
Eine aktuelle Umfrage der Universität Cambridge zeigt die tief sitzende Verunsicherung in der britischen Literaturszene: 51 Prozent der befragten Romanautoren glauben, dass künstliche Intelligenz ihre Arbeit vollständig ersetzen könnte. Viele gehen davon aus, dass ihre Werke bereits ungefragt zum Training von KI-Modellen verwendet wurden – und dass dafür niemand bezahlt wurde.
Dr. Clementine Collett vom Minderoo Centre for Technology and Democracy der Universität Cambridge befragte zwischen Februar und Mai dieses Jahres 258 veröffentlichte Romanautoren sowie 74 Branchenkenner. Die Ergebnisse der Studie zeichnen ein von Sorge geprägtes Bild der Branche in Großbritannien.
- 59 Prozent der Autoren sind der Ansicht, dass ihre Werke ohne Erlaubnis und ohne Vergütung zum Training von KI-Sprachmodellen verwendet wurden.
- 39 Prozent berichten bereits von Einkommensverlusten, die sie auf generative KI zurückführen.
- 85 Prozent erwarten, dass ihre künftigen Einkünfte aufgrund der neuen Technologie sinken werden.
Gefühlte Bedrohung bei Genre-Autoren am stärksten
Besonders hoch ist das Bedrohungsgefühl bei Genre-Autoren. Zwei Drittel der Befragten schätzen Romance-Autoren als »extrem bedroht« ein, gefolgt von Thriller-Autoren (61 Prozent) und Krimi-Autoren (60 Prozent). Die dahinterstehende Befürchtung: Je vorhersehbarer die Struktur eines Genres, desto leichter könnte sie von Algorithmen nachgeahmt werden.
Diese Angst trifft eine Branche, deren finanzielle Lage ohnehin prekär ist. Das mittlere Einkommen britischer Romanautoren lag laut einer Studie der Authors‘ Licensing and Collecting Society bei gerade einmal 7.000 Pfund im Jahr. (Anmerkung: Die zitierten ALCS-Daten stammen aus dem Jahr 2022 und spiegeln die Entwicklung vor dem breiten Einsatz von generativer KI wider.) Viele bessern ihr Einkommen durch Tätigkeiten wie Übersetzungen oder Werbetexte auf, also genau mit jenen Aufgaben, die nach Ansicht von Experten am schnellsten von generativer KI übernommen werden.
Der empfundene Missbrauch von Namen und Werken
Einige Autoren berichteten von alarmierenden Erfahrungen, indem sie auf Amazon Bücher unter ihrem Namen fanden, die sie nie geschrieben haben. Andere entdeckten anscheinend KI-generierte Rezensionen, die ihre Bewertungen nach unten zögen und künftige Verkäufe gefährdeten.
Viele Befragte beschreiben ein dystopisches Zwei-Klassen-System: menschlich geschriebene Romane könnten zum Luxusgut werden, während KI-Massenfabrikate billig oder kostenlos zu haben seien.
Die Autorin Tracy Chevalier fasst die Ängste prägnant zusammen: »Wenn es billiger ist, Romane mit KI zu produzieren […] werden Verlage sie fast unweigerlich veröffentlichen. Und wenn sie billiger sind als von Menschen geschriebene Bücher, werden Leser sie kaufen.«
Differenzierte Haltung zur KI-Nutzung
Die Haltung zur Technologie ist dennoch differenziert: 80 Prozent der Befragten räumen ein, dass KI für Teile der Gesellschaft Vorteile bieten könnte. Ein Drittel der Autoren nutzt KI bereits beim Schreiben – allerdings fast ausschließlich für »nicht-kreative« Aufgaben wie für die Recherche.
Beim kreativen Schreiben selbst herrscht klare Ablehnung: 97 Prozent stehen »extrem negativ« zur Idee, KI ganze Romane schreiben zu lassen. 87 Prozent lehnen selbst kurze KI-generierte Abschnitte ab. Für viele Autoren stellt gerade das Überarbeiten einen zutiefst kreativen Prozess dar, weshalb 43 Prozent nicht einmal beim Lektorat KI einsetzen wollen.
Forderung nach einem Opt-in-Modell
Die Wahrnehmung, dass die generativen KI-Tools mit raubkopierten Romanen trainiert wurden, befeuert die Forderung nach strengeren Urheberrechtsregeln.
Die befragten Autoren sehen sich durch das von der britischen Regierung 2024 vorgeschlagene »Rights Reservation«-Modell benachteiligt, bei dem sie aktiv widersprechen müssten (Opt-out), um eine KI-Nutzung ihrer Werke zu verhindern. 83 Prozent halten diesen Ansatz für schädlich. Eine solche Ausnahme sieht auch das deutsche Urheberecht vor (§ 44b Text und Data Mining).
Stattdessen bevorzugen 86 Prozent ein Opt-in-Modell: KI-Firmen sollten vorab um Erlaubnis fragen müssen und die Autoren vergüten. Die populärste Forderung ist eine kollektive Lösung über einen Berufsverband.
