Bachmanntagebuch 2019: Das Finale

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Licht aus und Ende: Das Studio ist leer
Licht aus und Ende: Das Studio ist leer

Am Sonntagmorgen gegen 10.30 Uhr – ich sitze bereits im Studio und beobachte, wie es sich langsam füllt. Für die Preisverleihung um 11 Uhr treffen wieder alle wichtigen Leute ein, deren Gesichter ich bei der Eröffnung gesehen habe. Vorne im Saal sind zusätzlich zwei lange, weiße Sofas aufgestellt, auf denen die Autoren Platz nehmen. Die Spannung ist zu spüren. Ich bin wirklich gespannt. Endlich geht es los. Der Moderator führt uns durch die Abstimmung und der Justitiar erklärt und das Prozedere.

Bachmanntagebuch 2019: Das Finale 1

Bereits im Vorfeld wurde ich darüber informiert, dass es zunächst zu einer sogenannten Shortlist-Abstimmung kommt – sieben Autoren fallen dadurch raus, sieben Autoren kommen weiter und qualifizieren sich für einen der vier Jury-Preise. Die Shortlist-Kandidaten werden durch kurze Video-Zusammenfassungen vorgestellt. Die ausgewählten Kandidaten rühren sich kaum und bleiben angespannt – was ja auch kein Wunder ist, die Preisvergabe kommt jetzt erst.

Die Abstimmung über den Bachmannpreis – den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis folgt direkt. Es geht alles sehr fix. Mit einem Einzeiler als Begründung benennt jedes Jurymitglied der Reihe nach seinen Favoriten. Zwei Autoren werden doppelt genannt. Es folgt eine Stichwahl zwischen den beiden. Die Jurymitglieder nennen ihren Favoriten unter den beiden Autoren. Und schon steht die Gewinnerin des Bachmannpreises 2019 fest! Es ist schön, ihre Reaktion so unmittelbar beobachten zu können. Sie freut sich wahnsinnig, ist zu Tränen gerührt und scheint ihr Glück noch kaum zu begreifen. Eine Kurze Laudatio des Jurors, der sie nach Klagenfurt eingeladen hat. Dann nimmt sie den Preis entgegen, es wird ein Foto gemacht, sie setzt sich wieder. Ich freue mich mit der Gewinnerin. Ich finde, sie hat den Preis verdient.

Die Spannung und Anspannung im Saal bleiben bestehen. Es geht weiter. Abstimmung über den zweiten Preis, den halb so hoch dotierten Deutschlandfunkpreis. Die Jurymitglieder nennen wieder reihum ihren Favoriten. Es kommt wieder zu einer Stichwahl, und der Gewinner wird ermittelt. Auch diesmal kann ich mich mit dem Gewinner freuen. Nächster Preis, der Kelag-Preis. Die Juroren nennen ihre Favoriten. Wieder eine Stichwahl. Alles geht sehr schnell, und sofort steht auch die Trägerin dieses Preis fest. Genau wie bei den beiden vorigen Preisen kann ich das Urteil der Jury nachvollziehen.

Alle drei bislang prämierten Preisträger finde ich gut, und ich gönne ihnen die Preise – ich bin trotzdem noch nicht ganz zufrieden und fiebere bei der Vergabe des vierten Preises mit, dem 3sat-Preis. Denn es kam zu einer verzwickten Situation: beim Gegenkandidaten in den bisherigen drei Stichwahlen, also beim Zweitplatzierten, der immer leer ausging, handelte es sich immer um den gleichen Autor. Und er ist mein absoluter Favorit. Es wäre so gemein, wenn er nach drei Runden bei der Stichwahl leer ausgehen würde – auch wenn es legitim wäre und es in der Vergangenheit bereits vergleichbare Situationen gab, wie ich mir habe sagen lassen. Bei der letzten Abstimmung der Jury fiebere ich folglich besonders mit. Erste Abstimmung. Wieder Stichwahl. Dann das Ergebnis … juhu! … mein Favorit bekommt den Preis. Auch er ist extrem gerührt und kann die Situation kaum begreifen. Es ist schön, die Momente der Rührung unter den Kandidaten live mitzuerleben.

