig ihre Empfehlungen zum Marktdiktat machten ist aber eher als Minus zu werten. Auch E. H. hat einen subjektiven Geschmack und eigenes Empfinden. Nicht alles was sie sagt, kann für die ganze Nation relevant sein. In diesem Sinne war Reich-Ranitzkis Runde wo auch kontrovers argumentiert wurde, besser.

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Blogs, die auf diesen Beitrag verlinken

  1. LeserEins » Blog Archive » Ausge”Lesen!”: ZDF liest Elke Heidenreich die Leviten verlinkte am 23. Oktober 2008 um 20:22 Uhr

    […] gelesen zum Thema: Artikel beim Literaturcafe und bei Spiegel Online. Merken Sie sich diesen Artikel in einem Social Bookmarking […]

  2. Symbolisch: kein Lesen mehr im ZDF, dafür aber in Bibliotheken? | LIS in Potsdam verlinkte am 25. Oktober 2008 um 09:04 Uhr

    […] In Zeiten der Krise wird vieles symbolisch: der gestrige Tag der Bibliotheken bietet sich an: in allen Zeitungen wurde fleißig bieder über die Kampagne “Deutschland liest” berichtet und gleichzeitig (am Rande) noch Nachlese betrieben zum Bildungsgipfel. Einhellig ist die Meinung, dass es kein Gipfel war, sondern eine Schlucht. Auf dem “Gipfel” wurden die eigentlichen Probleme der Bildung gar nicht angesprochen: genauso wenig wie man in der Berichterstattung zum Tag der Bibliotheken: “Deutschland liest” mit dem Phänomen Bildung in der deutschen Gesellschaft umgehen kann. Was Bildung heißt und wo diese heute wirklich stattfindet machen unsere zwei Bildungsmatadore deutlich: Elke Heidenreich und Marcel Reich-Ranicki. Das Ergebnis: im ZDF findet künftig kein “Lesen” mehr statt. […]

  3. Lesen! im Internet « Federwerk verlinkte am 28. November 2008 um 15:01 Uhr

    […] wird nun stattdessen im Internet (vor)lesen. Nach ihrem geräuschvollen Abgang beim ZDF (vgl. Literaturcafe.de; wegen dieser Geschichte) wird sie ihre Sendung ins Internet verlegen, meldet […]