StartseiteBuchkritiken und TippsWundersame Winterlektüre: »Das Eis-Schloss« von Tarjei Vesaas

Wundersame Winterlektüre: »Das Eis-Schloss« von Tarjei Vesaas

Das Eis-Schloss von Tarjei Vesaas in der Taschenbuchausgabe bei dtv
Das Eis-Schloss von Tarjei Vesaas in der Taschenbuchausgabe bei dtv

Man muss lange nach Worten suchen, um »Das Eis-Schloss« von Tarjei Vessas zu beschreiben. Dieser Roman ist so ganz anders. Mehr eine Stimmung und ein Gefühl als eine Geschichte. Es ist, als habe man vergessen, dass ein anderes Erzählen möglich ist.

Es ist eine Geschichte mit Kälte, Reif, Eis und Schnee. Wir sind in Norwegen, irgendwo in der Provinz. Die Geschichte könnte heute spielen oder vor 100 Jahren. Sie schwebt wie eine Schneeflocke. Man scheut sich, die Dinge zusammenzufassen, denn alles könnte falsche Assoziationen wecken. Die Geschichte eines elfjährigen Mädchens, aber es ist kein Jugendroman. Zwei Mädchen und ein Eis-Schloss, aber es hat nichts mit Disney zu tun.

Vielleicht ist die Hauptperson in diesem Roman auch der Winter. Vielleicht die Landschaft. Vielleicht das Eis. Vessas‘ Sprache ist lyrisch, poetisch. Keine Beschreibung ist abgegriffen. Die Sätze legen sich leicht wie Schneeflocken auf die Geschichte.

Vielleicht ist die Hauptperson auch das Eis-Schloss. Niemand hat es gebaut, doch es steht am Wasserfall. Die Kälte hat es geformt, aufgetürmt, Räume geschaffen.

Unn ist neu. Auf dem Schulhof steht sie abseits. Sie wohnt bei ihrer Tante, Unn hat keine Eltern mehr. Unn strahlt Stärke aus und verunsichert Siss, die von all den anderen Kindern geschätzt wird. Zwischen den beiden Mädchen entsteht eine Verbindung, die ebenfalls auf einmal da ist. Neue Räume.

Siss und Unn bleiben verbunden, auch wenn ihr Zusammensein nur kurz ist und Siss allein zurückbleibt. Unn ist verschwunden. Wann gibt man einen Menschen auf?

Worte wie »Freundschaft«, »Einsamkeit« oder »seinen Weg finden« könnte man verwenden, doch sie passen nicht, weil sie diesen Roman nicht wirklich begreifbar machen. Vieles bleibt zurück, wird nicht gesagt, bleibt verborgen.

Tarjei Vessas hat »Das Eis-Schloss« im Jahre 1963 verfasst. Der norwegische Autor schrieb Romane, Gedichte und Theaterstücke und lebte von 1897 bis 1970. In Norwegen sind seine Romane Klassiker. Mehrfach war Vessas für den Nobelpreis vorgeschlagen, und er erhielt die höchste norwegische Literaturauszeichnung, den Literaturpreis des Nordischen Rates. Der kleine Guggolz Verlag hat »Das Eis-Schloss« 2019 von Hinrich Schmidt-Henkel neu übersetzen lassen. Nun liegt der Roman auch als Taschenbuch bei dtv vor. Schmidt-Henkel war für die Übersetzung eines anderen Vessas-Romans »Die Vögel« in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Als Nachwort findet sich im Buch eine Lobpreisung von Doris Lessing, die sie damals schrieb, als sie die englische Übersetzung von »Is-slottet« gelesen hatte. Selbst Lessing sucht nach Worten, um die Einzigartigkeit des Romans zu beschreiben.

Aber man braucht sie auch nicht. Vessas hat sie gefunden. Schmidt-Henkel hat sie gefunden. Wir dürfen sie lesen.

Wolfgang Tischer

Tarjei Vesaas; Doris Lessing (Nachwort); Hinrich Schmidt-Henkel (Übersetzung): Das Eis-Schloss. Gebundene Ausgabe. 2019. Guggolz Verlag. ISBN/EAN: 9783945370216. 22,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Tarjei Vesaas; Hinrich Schmidt-Henkel (Übersetzung): Das Eis-Schloss: Roman. Taschenbuch. 2021. dtv Verlagsgesellschaft. ISBN/EAN: 9783423148184. 12,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
Tarjei Vesaas; Hinrich Schmidt-Henkel (Übersetzung); Doris Lessing (Nachwort): Das Eis-Schloss. Kindle Ausgabe. 2019. Guggolz Verlag. 17,99 €  » Herunterladen bei amazon.de Anzeige

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