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Unsere Beobachtungen von der 52. Frankfurter Buchmesse (18.10.-23.10.2000)
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Drei Gutscheine in meiner Hand
Taschenbuchfest bei Suhrkamp

Gutschein für ein GetränkMittwochabend, 21 Uhr. Taschenbuchfest des Suhrkamp-Verlags. Man feiert in der Szenedisco U60311, einer ehemaligen U-Bahn-Station am Frankfurter Rossmarkt, in der sonst auch Sven Väth auflegt. Das klingt verlockend. Hätte man Suhrkamp gar nicht zugetraut.
     Dann, nach Betreten der Lokalität, wird klar, warum der Anfang auf eine relativ späte Zeit gelegt wurde: Man wollte sich das Buffet sparen! Weit und breit nix zum Essen zu sehen. Schlecht für den von der Messe knurrenden Magen. Schwäbische Tugenden auch bei den Getränken: Jeder Gast bekommt drei Gutscheine. Die darf er an den Bars einlösen. Aber nicht beliebig! Was erlaubt ist, sagt die »Suhrkamp-Liste«. Hochprozentigeres muss sich der geladene Gast selbst kaufen.
     Nun ja, so steht man zunächst rum und wartet auf die drei literarischen Programmpunkte des Abends: Rainald Goetz, der den Anfang machen sollte, so verkündet ein Herr auf der Bühne, den man wohl kennen muss, da er sich nicht vorstellt, sei verspätet, sodass zunächst Jose F. A Oliver seine Gedichte und Lieder vortrage. Schöne Gedichte und schön traurige Lieder, die völlig fehl am Platze sind. Während Oliver von der Hinrichtung Federico Garcia Lorca erzählt, herrscht Heiterkeit und Hochstimmung an der Bar.
     Dann Rainald Goetz, der erst um 22 Uhr eintraf, da er nicht wusste, dass das Fest schon eine Stunde früher begann. Goetz stammelt sich durch die Inhaltsangaben seiner Texte, die mindestens genauso unverständlich sind wie diese selbst. Das Publikum freut sich. So muss echte Literatenkunst sein. Wäre ja noch schöner, wenn das jeder verstünde. Man ist ja schließlich bei Suhrkamp.
     Dritter Autor: Christoph Schlingensief stellt ein Buch über seine Abschiebe-Aktion im Sommer 2000 anlässlich der Wiener Festwochen vor, welches demnächst erscheint. Er sei froh, dass es bei Suhrkamp verlegt werde, denn dann habe er die Gewissheit, dass es auch in 140 Jahren noch lieferbar sei. Das hört man gerne im Verlag. Schlingensief berichtet kurzweilig und unterhaltsam über seine Erfahrungen mit den Österreichern, und das deutsche Publikum darf sich herablassend freuen.
     Tja, und dann sind auch schon die Gutscheine aufgebraucht, und der Hunger ist stärker und das nächste Restaurant nicht weit.
     Ohne Zweifel, dies war ein Taschenbuchfest. Das Hardcoverfest muss es woanders geben.

Wolfgang Tischer

18.10.2000, Buchmesse Frankfurt

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