Start Vito von Eichborn: Büchermachen Büchermachen XX: Gedruckte Bücher kann niemand hacken

Büchermachen XX: Gedruckte Bücher kann niemand hacken

Unregelmäßig und immer am Samstag berichtet der Lektor, Verleger und Literaturagent Vito von Eichborn über das Büchermachen. Es geht ihm nicht um Theorien, sondern um das Handwerk auf dem Weg zur »Ware Buch«. Er redet Klartext, räumt mit Vorurteilen auf – und will zum Widerspruch anregen. Und er bittet um Fragen über den Buchmarkt, um an dieser Stelle darauf einzugehen.

Eine Kolumne von Vito von Eichborn

»Ein Buch ist ein Buch! Ich will es riechen, fühlen, darin blättern …« »Ja, und diese einmalige Haptik.« »Dostojewski auf einem Tablett – das kann ich mir gar nicht vorstellen.« »Die Digitalisierung von allem führt unweigerlich zu Kulturverlust.« »Das synthetische Gefühl am Bildschirm …« Jaja, ist ja gut, wir kennen die Argumente. Auch dagegen – das Schleppen von Büchern in den Urlaub. Die preiswerte Herstellung, beliebige Verfügbarkeit.

Um mit Faust zu sprechen – der Worte sind genug gewechselt. Natürlich gehöre ich zur Bücherfraktion, körperlich, ohne Strom. Für unterwegs hab’ ich mein Tablett – aber zuhause klicken statt blättern? Undenkbar. Ich will auch hin- und herblättern, diagonal den roten Faden wiederfinden, wenn ich am nächsten Tag weiterlese, das macht auf dem Tablett keinen Spaß. Für das, was früher Groschenroman genannt wurde – nichts dagegen, besser das als gar nix lesen! -, das mag sogar auf dem Smartphone lesbar sein. Aber ein »richtiger« Text, zur Anregung, zum Verweilen, zum Nachdenken, zum Wiederlesen – gehört in ein Buch. Basta!

Klar suche ich nach Argumenten für meine Überzeugung – und es freut einen doch, wenn man welche findet, die man so noch nicht kannte. Hier ein Zitat von Hirnforscher Singer, ob digitales Lesen bestimmte Strukturen weniger trainiert:

»Was den Leseprozess selbst angeht, gibt es durchaus auch Unterschiede. Wir nehmen die Schrift auf dem Bildschirm heute nicht mehr flimmernd wahr, weil die Abtastraten hochfrequent sind. Bewusst nehmen wir das nicht wahr, aber die Netzhaut des Auges löst dieses Flimmern noch auf und sendet diese diskontinuierlichen Reize zur Hirnrinde. Dieser nicht wahrnehmbare Flickerreiz kann durchaus auch neuronale Prozesse beeinflussen. Wir wissen, dass manche Tiere über ein besseres zeitliches Auflösevermögen verfügen, das Flickern wahrnehmen und deshalb ungern auf Bildschirme schauen.«

Ich auch! Aha, das war mir neu. Es flickert – hab ich’s nicht geahnt? Singer erklärt auch spannend, was beim Lesen überhaupt in der Hirnrinde passiert – das erzähle ich hier vielleicht ein andermal. Und zu meinem Buchargument meint er schlüssig: »Ich kann für mich nur sagen, ich habe gern etwas in der Hand, in dem ich zurückblättern kann, das ich aufgeschlagen weglegen kann, um das eben Angedachte sofort wiederzufinden, sobald ich das Buch abermals zur Hand nehme. Und das geht für mich eben nur auf Papier.« Aber genau!

