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Das leise Sterben von yourbook.shop

Am Ende hat der Buchkrake - das Logo von yourbook.shop -zu wenig Euros eingesammelt. Screenshot aus dem Image-Video (Quelle: YouTube)
Am Ende hat der Buchkrake – das Logo von yourbook.shop – zu wenig Euros eingesammelt. Screenshot aus dem Image-Video (Quelle: YouTube)

Bereits im August 2025 verschwand yourbook.shop von der Bildfläche – leise, ohne Pressemitteilung, fast unbemerkt. Dabei hatte die Plattform vor Jahren versprochen, eine demokratische Bestell-Alternative zu Amazon zu werden. Ein verspäteter leiser Nachruf.

Manchmal sterben Projekte so leise, dass man es erst Monate später bemerkt. Ein defekter Link, von der automatischen Prüfroutine gemeldet – und plötzlich führt die Spur zu einer toten Website. So geschehen Anfang 2026 mit yourbook.shop, jener Plattform, die einmal angetreten war, den Buchhandel zu demokratisieren. Ist die Website temporär down? Oder (schon) länger? Kann das sein?

Nach einigem Googeln und zunächst keinem Hinweis auf ein Ende von yourbook.shop, führt die Recherche schließlich zu einem Facebook-Post der Betreiber vom 18. August 2025. »Leider müssen wir jetzt jedenfalls vorläufig mal offline gehen«, heißt es dort. »Wir kündigen diese Woche die Server und schalten yourbook.shop ab.« Drei Sätze Abschied nach zehn Jahren Aufbau. Kein Pressegespräch, keine offizielle Stellungnahme, kein Bericht in einem Branchenmedium, nur dieser Post für die verbliebenen Follower. Im Wikipedia-Eintrag haben wir gerade (Januar 2026) das Ende eingetragen.

In den Kommentaren des Facebook-Posts meldet sich im Dezember 2025 eine Nutzerin, die nach Hoffnung fragt, nach einer möglichen Genossenschaft. Die Antwort ist eindeutig: »nein Nadine – es ist jetzt zumindest erstmal vorbei und wahrscheinlich ganz. Danke für dein Bemühen! Wir haben auch für die eG nicht die Mittel organisieren können.«

Am Anfang war das log.os

2015 fing alles an. Volker Oppmann gründete log.os, eine Bücher-Plattform, die bewusst anders sein wollte. Kein Wagniskapital, keine Exit-Strategie, stattdessen Gemeinwohl-Ökonomie. Oppmann hatte Erfahrung: er hatte 2007 den Independent-Verlag Onkel & Onkel gegründet, 2008 das E-Book-Unternehmen textunes, das Thalia 2011 übernahm. Mit log.os wollte er etwas Dauerhaftes schaffen.

Die Idee klang überzeugend. Eine Plattform, die Büchercommunity, Onlineshop und E-Reader vereint. Werbefrei, nutzerfinanziert, demokratisch kuratiert. 2016 startete die Open-Beta-Phase. Doch der Name log.os erwies sich als Handicap – zu technisch, zu schwer zu finden bei Google. 2017 folgte die Umbenennung in mojoreads.

Vier Jahre später, 2021, dann die nächste Umbenennung in yourbook.shop. Der neue Name sollte klarmachen, worum es ging – um Bücher, um einen Shop, um »your book«. Das Konzept wurde geschärft: Nutzerinnen und Nutzer konnten eine lokale Buchhandlung als Stammbuchhandlung auswählen, die dann 15 Prozent an jedem Kauf mitverdiente. Buchhandlungen, Autorinnen und Autoren, Verlage konnten eigene Profile anlegen und Bücher empfehlen – für weitere 10 Prozent Beteiligung. Auch das literaturcafe.de wurde seinerzeit angefragt, dort eine Seite zu kuratieren. Doch uns fehlten die Ressourcen. Auf unserer Bestellseite war yourbook.shop jedoch seit Jahren verlinkt.

Als Vorbild diente bookshop.org aus den USA, dort mit 30 Prozent Beteiligung für die Buchhandlungen. yourbook.shop bot weniger, aber immerhin bis zu 25 Prozent insgesamt. Kommunikationsleiterin Karla Paul, die 2020 in die Geschäftsführung eingetreten war, formulierte im Börsenblatt den Anspruch: »Ein demokratischer Markt ist wichtig für den Erhalt vielfältiger Literatur.« Der Slogan: »Alles wird Buch«.

