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Textkritik: Sonette find ich sowas von beschissen

Sich mittels eines Sonetts über die formalen Zwänge eines Sonetts lustig zu machen, ist nicht neu. Robert Gernhardt hat es in seinen »Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs« getan. Die Anfangszeile »Sonette find ich sowas von beschissen« ist legendär.

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Aber bereits 1918 meinte Salomo Friedländer sonettmäßig über das Sonett: »In alte Schläuche taugt kein neuer Wein«.

Wer also 2017 ein Anti-Sonett schreibt, muss sich an diesen Vorbildern messen – und an der Sonettform selbst. Denn zu allem Überfluss kommt zur Form noch die inhaltliche Struktur.

Anti-Sonett

von Günther Bach
Textart: Lyrik
Bewertung: 2 von 5 Brillen

Ich mag Sonette nicht. Die Zeilenlänge
zwingt mich, das Blatt beim Schreiben quer zu legen;
dazu bin ich nur ungern zu bewegen.
Auch führen sie den Schreibfluss in die Enge.

Es ist mir lieber, ohne alle Zwänge
nur aufzuschreiben, ohne abzuwägen
den Sinn des Wortes nur des Reimes wegen.
Auch so gelingen manchmal Lobgesänge.

Natürlich sollte man es mal probieren;
es mag nicht schlecht sein für die grauen Zellen,
doch ein Vergnügen will es mir nicht werden.

Darum wird kaum eins unter den Papieren
aus meinem Nachlass sich der Frage stellen,
ob ich Sonette liebte, hier auf Erden.

© 2017 by Günther Bach. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung


Untauglicher Versuch, eine verstorbene Gedichtform wieder zu beleben.

Den finalen Streich hatte ihr der großartige Robert Gernhardt verabreicht! Sie möge in Frieden ruhen!

Die Kritik im Einzelnen

Welche Zeilenlänge? Im kürzeste Sonett , das ich kenne, steht folgende Zeilenfolge: abnett/benett/ernett/annett. Es stammt von Ernst Jandl. Was hat Zeilenlänge mit einem Sonett zu tun? Und wenn das lyrische Ich lieber auf DIN-A4-Querformat schreiben will, muss es das nicht dem Sonett in die Schuhe schieben!

Zudem haut das lyrische Ich sich selbst den ersten Satz um die Ohren – aber das soll wohl witzig sein, wenn es behauptet, Sonette nicht zu mögen und deshalb eines zu schreiben. zurück

Und noch ne Schippe drauf: Eine Zeilenlänge führe den Schreibfluss in die Enge … Wer’s glaubt! zurück

Da hat sich das lyrische Ich redlich bemüht, ein astreines Sonett zu schreiben. Geglückt ist es ihm zumindest formal, aber es hapert an der inhaltlichen Struktur: Die beiden Quartette sollten eine Situation beschreiben und die Terzette darüber reflektieren.  zurück

© 2017 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.

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