Schließlich stieß ich noch auf was ganz anderes – das absolut schlagende Zitat für mein »Medium gedrucktes Buch«, natürlich im Netz, ausgerechnet bei XING: »Das gedruckte Buch, um das sich alles dreht, könnte hier im digitalen Zeitalter eine sehr wichtige Rolle übernehmen. Im Gegensatz zu elektronischen Medien, die beliebig gelöscht, verändert, sprich korrumpiert werden können, bietet es eine jahrhundertelang bewährte, batterieunabhängige, nicht hackbare, sichere Speichermethode.«

Na also, gibt es trefflichere Argumente – besonders für die Jünger der digitalen Welt? Klar könnte man die »Buddenbrooks« scannen, die PDF-Datei ins WORD-Format und wieder zurück umwandeln, Lübeck gegen, sagen wir: Gelsenkirchen austauschen, eine Sexszene reinschreiben und Johann in Kevin umtaufen. Nee, verboten! Es ist doch beruhigend, dass das, was da »im Buche steht« – synonym finde ich: mustergültig, musterhaft, paradigmatisch, typisch, vorbildhaft, vorbildlich, waschecht -, für immer unveränderlich ist.

Von wegen »alles fließt«. (Ob Heraklit das Netz ahnte?) Ich sag’s ja – Bücher lesen wird bald wieder eine richtige Mode, total in für Leute, die sich mal wieder auf was Bleibendes verlassen wollen.

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Vito von Eichborn

Bewerbungen? Fragen? Meinungen? Manuskripte? Kommentare? Vito von Eichborn freut sich über Rückmeldungen! Am besten unten in den Kommentaren oder per Mail an buechermachen(at)literaturcafe.de.

Vito von Eichborn, 1943 geboren, Studium, Journalist und Aussteiger, begann 1973 im Lektorat bei Fischer in Frankfurt. 1980 Gründung des Eichborn Verlags, den er 1995 freiwillig verließ: »Das war der Fehler meines Lebens.« Geschäftsführer bei Verlagen in Hamburg. Lebt seit 2007 in Bad Malente. Gründete zwischenzeitlich auf Mallorca den Verlag Vitolibro, den er mit norddeutschen Regionalia, literarischen Ausgrabungen und Kuriosa fortsetzt. Ist manchmal Agent für Autoren (»nur, wenn das Projekt marktfähig ist«), schreibt, lektoriert, entwickelt Projekte.

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10 KOMMENTARE

  1. Mme Blaes, na klar. Das ist ein kalkulatorischer Durchschnitt incl. Nachauflagen. In meinem Kleinverlag Vitolibro sind sie höher, weil meine Auflagen zu klein sind.
    In Verlagen rechnet man mit – eben – Faktor 6 = Herstellkosten x 6 = Ladenpreis. Taschenbücher sind also oft billiger als die 2,- €. Faktor 5 oder gar 4 gibt’s oft bei Startauflagen, vor allem im Hardcover. Bei Faktor 3 geht der Verlag pleite. …

  2. Die Druckkosten betragen ein Sechstel des Buchpreises?
    Das kann so pauschal nicht gesagt werden. Druckkosten pro Buch hängen von Auflage, Umfang, Format und Seitenzahl ab. Hard- oder Softcover spielen auch eine Rolle. Relevant ist auch, wo gedruckt wird – Deutschland oder Ausland. Druckkosten sind sehr variabel. Ich lasse Hardcover beispielsweise nur noch in Osteuropa drucken. Die Qualität ist hervorragend und der Preis deutlich geringer als für dasselbe Buch als Softcover in Deutschland.
    Ich habe vor einiger Zeit für ein Projekt von verschiedenen Druckereien Angebote erstellen lassen. Die beliefen sich von 1.600 Euro bis 4.000 Euro.

  3. Ich glaube nicht, dass alle Autoren zu Unternehmern werden wollen. Manchen macht das vielleicht Spaß, sich um alles selbst zu kümmern. Manche geben nur nicht gern die Kontrolle aus der Hand (in diese Richtung tendiere ich selber) und nehmen dafür Umstände in Kauf. Aber viele schreckt es auch zurück, und sie konzentrieren sich lieber aufs Schreiben. Von daher denke ich, dass irgendeine Form der Vermittlung – ob man die nun “Verlag” nennt oder anders – auch nach der Digitalisierung des Buchmarktes ein wichtiges Geschäftsmodell bleibt. Ich rechne also langfristig mit einem friedlichen Nebeneinander von Selbstverlegern und Verlagen/Herausgebern.