In Deutschland gab es 2016 mit buchhandel.de bereits eine ähnliche Plattform des Börsenvereins, die ein Bestellen direkt bei den Buchhandlungen ermöglichte. Doch diese stellte Anfang 2017 ihre Shop-Funktion ein – an mangelnder technischer Umsetzung, fehlenden Schnittstellen und zu geringer Nutzung gescheitert. yourbook.shop sollte es besser machen.

Schwingenstein, Beck und der Traum vom demokratischen Buchmarkt

Die Liste der Förderer war beeindruckend. An erster Stelle stand die August Schwingenstein Stiftung, hinter ihr Konrad Schwingenstein, Enkel eines der drei Gründer der »Süddeutschen Zeitung«. Schwingenstein hatte bereits torial und piqd finanziert, Projekte für einen demokratischeren Journalismus. Mit yourbook.shop wollte er Ähnliches für die Literatur erreichen.

Jonathan Beck vom Verlag C. H. Beck stieg als Gesellschafter ein. Er ließ sich zitieren: »Eine digitale Struktur, die mittelständischen Marktteilnehmern einen selbstbestimmten Platz für Aktivitäten im Netz ermöglicht und keine Abhängigkeit erzeugt, ist auch für uns Verlage eine wichtige Perspektive.«

Karla Paul übernahm 2020 die inhaltliche Leitung. Sie hatte zuvor LovelyBooks geleitet, für Verlage gearbeitet, galt laut »Zeit Magazin« als »Deutschlands bekannteste Buch-Influencerin«. Sie brachte Reichweite und Branchenkenntnisse mit.

Die Zutaten stimmten also: erfahrener Gründer, engagierter Hauptinvestor, Verlagsunterstützung, professionelle Content-Leitung, eine nach eigenen Angaben eine Community von 14.000 Mitgliedern zum Zeitpunkt der Umbenennung in yourbook.shop. Dazu die richtige Haltung – gemeinnützig orientiert, werbefrei, transparent.

Der Genossenschaftsplan und nichts wird mehr Buch

Was dann geschah, lässt sich nur aus wenigen Spuren rekonstruieren. Im Januar 2025 – laut Kommentaren auf Facebook etwa 30 Wochen vor dem finalen August-Post – gab es offenbar bereits Pläne für eine Genossenschaft. Eine Nutzerin fragte nach, ob die Website noch existiere. Antwort: »no…leider nicht… aktuelle Idee: eine Genossenschaft draus machen…aber auch dafür bräuchten wir Hilfe.«

Der Versuch scheiterte. Im August 2025 dann die Ankündigung der Serverabschaltung. Der Facebook-Post dankte »allen begeisterten Mitmacherinnen und Kunden, allen Partnerinnen und Kollaborateuren«. Besonders erwähnt wurden Konrad Schwingenstein für seinen »unverwüstlichen Optimismus«, Volker Oppmann, »der vor über 10 Jahren die grundliegende Idee hatte und sich persönlich 7x gehäutet hat für dieses Projekt«, und Jonathan Beck, »der uns auch über Worte hinaus unterstützt hat«.

Eine Formulierung fiel auf: »Verzeiht alle Versäumnisse – meist sind sie einfach wegen fehlender Mittel passiert.« Die Mittel – das war offenbar das Problem. Nicht die Idee, nicht das Engagement, nicht die Unterstützung. Sondern schlicht: das Geld. Alles wird Buch? Leider nein.

Sozialunternehmen im Plattformgeschäft

yourbook.shop war bewusst als Sozialunternehmen konzipiert worden. Keine Profitmaximierung, kein Wagniskapital, keine Investoren, die nach wenigen Jahren einen Exit erwarten. Stattdessen Gemeinwohl-Ökonomie, Stiftungsfinanzierung, langfristige Perspektive. Ein Gegenentwurf zu den üblichen Startup-Mechanismen. Ein Video von 2023, das sich noch auf YouTube findet, erklärt die Plattform.

Der Imagefilm von yourbook.shop aus dem Jahre 2023 erklärt die Plattform

Aber vielleicht lag darin auch das Problem. Plattformen kosten Geld. Entwicklung, Serverkapazität, Personal, Marketing. In den USA funktioniert bookshop.org – dort mit Rückendeckung durch Verlage und eine andere Marktstruktur. In Deutschland blieb yourbook.shop eine Nische.

