StartseiteLiterarisches LebenS. Fischer zieht von Frankfurt nach Berlin: Wo bleibt die Provinz?

S. Fischer zieht von Frankfurt nach Berlin: Wo bleibt die Provinz?

Skyline von Frankfurt
Skyline von Frankfurt

Nach Suhrkamp und anderen zieht nun auch der S. Fischer Verlag nach Berlin. Historisch und betriebswirtschaftlich verständlich. Nur fragt sich, ob der deutsche Gegenwartsroman bald endgültig in Prenzlauer Berg spielt. Das Land dahinter käme dann höchstens als Wochenenddatsche vor.

Samuel Fischer gründete seinen Verlag am 1. September 1886 in Berlin, in der Steglitzer Straße. Bis 1942 saß das Haus in Berlin-Schöneberg, dann trieb der Nationalsozialismus die jüdische Verlegerfamilie ins Exil. Seit 1948 residiert S. Fischer in Frankfurt am Main. Wenn der Verlag, wie er nun bekannt gegeben hat, im Sommer 2027 zurück nach Berlin zieht, ist das also tatsächlich eine Heimkehr an den Gründungsort. Der Verlag selbst spricht von der Rückkehr »an den Ort seines Ursprungs«.

Mit dieser Berliner Vorgeschichte hängt ein zweiter großer Name zusammen: Suhrkamp. Peter Suhrkamp hatte den S. Fischer Verlag geleitet, bevor er 1950 sein eigenes Haus gründete, das aus dem Fischer-Verlag hervorging. Als dieser Suhrkamp Verlag 2010 von Frankfurt nach Berlin zog, begründete Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz den Umzug auch mit der Tradition des einst in Berlin gegründeten S. Fischer Verlags. Nun folgt Fischer der eigenen Abspaltung in die Hauptstadt.

Betriebswirtschaftlich ist der Schritt nachvollziehbar. Geschäftsführung, Marketing, Vertrieb und Presse sitzen künftig dort, wo auch ein großer Teil der Medien, der Agenturen und des literarischen Betriebs zu Hause ist. Das Lektorat bleibt in Frankfurt, die kaufmännischen Bereiche ebenfalls. Um ein Sparprogramm handle es sich »ausdrücklich nicht«, sagte Verlagsgeschäftsführer Oliver Vogel der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«.

Und Fischer ist in guter Gesellschaft. Suhrkamp ist längst da, Hanser unterhält seit 2012 die Dependance Hanser Berlin, Rowohlt seit 1994 einen Berliner Ableger, Aufbau und Ullstein waren ohnehin nie weg. Die marktnahen Abteilungen der deutschsprachigen Belletristik liegen damit zunehmend wenige U-Bahn-Stationen voneinander entfernt.

Was Autorinnen und Autoren schreiben, entscheidet natürlich kein Verlagsstandort. Und fairerweise: Fischers Lektorat bleibt am Main, das Kinder- und Jugendbuch Fischer Sauerländer zieht im Januar 2027 sogar nach München. Trotzdem stellt sich eine Frage: Wenn Lektorinnen und Lektoren ihre Stoffe vermehrt dort entdecken, wo die hauptstädtischen Lesebühnen stehen und man sich abends ohnehin über den Weg läuft, verengt sich dann der Resonanzraum? Bei der ersten Lesung in Suhrkamps Torstraßen-Haus las Lutz Seiler aus »Stern 111«, einem Roman, der in der unmittelbaren Nachbarschaft spielt.

Die Heimkehr nach Berlin ist beschlossene Sache. Die Provinz kommt im deutschen Gegenwartsroman zwar durchaus vor. Nur heißt sie verdächtig oft Uckermark, irgendein Brandenburger Dorf mit Datsche und Dorfteich, eine Autostunde von Mitte entfernt. Oder sie liegt in der ehemaligen DDR, deren Plattenbauten und Wendebiografien seit Jahren einen eigenen, vielfach ausgezeichneten Erzählraum bilden. Der deutsche Westen und Süden bleiben außen vor: das Sauerland, Schwaben, die fränkische Kleinstadt ohne Regionalexpress-Anschluss nach Berlin. Der Blick aus der Provinz bleibt willkommen, solange die Provinz von Berlin aus an einem Nachmittag zu besichtigen ist.

Wolfgang Tischer

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