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Textkritik: Nix verstehn – und nix zu erzählen

Nicht selten kommt es vor, dass ein Autor so darauf erpicht ist, in seinem Text Gesellschaftskritik zu üben, dass dabei etwas Wichtiges vergessen wird: die Leserin oder der Leser. Nichts wird erzählt, Langeweile und Ödnis herrschen ab dem ersten Satz.

Im Prosatext, den sich Malte Bremer diesmal anschaut, wird das irdische Leben mit dem Blick eines Außerirdischen betrachtet. Doch das ist leider nicht witzig.

Nix verstehn

von L. Manitas
Textart: Prosa
Bewertung: 0 von 5 Brillen

Seit man mich auf diesem Planeten abgesetzt hat, sehe ich mich mit unzähligen Regeln konfrontiert. Die meisten davon habe ich nie verstanden. Doch ich weiß, dass es sie gibt und dass ich mich gefälligst daran zu halten habe. Tue ich das nicht, gibt es Probleme.

Soziale Interaktion erfordert Anpassung. Nun bin ich durchaus bereit, mich den Regeln unterzuordnen, ob ich sie nachvollziehen kann oder nicht. Doch die Regeln sind nur innerhalb einer Gruppe gültig. In einer anderen Gruppe gelten wiederum andere.

Ein mühsam erlernter Verhaltenskodex hält mich fest, zieht mich hinein in die Gruppe, der ich mich zuordne, gar unterwerfe. Wechsle ich, aus welchem Grund auch immer, das soziale Umfeld, habe ich umgehend die dort gültigen Vorschriften zu befolgen. Es gibt keine Schonfrist, keine Übergangsphase. Die Regeln der ehemaligen Gruppe taugen nicht mehr; sie aus Unkenntnis, Verzweiflung oder Dummheit anzuwenden, katapultiert mich umgehend in ein gesellschaftliches Aus.

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, in einer industriell geprägten Gegend aufzuwachsen und von der Arbeiterklasse sozialisiert zu werden. Das dort gültige Reglement ist in mich hineingewachsen und in jede Zelle meines Körpers eingebrannt. Es gab nicht viele Regeln, eine Handvoll nur, doch sie mussten beachtet und gelebt werden. So habe ich beizeiten gelernt, dass Argumente mit den Fäusten ausgetauscht werden und körperliche Überlegenheit ein absolutes Muss war. Zwar war ich ein schwächliches Kind, unterzog mich jedoch, der Notwendigkeit gehorchend, dem mühsamen Prozess der körperlichen Ertüchtigung. Es hat funktioniert. Ich gewann zunehmend an Überzeugungskraft, denn meine Fäuste argumentierten hart und schnell, und ich kletterte zügig die Leiter innerhalb der prekären Hierarchie empor.

Die wichtigste Lehre dieser Zeit: Wer als letzter noch steht, hat recht!

Dann kam mein Absturz. Abitur, Studium, neue soziale Gruppe, andere Regeln. Plötzlich sah ich mich mit der Forderung konfrontiert, mit Worten zu argumentieren. Wie sollte das gehen? Niemand hatte mir beigebracht, rhetorisch zu bestehen. Ein kläglich gescheiterter Versuch nach dem anderen ließ die Erkenntnis in mir reifen, mich nicht in mein neues soziales Umfeld integrieren zu können, zumindest nicht vollständig. Denn in meinen Zellen wirkt immer noch das alte Regelwerk.

Und deshalb stottere ich, wenn ich rede, finde keine passenden Worte und balle gleichzeitig meine Fäuste, bereit, unvermittelt und brutal zuzuschlagen. Ein penetranter Begriff tobt in diesem Zustand stets orkanartig durch mein verwirrtes Ich: Nix verstehn!

Wann kommt endlich ein verdammtes Raumschiff, um mich abzuholen?

© 2017 by L. Manitas. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Grandios versemmelte Zivilisationskritik!
Das sollte wohl eine Satire werden, aber die scheitert schon wegen dieser unsäglichen Rahmenhandlung, diesem Aussetzen eines galaktischen Wesens auf unserem Planeten, ohne dass es einen Auftrag hatte.
Aber der Inhalt?
Welcher Inhalt? Eine Plattitüde jagt die andere!

Die Kritik im Einzelnen

Seltsam: Ein Alien (oder ist der Ich-Erzähler eine Aliene, also Ich-Erzählerin? Ich nenne dieses Wesen hinfort einfach »Es«): ES wird auf der Erde abgesetzt, beherrscht die deutsche Sprache, ist aber ansonsten null vorbereitet, denn ES sieht sieht sich plötzlich mit unzähligen Regeln konfrontiert!
Mit Verlaub: Wie doof sind eigentlich die Aussetzer? Oder sind die gar nicht doof, sondern haben ES auf den Gefängnisplaneten ERDE verfrachtet, so wie weiland bei uns Schwerverbrecher nach Australien oder andere Inseln exportiert wurden? Darüber schweigt ES sich verständlicherweise aus! zurück

Stimmt, genau so geht es bei es bei uns zu: In der einen Gruppe darf man nicht töten, in der anderen, inzwischen ziemlich ausgebluteten Gruppe muss man das! zurück

Und was kann dieses gesellschaftliche Aus den anderes sein als eine weitere Gruppe? zurück

Oha: ES’ Instruktoren waren offenbar auf dem Stand des 19. Jahrhunderts … und auch das höchst unzureichend, wenn hier die Arbeiterklasse mit Prügeleien und körperlicher Stärke gleichgesetzt wurde – Kein Wunder, dass ES schon bei der Suche nach dieser Gruppe gnadenlos scheitern muss, wenn ES von den erstbesten besoffenen Proleten vermöbelt wird! zurück

Nach ersten Vermöbelungen hat ES also Boxen gelernt und ist aufgestiegen an die Spitze des Prekariats! Frage: Wieso hat ES denn nicht einfach die Gruppe gewechselt, z. B in die der friedlichen Haschischraucher?
Obwohl: Da ES ja auf dem Informationslevel des 19. Jahrhunderts eingestellt war, hätte er höchstens nach Opiumrauchern suchen können.
Und immer noch bleibt völlig unklar, was ES auf unserem Planeten überhaupt will oder muss! Schließlich beherrschen die Aliens zwar interstellare Raumfahrt, sind aber informationstechnisch auf dem Niveau von Volksempfängern und Röhrenfernsehern und könnten diese sogar abhören, wenn es denn noch welche gäbe. zurück

Wer hätte ES das denn beibringen sollen und warum? ES hatte sich doch die Spitze des Prekariats erkämpft? Wieso reicht ES das nicht? Was will oder soll ES denn eigentlich auf unserem Planeten? Wieso verschweigt ES das so beharrlich? zurück

Aha: ES’ Gene sind konditioniert worden, und die bestimmen sein Verhalten. ES ist gewissermaßen eine Marionette. Das wäre immerhin eine Erklärung für seine Beschränktheit! zurück

Und warum? Ist denn der Auftrag erfüllt? Es muss doch einen Grund geben, warum man ES auf unserem Planeten abgesetzt hat!
Oder wurde er in Wahrheit ausgesetzt wegen penetranten Nervens? zurück

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