Die Nörgelei am Café-Tisch
Januar 1999 - Diesmal von Katharina Körting


Anfänger
Katharina KörtingIch habe eine seltsame Angewohnheit: ich bezeichne mich wann immer möglich als Anfänger. Früher dachte ich, das sei löblich selbstkritisch und vornehmes Understatement. In Wirklichkeit ist es einfach sicherer: Jeder übt Nachsicht, wenn ich noch nicht alles richtig mache.
     Außerdem ist es ruhmreicher: ich werde bewundert, wenn ich - obwohl ich doch ANFÄNGER bin - schon so so viel richtig mache.
     Das ist meine persönliche Feigheit, die ich mir längst noch nicht verziehen habe.
     Meiner Mutter ist diese Feigheit fremd. Sie neigt eher zur Hochstapelei. Die habe ich ihr auch längst noch nicht verziehen, aber das nur nebenbei.
     Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, hat meine Mutter den Motorradführerschein gemacht und sich eine alte 800er BMW gekauft. Sie hatte einen dunkelblauen Benzintank, meine Lieblingsfarbe, ich fand das todschick.
     Die Mutter schleppte mich mit in ein Fachgeschäft, wo sie sich eine schwarze Lederjacke, eine schwarze Lederhose und solche Dinge besah. Ich verstand nicht so recht, wozu sie mitten im Sommer so warme schwere Klamotten brauchte. Auch war mir nicht klar, warum sie, fachsimpelnd, so tat, als hätte sie sich schon hundertmal Motorradsachen gekauft, wo sie doch gerade vor zwei Stunden ihren Führerschein gemacht hatte.
     Mein Blick schweifte umher und blieb an einem Schild hängen: »ANFÄNGER«.
     Es war wirklich ein schönes Schild. In meiner kindlichen Unschuld dachte ich, meine Mutter bräuchte das doch zuallererst und wartete ein bisschen auf die entsprechende Bitte an den Verkäufer. Die kam aber nicht. Sie würde es doch nicht etwa vergessen? Ich fand es absolut unerlässlich, schon der Ordnung halber, dass ein Anfänger ein »Anfänger«-Schild braucht. Es mussten doch alle sehen: passt auf, ich sitze zum ersten Mal auf dem Motorrad, gebt Acht auf mich, ich kann‘s noch nicht so sicher!
     Schließlich ist Motorradfahren nicht das Gleiche wie Memoryspielen.
     Also zupfte ich meine Mutter am Ärmel ihrer Bluse und sagte: »Du, Mama, du brauchst doch auch noch das Anfängerschild!«. Sie reagierte nicht. Hatte ich zu leise gesprochen? Etwas lauter wiederholte ich meinen Hinweis. Meine Mutter schaute mich bloß unwillig an und machte irgendwelche Grimassen, die ich nicht zu deuten vermochte, sah sich irgendwie verstohlen zu den starken, schwarzledernen männlichen Kunden im Laden um, bevor sie sich wieder dem Verkäufer zuwandte und seinem Verkäuferkauderwelsch lauschte. Ich merkte schon, dass es ihr aus irgendeinem Grund unangenehm war, wenn ich mich einmischte, aber mir schien, sie hatte nicht kapiert, worauf es ankam. Ich nahm allen Mut zusammen und rief laut: »Mama! Das Anfängerschild brauchst du doch auch noch! Du bist doch Anfänger!« Dann drehte ich mich zu dem Verkäufer: »Können Sie das Anfängerschild mal runterholen? Wie teuer ist es?« Meine Mutter wurde ganz rot im Gesicht, das passierte ihr fast nie. »Nein, nein, bemühen Sie sich nicht! Das brauche ich nicht.« Sie zahlte schnell für die schwarzen warmen Ledersachen, nahm die Tüte und zerrte mich aus dem Laden. Sie schien sehr böse zu sein und sagte: »Dich nehm‘ ich nicht mehr mit zum Einkaufen!« »Aber Mama, wieso hast du denn das Anfängerschild nicht gekauft?« Ich konnte einfach nicht aufhören damit. Es war mir wirklich wichtig! Da rastete sie aus und schrie mich an, mitten auf der Straße. Meine Mutter konnte sehr ungerecht sein.
     Als sie wieder bessere Laune hatte, durfte ich mitfahren auf ihrer BMW. Trotz gegenteiliger Anweisung versäumte ich es, mich in den Kurven in die Kurvenrichtung zu legen. Stattdessen dachte ich, ich müsste das ausgleichen und legte mich in die Gegenrichtung. Ich hatte große Angst, dass wir umkippten. Das taten wir dann auch fast. Wir hätten eben doch das Anfängerschild kaufen sollen!

Katharina Körting


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