    Die Frage, wer die Leser in Zukunft beraten soll, ist berechtigt. Dass der klassische Buchhandel in dieser Funktion immer mehr ausfällt, ist schade – zumindest für das kleine Grüppchen von Leuten, die bisher diese Form der Beratung genutzt haben. Aber die Zeit bleibt nicht stehen, und manche Geschäftsmodelle bleiben dabei halt auf der Strecke. Das war schon immer so.
    Es gibt ja noch andere Wege, sich über Bücher zu informieren: Kritiken, Bestsellerlisten, Diskussionen in Talkshows und sogar reale Gespräche unter lesebegeisterten Freunden. Dazu kommen neue Formen wie Online-Rezensionen und AI-gestützte Empfehlungen der Handelsplattformen; ob Letztere ein Fluch oder Segen sind, müssen wir erst noch abwarten. All das gibt es bereits – also zunächst unabhängig von der Frage, ob Bücher auf Papier oder als E-Book vorliegen.
    Ich denke, es gab schon immer die aktiveren Leser, sie sich selber um Informationen bemüht haben, und die eher passiven Typen, die auf Anstöße von außen (sei es der Tipp des Buchhändlers oder die automatisierte Empfehlung bei Amazon) gewartet haben.
    Und bei allem Verständnis sollten wir die Buchhändler auch nicht zu sehr in den Himmel loben. Die richtig Kompetenten, deren Rat wirklich über das hinausgeht, was die Onlinehändler mit ihren Algorithmen als passend errechnet haben, findet man gar nicht so häufig.
    So oder so wird der Buchkonsum durch den möglichen Wegfall des herkömmlichen Buchhandels nicht aufhören.

    • In der Beratung liegt die Krux und die Chance für den stationären Buchhandel. Die sog. Influencer haben wegen der Korrumpierung durch die Verlage meines Erachtens an Bedeutung verloren, obgleich Blogs und Facebook-Gruppen eine Chance für uns Leser gewesen wären. Amazon-Bewertungen sind mitunter gekauft, beispielsweise habe ich neulich bei einem völlig wertlosen, mit Fehlern gespickten selbstverlegten Ratgeber weit über 100 positive Bewertungen gefunden! Und so bleibt die Beratung die größte Chance für den Buchhandel Dumm nur, dass dafür Personalkosten anfallen. Hier gäbe es jedoch Wege, Kundschaft an sich zu binden, ohne allzu hohe Personalkosten: Thalia lässt beispielsweise persönliche Empfehlungen ihrer Angestellten an Büchern anbringen. Wählt ein Buchhändler seine Bücher ehrlich nach ihrer Qualität (was immer das auch sein mag!) aus und bewertet sie fair- das muss nicht in der persönlichen Beratung sein – so wird die Kundschaft ihm auf kurz oder lang vertrauen. Ehrlich bedeutet auch, dass er vor einer Lektüre warnen darf. Beispiel: “Gott bewahre” von John Niven. Auf der Empfehlung des Buchhändlers dürfte ruhig stehen: “Der Roman enthält blasphemische Passagen, durch die ein gläubiger Mensch sich beleidigt fühlen kann.”

      Doch, ich glaube, dass der Buchhandel eine Chance gegen Amazon und das E-Book hat. Nur muss er neue Wege des Marketing suchen. Ob dies durch interessante Lesungen, durch Buchempfehlungen à la Thalia oder andere Methoden erreicht werden kann, sollte von den Vereinigungen der Buchhändler ausgelotet werden.

