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Textkritik: apex – Lyrik

Eine Textkritik von Malte Bremer

apex

von KOLLAPSiMPULS
Textart: Lyrik
Bewertung: 5 von 5 Brillen

Wohin die Stunden weichen
– ergeben keinen Sinn

Wenn Tag, dem Andren gleichen
in Nebel schmilzt,aus Stein dahin

Woran Minuten eichen;
dreht sich am Kern um Sinn
?

Im Hagel der Sekunden
– prallt schon, weit draußen hin
das klingt – was Trommeln gleichen –
nicht mehr, bis an uns in

hauchlos, strahl_ohne Wind
– wattiert

binn Zeit und Raum gekrümmt sind,
– taub, blind –
dreht ArmbandUhr,
mit mir, im wir
am Brennpunkt;

.. seiend Kind.

© 2008 by KOLLAPSiMPULS. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zusammenfassende Bewertung

Apex: Ist es der Sprengstoff Acetonperoxid? Die Zungenspitze? Die Zahnwurzelspitze? Wird hier gesprengt? Verkostet? Schmerzt etwas? Apex ist in jedem Fall ein komplexes, ein spannendes Gedicht, lässt viel Raum für Assoziationen, lädt ein zur Dekonstruktion – und tatsächlich gibt es viel zu entdecken! Einige Hinweise seien gegeben, die geneigte Leserin beiderlei Geschlechts möge selbst weiter suchen …

»Wer nicht denken will, fliegt raus [sich selbst]« soll Beuys 1977 Studenten in einer Vorlesung angedonnert haben, wurde mir mal anlässlich einer Ausstellung seiner Frühwerke erzählt (ich übernehme keine Gewähr für den Wahrheitsgehalt dieser Behauptung!). Daran musste ich zunächst denken, als mich dieses Gedicht anschaute. Wörter sind da, aber sie geben zunächst wenig Sinn: was z. B. ist binn zu Beginn des vorletzten Abschnittes? Binnenschifffahrt, binnen dreier Tagen, ich bin, binär … das gibt alles keinen so rechten Sinn.
Die Sprache allein gibt also wenig her, die Kombination mancher Wörter zunächst auch nicht (bis an uns in). Auffallend aber sind die Reimwörter: weichen – gleichen – eichen – gleichen; Sinn – dahin – Sinn – hin (wobei die identischen Reime in meiner Aufzählung mal an zweiter und vierter, mal an erster und dritter Position stehen); Wind – sind – blind – Kind (hierbei stehen die großgeschriebenen an Position 1 und 4, die kleinen an 2 und 3) : Wir finden hier eine ähnliche Struktur, die streng wechselt. Der 5zeiligen Abschnitt beginnt mit besagtem binn, was wiederum ein Reimwort der ersten Gruppe (Sinn) ist und somit eine Verbindung schafft zu dem vers-abschließenden Wind. Es wäre ein 5tes Reimwort der Sinngruppe und steht zu Beginn des 5zeiligen Abschnitts, unterbricht gleichzeitig die letzte Reimgruppe (es gibt übrigens keine weiteres *in-Wort im Text, das ins Stammbuch derer, die das alles für Zufall halten).
Die ersten vier Abschnitte beginnen mit einem Großbuchstaben, der erste und dritte mit einem Fragewort (Wohin – Woran); das dazugehörige Fragezeichen bekommt eine eigene Zeile am Ende des dritten Abschnittes. Der zweite Abschnitt enthält in der Mitte ein Leerzeichen zuviel, beide Zeilen beginnen vorne; im vierten Abschnitt wird ein Leerzeichen durch einen Unterstrich ersetzt, beide Zeilen beginnen zurückgesetzt; Abschnitt 4 und 6 sind analog gebaut, was die Einrückungen betrifft (wenn man die die binn-Zeile mal nicht berücksichtigt, was man wegen ihrer Besonderheit ruhig einmal tun kann!).
4 Zeilen beginnen mit einem Gedankenstrich
Die beiden Abschnitte mit ungerader Zeilenzahl (3 und 5) enthalten identische Wörter: dreht und am sowie die inhaltlich verwandten am Kern und am Brennpunkt. Die Abschnitte mit gerader Versanzahl haben zusammen genauso viele wie die beiden anderen: nämlich 8.
Wir haben die Folge Stunden – Tag – Minuten – Sekunden, die so nicht logisch ist: auch hier ist eine Struktur unterbrochen.
Weiter: Die letzte Zeile fällt in jeder Beziehung aus dem Rahmen: Sie steht allein, ist weiter entfernt vom Seitenrand als die normale Einrückung, hat als einzige ein Partizip, das einen aktiv andauernden Zustand bezeichnet: seiend (im Gegensatz zu dem passiven Zustand gekrümmt sind.) Es scheint eine Art Resümee, eine Schlussfolgerung zu sein, eine Flucht, eine Hoffnung: Kind sein und bleiben. In diesem Gedicht schafft Sprache eine eigene, eine andre Wirklichkeit; man könnte auch sagen, die Sprache zerbricht an der Wirklichkeit. Oder: Was ist eigentlich Wirklichkeit?

Die Kritik im Einzelnen

Hier ist die einzige Stelle, die mir nicht behagen will – aber das ist wohl eher ein persönliches Problem: Das Gedicht wird mir hier zu bombastisch, zu gewaltig und damit zu flach! Krümmung von Zeit und Raum ist ein physikalisch notwendiges Phänomen, gleichzeitig aber außerhalb unseres Vorstellungsvermögens und damit Verständnisses. Damit sollte sich ein Gedicht nicht befassen, sowenig wie mit der Unendlichkeit, dem All, dem Nichts und dergleichen Wort-Ungetümen. zurück

© 2008 by Malte Bremer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe – gleich welcher Art – verboten.