Was Romane nach Ansicht der Autoren leisten
Viele Befragte betonten, dass der Kern des Romans darin liege, menschliche Komplexität zu erforschen und zu vermitteln. KI könne nicht verstehen, was es bedeutet, Mensch zu sein.
Es gibt die Sorge, dass verstärkter KI-Einsatz zu immer belangloserer, formelhafterer Literatur führen könnte, da die Modelle jahrhundertealte Stereotype nachahmen. Manche Autoren spekulieren, dass die KI-Ära einen Boom experimenteller Literatur auslösen könnte – als Beweis menschlichen Schaffens und als künstlerische Abgrenzung von dem, was Algorithmen leisten können.
Eine Momentaufnahme des Gefühls
Die Befragung liefert eine wichtige Momentaufnahme der Stimmung in der britischen Literaturbranche. Die Kritik an der Studie selbst betrifft die mangelnde Verifizierung einiger Behauptungen. Dass etwa Übersetzungs- und Copywriting-Aufträge »rapide austrocknen«, wird zwar von vielen Befragten genannt, aber nicht mit konkreten Zahlen belegt.
Ebenso bleibt offen, wie viel des seit Langem sinkenden Autoreneinkommens (zwischen 2006 und 2022 sank es bereits inflationsbereinigt um etwa 60 Prozent) tatsächlich auf KI-Konkurrenz zurückzuführen ist. Die Studie legt nahe, dass die KI ein bestehendes Problem verschärft, aber nicht dessen alleinige Ursache ist.
Die Studie dokumentiert dennoch eindrucksvoll, wie sich eine ganze Branche fühlt: bedroht, betrogen, ohnmächtig. Wenn die Hälfte der Autoren glaubt, ihre Arbeit werde komplett ersetzt, ist das eine subjektive Einschätzung, keine gesicherte Vorhersage.
Ob diese Befürchtungen eintreffen, wird von Verlagen, Lesern, Gesetzgebern und der Organisation der Autoren abhängen. Die Studie liefert weniger Fakten über die Zukunft der Literatur als vielmehr Fakten über die Gegenwart: Autoren fühlen sich im Stich gelassen und sehen in der KI den Konkurrenten, der ihre Werke gestohlen hat, bevor er gegen sie antrat.
Zudem ist zu vermuten, dass eine solche Umfrage unter deutschen Autorinnen und Autoren zu ähnlichen Ergebnissen führen wird.


Spannende Einblicke! Ich glaube, die Unsicherheit vieler Autor*innen entsteht weniger durch die Technik selbst, sondern durch die fehlende Transparenz im Umgang damit. KI kann für Kreative ein starkes Werkzeug sein – aber nur, wenn klar geregelt ist, wie Daten genutzt werden und welche Rolle menschliche Originalität weiterhin spielt. Entscheidend wird sein, wie wir die Technologie in den kreativen Prozess integrieren, ohne den Wert menschlichen Erzählens zu verlieren.
„Es gibt die Sorge, dass verstärkter KI-Einsatz zu immer belangloserer, formelhafterer Literatur führen könnte, da die Modelle jahrhundertealte Stereotype nachahmen.“
Seltsamerweise empfinde ich das in bestimmten Genres schon seit Langem so. Gerade im Bereich Romantasy. Übertrieben gesagt, liest sich ein Buch wie das andere. Natürlich mit wenigen Ausnahmen.
Früher oder später wird es wirklich ein Qualitätsmerkmal sein, wenn ein Roman nicht mit KI geschrieben wurde. Womöglich sinkt die Anzahl an AutorInnen insgesamt, da es sich schlicht nicht mehr finanziell lohnt zu schreiben. An dieser Stelle muss man sich eben überlegen, ob man beruflich schreiben möchte, oder ob man es des Schreibens wegen als Hobby macht.
KI wird in Zukunft nicht von Verlagen genutzt (und auch nicht von Autoren), sondern von Firmen wie Apple, Google und Amazon. Warum sollten diese maschinell erstellte Bücher von Verlagen kaufen, wenn sie sowohl das Know how als auch die Rechenleistung besitzen, diese selber zu produzieren und auch die entsprechenden Vetrtriebswege kontrollieren, um dadurch die gesamte Wertschöpfung abzudecken?
Langfristig werden die Leser dafür vielleicht sogar ihre eigenen Heimrechner nutzen können. Dann gibt es kein Geld mehr für niemanden. ^^“
Ich sehe die Gefahr erst einmal nur für Trivialliteratur und TV-Drehbücher, die simpel gestrickt sind und immer das selbe in leichter Abwandlung bieten.
Schriftsteller werden inskünftig halt wieder qualitativ hochstehende und innovative Texte produzieren müssen, wenn sie weiter Geld verdienen wollen, und nicht 08/15-Einheitsbrei.