  4. Ja, es geht ums Geld – zumindest indirekt. Aber es geht mitnichten darum, Verlage abzuschaffen.
    Alles, was den Inhalt von Büchern besser macht und deren Verbreitung fördert, ist aus Lesersicht weiterhin wichtig und willkommen: Verleger, Lektoren, Korrektoren, Grafiker und sogar Setzer (Satz braucht man, in etwas anderer Form, auch für E-Books).
    Was wir hingegen los werden sollten, ist eine technisch veraltete und grandios umständliche Art, die Inhalte an den Leser zu bringen: Bücher aus Papier im Druckverfahren herstellen, zwischenlagern, an Großhändler ausliefern, an Buchhändler weiterliefern, über Ladengeschäfte an die Leser verkaufen.
    Wer braucht heute noch ein kompliziertes und teures System, um auf Vorrat gedruckte Papierbücher innerhalb von 24h an Buchhandlungen zu liefern, wenn man den Inhalt des Buches innerhalb von Sekunden aufs Lesegerät bekommen kann?

    Zugegeben: Was die Qualität, die Praxistauglichkeit und auch die Preiswertigkeit der Lesegeräte angeht, ist noch Luft nach oben. Die Entwicklung der spezielen E-Reader stagniert anscheinend seit ein paar Jahren. Aber auch mit den bisherigen Geräten kann man schon sehr gut lesen – und wenn erst der Durchbruch der E-Books kommt, wird auch das Thema Reader für die Hersteller wieder attraktiver.

    Dreh- und Angelpunkt dieses oft angekündigten und bis heute nicht erfolgten Durchbruchs ist der Preis der Verlagsbücher. Wobei auch niemand Wunder erwartet: Der anspruchsvolle Leser zahlt lieber 6 Euro für ein E-Book aus einem renommierten Verlag, der ein gewisses Qualitätsniveau garantiert, als 3 Euro für ein selbstpubliziertes Werk mit allerlei inhaltlichen, formalen und technisch-gestalterischen Baustellen. (Der Selfpublisher, der sich aus eigener Tasche einen Lektor und einen Grafiker leistet, wird schließlich auch etwas mehr verlangen müssen, um am Ende nicht draufzuzahlen.)
    Was aber nicht funktioniert, sind E-Book-Preise, die zu nah an den Preisen der Druckversionen liegen; sonst macht, so komisch das klingt, die Druckversion dem E-Book Konkurrenz. Bei solchen Preisen fehlt der effektive Gegenwert in Anbetracht der reduzierten Nutzungsrechte.

    Spielen wir die Rechnung mal anhand heutiger Preise durch:
    Angenommen, ein Taschenbuch kostet heute im Laden 12 €, also 11,21 € ohne MWSt. Wenn die Druckkosten tatsächlich 1/6 vom Ladenpreis (2 €) betragen, bleiben 9,21 €. Der Verlag gewährt dem Barsortiment 50 % Rabatt vom Nettopreis, somit bleiben dem Verlag noch 3,61 € – wovon er seine eigenen Ausgaben für Verwaltung, Lektorat, Korrektorat etc. sowie die Autorentantieme bezahlen muss.
    Weiter angenommen, der Durchbruch des E-Books findet statt und der Verlag schwenkt ab heute ganz auf E-Book um. Bei Amazon oder Tolino lassen sich 70 % des Nettopreises erlösen. Gehen wir erst mal davon aus, dass wir in dieser neuen Welt genauso viele E-Books verkaufen können wie früher Taschenbücher, dann benötigen wir für Herstellung des Status-Quo wieder 3,61 € Einnahmen. Wenn das die besagten 70 % sind, brauchen wir einen Netto-Verkaufspreis von 5,16 € – was selbst bei den derzeit noch gültigen 19 % MWSt auf E-Books 6,14 € Endkundenpreis sind (mit den oft geforderten 7 % MWSt wären es nur noch 5,52 €). Nun bin ich aber Optimist und gehe davon aus, dass man langfristig mehr E-Books verkaufen kann als bisher Taschenbücher, weil die Mehrfachnutzung des gedruckten Buches wegfällt. Somit ergeben sich noch weitere Spielräume für die Senkung des Endkundenpreises, die Erhöhung des Autorenhonorars oder beides.

