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Bücher nach Bachmann: Nefeli Kavouras – Gelb, auch ein schöner Gedanke

Nefeli Kavouras: Gelb, auch ein schöner Gedanke. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.
Nefeli Kavouras: Gelb, auch ein schöner Gedanke. Erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Vor dem Bachmannpreis-Doppeljubiläum 2026 schauen wir uns aktuelle Bücher von Menschen an, die dort gelesen und vielleicht sogar einen Preis gewonnen haben. Diesmal: »Gelb, auch ein schöner Gedanke« von Nefeli Kavouras. Ein Roman, der buchstäblich einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

Bester Bachmann-Text über Tod und Sterben

Nefeli Kavouras las 2025 beim Bachmannpreis ihren Text »Zentaur« vor. Die Ärzte haben den Vater aufgegeben und die Mutter bringt ihn zum Sterben nach Hause. Das Sterben oder Noch-nicht-Sterben bestimmt von nun an den Alltag der Mutter und ihrer 16-jährigen Tochter. Während sich die Mutter bei der Pflege fast selbst aufgibt und vernachlässigt, möchte die Tochter eigentlich nur ein Leben führen, das nicht ständig von den Gedanken an den baldigen Tod des Vaters überschattet ist. Wenn sie mit den Freunden unterwegs ist und vergisst, dass daheim der Vater im Sterben liegt, dann ist das »richtig toll«.

Nefeli Kavouras zeigt die Alltäglichkeit, die Banalität und die Zerrissenheit einer Familie mit Pflegefall. Kapitelweise wechselt die Perspektive zwischen Mutter Ruth und Tochter Lea.

Bachmann-Text »Zentaur« von Nefeli Kavouras im Klagenfurter ORF-Studio
Bachmann-Text »Zentaur« von Nefeli Kavouras im Klagenfurter ORF-Studio

Dass dies auch formal gut gearbeitet sei, stelle bereits die Bachmannpreis-Jury fest. Für Juror Klaus Kastberger war er einer der besten und interessantesten« Bachmannpreis-Texte der letzten Jahre, bei denen Tod und Sterben verhandelt wird.

»Ein recht überraschendes Ende«, konstatierte Juror Thomas Strässle. Wir werden darauf zurückkommen.

Denn aus dem Bachmann-Text »Zentaur« ist nun der Roman »Gelb, auch ein schöner Gedanke« geworden, erschienen im Februar 2026 im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Oder genauer gesagt: Der beim Bachmannpreis gelesene Text war offenbar bereits ein Ausschnitt aus dem fertigen Roman, denn viel wurde am Text nicht geändert. Er trug bereits die launigen Abschnitts- und Kapitelüberschriften, die den Perspektivwechsel signalisieren. »Zentaur« war im Grunde genommen der komprimierte erste Teil des Romans, der für Thomas Strässle so überraschend endete. Jetzt im Buch ist das ehemalige Ende der zentrale Wendepunkt in der Mitte der Geschichte.

Erzähl mir einen vom Pferd

Denn die wechselnden Erzählperspektiven werden hier durchbrochen, indem ein einziges Mal der sterbende Vater Georg spricht. Er tut dies in einer fast biblisch-heroischen Sprache – und er verwandelte sich in ein Pferd. Am Ende von »Zentaur« ist ein Wiehern zu hören, das im Roman nun in der Mitte ertönt.

Trotz des Jury-Lobs, dem wir uns auf der Bühne in Klagenfurt auch bei der Nachbesprechung im Bachmannpreis-Podcast angeschlossen haben, ging Nefeli Kavouras leider ohne einen der Preise nach Hause. Vielleicht lag es an der frühen Startposition 2 und den weiteren starken Texten, die noch folgten.