Die 14.000 Community-Mitglieder klingen nach viel. Für eine Plattform, die sich selbst tragen soll, sind sie wenig. Zum Vergleich: LovelyBooks hat nach eigenen Angaben über 300.000 registrierte Nutzerinnen und Nutzer. Goodreads weltweit über 150 Millionen. yourbook.shop bewegte sich in einer anderen Liga – zu groß für ein Hobbyprojekt, zu klein für Profitabilität.

Dazu kam die Grundfrage: Wer braucht eine weitere Buchplattform, wenn der Austausch längst auf anderen Social-Media-Kanälen erfolgt? Die Zielgruppe – literaturaffine Menschen, die lokale Buchhandlungen unterstützen wollen – ist überschaubar. Viele von ihnen kaufen ohnehin direkt beim Buchhändler um die Ecke. Oder sie nutzen etablierte Plattformen, weil diese bequemer sind, schneller liefern, mehr Auswahl bieten.

Vom Börsenblatt gefeiert, auf Facebook beerdigt

2016 berichtete buchreport über die Stiftungsförderung. 2017 meldete das Börsenblatt die Umbenennung zu mojoreads. 2020 verkündete dasselbe Blatt Karla Pauls Einstieg in die Geschäftsführung. 2021 wurde der Relaunch als yourbook.shop medial begleitet.

Danach: Stille. Keine Erfolgsmeldungen mehr, keine Interviews, keine Pressemitteilungen. Die letzten LinkedIn-Posts datieren von 2023, der letzte Instagram-Post ist Monate alt. Die Website selbst zeigt seit August 2025 nur noch eine leere Seite. Die letzte gespeicherte Version im Internet-Archiv vom 14. August 2025 zeigt keinen Hinweis auf die Schließung, sondern vermeldet noch »6.904,09 € Erlöse für Partner-Buchhandlungen«.

Es ist nicht das erste Mal: Plattformen oder Startups, die mit großen Ankündigungen starten, Aufmerksamkeit generieren, Hoffnungen wecken – und dann irgendwann verschwinden, ohne dass es jemand richtig mitbekommt. Die Buchbranche hat davon einige gesehen. Beam, Sobooks, Readfy – alles Plattformen mit guten Ideen, die nicht überlebten.

yourbook.shop reiht sich ein in diese Liste. Mit dem Unterschied, dass hier nicht Investoren absprangen oder ein Geschäftsmodell sich als untauglich erwies. Sondern dass ein Projekt, das alles richtig machen wollte – ethisch, demokratisch, gemeinnützig –, an der simplen Tatsache scheiterte, dass auch gute Absichten Geld kosten.

Eine tote Website und offene Fragen

Die Website yourbook.shop ist tot und führt zu United Domains. Auf Facebook und Instagram gibt es noch Archive vergangener Buchempfehlungen. Die Community ist zerstreut. Die Buchhandlungen, die mitgemacht haben, müssen sich andere Wege suchen.

Volker Oppmann hat sich bisher nicht öffentlich zum Ende geäußert. Konrad Schwingenstein ebenfalls nicht. Jonathan Beck schweigt. Nur jener Facebook-Post vom August 2025 dokumentiert das Ende – knapp, fast entschuldigend, ohne Drama.

Vielleicht ist das die eigentliche traurige Geschichte von yourbook.shop und ähnlichen Web-Projekten: dass gute Ideen, engagierte Menschen und ideelle Unterstützung nicht ausreichen, wenn die ökonomischen Rahmenbedingungen nicht stimmen. Dass der Buchmarkt, so vielfältig er inhaltlich ist, digital von wenigen Unternehmen – meist Konzernen –  dominiert wird. Und dass Alternativen aufzubauen schwieriger ist, als es von außen aussieht.

Die Frage bleibt offen, ob das Modell überhaupt funktionieren konnte. Ob 15 Prozent Beteiligung für Buchhandlungen ein Anreiz waren oder zu wenig. Ob eine werbefreie Plattform ohne Wagniskapital in Deutschland eine Chance hat. Ob bookshop.org nur funktioniert, weil der amerikanische Markt anders strukturiert ist.

Antworten darauf gibt es nicht. Nur eine tote Website und ein Facebook-Post, der mehr Fragen aufwirft als er beantwortet. yourbook.shop wollte zeigen, dass es anders geht. Am Ende ging es nicht. Zumindest nicht so.

Wolfgang Tischer

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