  5. Aha, es geht also ums Geld, wie immer.
    Stimmt, wenn die Autoren die Dateien für ihre Bücher selbst herstellen und direkt an ihre Leser verkaufen, sparen sie Buchhändler, Verlage, Hersteller, Lager, Auslieferung, Zwischenbuchhandel, Vertreter. Und das Risiko. Präsenz oder bestellen im Laden? Unnütz. Auch Korrektoren, Grafiker – lässt sich alles mit Korrektur- und Grafikprogrammen selbst machen. Presseabteilung, Verlagsvorschauen an 2500 Adressen mit teurem Porto – überflüssig. Und die Buchhaltung läuft on demand ja automatisch.
    He, meine Leser, hier kommt mein neuer Roman!
    Die Druckkosten sind übrigens ein Sechstel vom Ladenpreis. Komisch, dass im Buchhandel und in anspruchsvolleren Verlagen niemand reich wird. Sind die alle blöd? Die sollen das, ökonomisch mit dem Rücken an der Wand, gefälligst billiger machen?
    Schaffen wir sie doch allesamt ab!
    Der Zug fährt schon …

    • Jetzt muss ich den Andreas aber verteidigen. Ich glaube Sie, Herr von Eichborn und Herr Beitinger liegen in der Meinung sehr dicht beieinander. Wenn ich mich recht erinnere haben Sie, Herr von Eichborn, sich doch als Content-Manager verstanden. Also ich fand das gut. Der Inhalt ist entscheidend, weniger der Geruch des Papiers. Und wer den Wert von Grafikern, Lektoren und den des professionellen Marketings herabwürdigen will, der ist ohnedies nicht mit dem Geist der Ökonomie gesegnet. Ich selbst verzichte lieber auf einen Teil meines Honorars, als dass ich auf die Professionalität eines Verlags oder des Buchhandels verzichten würde. Den Selbstverlag wähle ich nicht wegen des Geldes, lediglich der Not gehorchend, nicht dem freien Willen ;-) Ich denke, damit stehe ich nicht alleine und ich bin sicher, dass auch Herr Beitinger dies so sieht.