Der erste Teil des Romans ist ein Debüt-Meisterwerk einer jungen Autorin. Ein Text, so haben wir es ebenfalls bereits im Podcast analysiert, der nicht in der oft gelesenen Ich-Bezogenheit vor allen junger Autorinnen und Autoren angesiedelt ist, sondern ein Text der eine immer alltäglicher werdende Situation zum Thema macht: die Pflege von Angehörigen. Im Zentrum die beiden Figuren im Umfeld, ihr Erleben der Situation, die zwischen Liebe und Überfordert-Sein festhängt. Wo beginnt die Selbstaufgabe? Ist es verwerflich, einem Todkranken den baldigen Tod zu wünschen? Und alles eingebettet in den Alltag, die Außenwelt und die eigenen Gedanken.

Doch dann ist da die Pferdeverwandlung in der Mitte des Romans. Ratlosigkeit macht sich breit.

Besonders oder offensichtlich?

Im ersten Moment vermutet man eine Traumsequenz, die im nächsten Kapitel durch den Perspektivwechsel aufgelöst werden wird. Doch auch da bleibt der Vater Pferd. Zu viel soll nicht verraten werden, aber der Vater bleibt Pferd bis zum Schluss. Niemand empfindet dies als sonderbar. Gefahrlos kann ein Satz vom ersten Absatz des Romans zitiert werden, der ein Vorgriff auf den Tag der Beerdigung ist: »Wir fragen uns, bei all den Verwandlungen, ging es da nicht auch um unsere eigene Verwandlung, und wenn ja, wer sind wir geworden?«

Ja, denkt man da beim Wiederlesen, so muss man den Text wohl interpretieren. Doch die Ratlosigkeit bleibt: Was will die Autorin? Es ist keine surreal-groteske Verwandlung wie bei Kafka. Ist es ein Gedankenspiel? Ein Spiegel? Wie gehen wir mit dem Tod und dem Sterben von Tieren im Gegensatz zu dem von Menschen um? Wann darf man welches Lebewesen wie von seinem Leiden erlösen? Irgendwo dazwischen muss die Intention der Verwandlung liegen. Aber das wäre doch zu simpel. Daher wird die im ersten Teil des Romans noch bewusst kontrastiert eingesetzte Banalität des Alltags im zweiten Teil zur Banalität des Textes, weil man mit einer gewissen Ratlosigkeit weiterliest, weil sich bei der Lektüre das »Warum« nicht erschließt, weil es allzu bemüht, aufgesetzt und wenig originell erscheint.

Als gäbe es keinen zweiten Teil

Ich mache etwas, was ich ansonsten strikt vermeide, wenn ich selbst noch an einer Rezension schreibe: Ich schaue mich nach anderen Besprechungen um. Vielleicht habe ich ja etwas übersehen. Doch selbst jetzt, im Mai 2026, finde ich kaum substanzielle Besprechungen von »Gelb, auch ein schöner Gedanke«. Nichts im Feuilleton von ZEIT, FAZ oder Süddeutscher. Eher ein gefälliger, wohlwollender lokalpatriotischer Buchtipp beim NDR, da die Autorin in Hamburg lebt, man ihr Talent zuschreibt und zu vermuten ist, dass den gelobten Roman noch niemand gelesen hat. Vorschusslorbeeren.

Die wenigen Besprechungen in Online-Medien und Blogs drücken sich oft vor dem zweiten Teil. Einige besprechen und loben das Buch so, als gäbe es die Wendung und den zweiten Teil gar nicht. Strässle-like ist höchstens von einer überraschenden Wendung die Rede, ohne dass diese irgendwie eingeordnet wird. Oft wird gesagt, man wolle nicht spoilern, was für eine überraschende Wendung der Roman noch bringen werde. Dieses Argument wirkt wie vorgeschoben, um sich vor einem Urteil über den zweiten Teil zu drücken.

Daher zerfällt der Roman von Nefeli Kavouras in zwei Teile, einen starken ersten und einen seltsamen zweiten, der leider den ersten im Gesamturteil überschattet, sofern man ihn nicht stillschweigend oder achselzuckend »überliest«.

Wolfgang Tischer

Nefeli Kavouras: Gelb, auch ein schöner Gedanke. Gebundene Ausgabe. 2026. Kiepenheuer&Witsch. ISBN/EAN: 9783462008708. 23,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel
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