  6. Schöne Argumente gegen das E-Book. Nur leider treffen nicht alle zu.
    Ein richtiger E-Book-Reader flimmert nicht – auch nicht hochfrequent. Wer so ein Ding zu teuer findet und daher zum Lesen nur das vorhandene Tablet verwendet, ist selber schuld.
    Der Reader merkt sich natürlich die zuletzt aufgeschlagene Seite – sogar für mehrere dort gespeicherte Bücher. Im Kindle-System geht das mittlerweile so weit, dass die letzte Lesestelle geräteübergreifend synchronisiert wird: Man kann z. B. unterwegs vom Handy aus dort weiterlesen, wo man abends zuvor mit dem E-Book-Reader aufgehört hat. (Welche Folgen das für einen möglichen Datenmissbrauch hat, ist dann wieder eine andere Frage. Wer Bedenken hat, muss die Funktion ja nicht nutzen.)
    Das Hauptproblem der gedruckten Bücher sind aus heutiger Sicht die Kosten. Die Buchbranche hatte sich daran gewöhnt, dass die meisten Autoren das Schreiben als Hobby begreifen und sich freuen, wenn am Jahresende “als kleine Anerkennung” einige Hunderter an Tantiemen eintrudeln. Doch dann kam Amazon und hat bewiesen, dass man Einnahmen für schriftstellerische Arbeit auch ganz anders verteilen kann – und plötzlich gibt es auch unterhalb der Bestsellerlisten eine ganze Reihe von Autoren, die vom Schreiben leben können.
    Das Problem sind gar nicht mal die vielgescholtenen Verlage. Die könnten auch in einer Welt der E-Books nützlich sein. Sie drücken Büchern mit ihrer strengen Vorauswahl einen Qualitätsstempel auf, übernehmen unverzichtbare Vorkosten und nutzen ihre Verbindungen, um erfolgversprechende Bücher besser am Markt zu starten. Für all das sollen sie auch einen angemessenen Teil vom Ertrag bekommen.
    Ein viel größeres Problem sind Druckereien, Barsortimente und Buchhändler – denn bei ihnen verbleibt am Ende der größte Teil der Einnahmen aus dem Verkauf gedruckter Bücher. Wenn ich als Autor feststelle, dass allein der Buchhändler ein Mehrfaches meiner Autoren-Tantieme verdient, stimmt was nicht mit der Relation.
    Damit will ich den Buchhändlern und Großhändlern gar nicht unterstellen, Abzocker zu sein. Sie kalkulieren bereits knapp; die klassische Form des Buchvertriebs geht halt nicht billiger. Doch die Technik hat sich weiterentwickelt, und der Leser sollte sich fragen: Wofür will ich mein Geld vorwiegend ausgeben? Für den Inhalt des Buches (also Autorentantieme, Lektorenhonorar etc.) oder für eine umständliche, aus der Zeit gefallene Logistikkette? Und das nur, weil ich mich von der althergebrachten Vorstellung eines Papier-Buches nicht lösen kann?
    Die Flut an größtenteils erfolglosen Selfpublishern, die bei Kindle und Tolino ungefiltert jeden Mist anbieten und oft noch nicht mal grundlegende Rechtschreibung beherrschen, mag kein Vorbild sein. Von der Zahl der im Selfpublishing veröffentlichen Titel darf man sich sowieso nicht blenden lassen; der Anteil derer, die sich etablieren können, ist klein. Aber das elektronische Selfpublishing zeigt zumindest einen neuen Weg des Büchermachens auf: Senken der Vertriebskosten, Aufwerten des Inhalts.
    Fragt sich, warum das bisher im Verlagswesen nicht klappt, und warum die große Mehrzahl der Käufer weiterhin gedruckte Bücher bevorzugt. Liegt das wirklich an der Technik?
    Ich habe mich das selbst anhand meiner Lesegewohnheiten gefragt und mich auch im Bekanntenkreis umgehört. Wir waren uns einig, dass es in erster Linie am Preis liegt: Wenn ich für ein E-Book 80 % des Taschenbuchpreises zahlen soll, steht das in keinem Verhältnis zum Nutzen. Ein Taschenbuch kann ich weiterverkaufen, weiterschenken und verleihen, während mir das E-Book nur persönlich zur Verfügung steht. Unterm Strich würde ich mit dem Verlags-E-Book also draufzahlen und entscheide mich dann eher fürs Taschenbuch – trotz der praktischen Nachteile. Dass der Autor am gedruckten Buch weniger verdient, tut mir natürlich leid. Aber das ist in diesem Moment nicht mein Problem.
    Das würde sich schlagartig ändern, wenn die E-Books der Verlage endlich angemessen bepreist würden. Sie können nicht so billig sein wie selbstverlegte Titel, aber mehr als 1/3 (oder allerhöchstens 1/2) vom Taschenbuch-Preis wäre marktgerecht. Wenn man zum Preis des Taschenbuches das E-Book zwei- bis dreimal kaufen könnte, fiele das Argument des Weitergebens und Verleihens weitgehend weg. Kunden neigen zur Bequemlichkeit; wer den Buchinhalt preiswert und ohne Wartezeit legal runterladen kann, müht sich weder mit dem Bestellen gedruckter Exemplare noch mit der Beschaffung von Raubkopien ab. Dort, wo jetzt ein einziges Taschenbuch-Exemplar gekauft und im Freundeskreis herumgereicht wird, würden dann mindestens zwei E-Books gekauft. Die Argumente der Papierbuch-Fraktion würden sich schneller verflüchtigen als der Geruch gedruckter Bücher, von dem einige immer noch schwärmen.

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