Die Preisträger
Die Preisträger

Zum Schluss wird noch der Preis vergeben, über den die Allgemeinheit gestern übers Internet abstimmen konnte. Ich habe zwar einen meiner Top-Favoriten auf der Shortlist vermisst, bin sonst aber sehr zufrieden mit der Preisvergabe an die entsprechenden Autoren.

Nach den ersten drei Lesungen des diesjährigen Wettbewerbs war ich nämlich etwas verwirrt und habe mich gefragt, ob ich hier richtig bin, da mein erster Eindruck der vorgelesenen Texte genau gegenteilig zum Urteil der Mehrheit der Jury zu sein schien. Am Ende gab es zu meiner Beruhigung doch ein hohes Maß an Deckungsgleichheit – teilweise auch, weil mich die Jury durch ihre Diskussion zu einer zweiten Lektüre eines Textes motivieren oder umstimmen konnte.

Gemenge nach der Preisvergabe

Nach gut einer Stunde ist alles vorbei. Es folgt ein intensiver, aber doch relativ kurzer Presseansturm auf die Gewinner. Dann verlassen alle Leute nacheinander den Saal und es wird abgebaut. Zurück bleibt ein leeres Studio.

Das leere Studio

Die vier Tage im Bachmannpreis-Universum waren ein spannendes Erlebnis. Es waren intensive Tage. Ich bin voll von Eindrücken und fühle mich etwas müde (Jammern auf hohem Niveau – wie es wohl den Autoren, Juroren, und Medienvertretern gehen mag …). Aber ich bin so froh, dabei gewesen zu sein. Und zwar vor Ort, nicht via Fernseh-Live-Übertragung. Es stimmt: Die Live-Lesungen mit anschließender Diskussion, die oft genannte »Transparenz« und Direktheit des Wettbewerbs, machen den Bachmannpreis zu etwas Besonderem. Den Vergleich mit einer Casting-Show finde ich auch gut.

Ich habe versucht, mich soweit wie möglich auf das Thema Literatur und die mir vorgetragenen Texte einzulassen. Die Bandbreite an Texten und Autoren ist enorm. Einerseits ist das wahnsinnig interessant. Bei 14 Autoren hat man die Möglichkeit, in 14 verschiedene Universen innerhalb des schon so kleinen Bachmannpreis-Universums einzutauchen.

Andererseits habe ich mich doch auch das ein oder andere Mal gefragt, was mir denn da nun vorgesetzt wird: Muss Literatur denn zwangsweise beim ersten Lesen unverständlich sein, um als »gute« und »anspruchsvolle« Literatur durchzugehen? Wird da nicht einfach nur eine riesen Show gemacht (ein allgemeines Phänomen in Expertenkreisen, das ich manchmal anzuzweifeln wage)?

Und ganz allgemein die Frage, was zeichnet gute Literatur aus? Was zeichnet einen guten Text aus? Natürlich kann dies anhand von bestimmten Kriterien, wie Aufbau und Struktur des, Erzählebenen und -perspektiven und der Sprache, analysiert werden. Diese zunächst objektiv klingenden Kriterien verschwimmen aber im Bereich der Literatur so schnell mit subjektiven Ansichten.

Daher hatte ich manchmal Mühe, wenn die Jurydiskussion ab und zu irgendwie willkürlich an einem bestimmten Punkt abgedriftet ist oder sich alle an einer bestimmten Stelle festgebissen haben. Ich hätte doch gerne die Fragen in meinem Kopf beantwortet gehabt! Aber was die Diskussion um Literatur so schwierig macht, macht andererseits auch wieder den Reiz der Literatur und der Sprache aus. Es gibt so wahnsinnig viel zu entdecken, die Wahrnehmungen verschiedener Leser sind so unterschiedlich, dass man wunderbar spannende Diskussionen führen kann. Und wenn man sich darauf einlässt, kann man beim Bachmannpreis definitiv sehr viel erleben.

Als ich den ein oder anderen Text vorgelesen bekam, war ich zunächst konsterniert. In manchen Fällen habe ich mein Urteil, auch dank des ein oder anderen Hinweises der Jury revidiert – in anderen Fällen nicht. Es erschien ein wenig der Eindruck, man könne mit allen möglichen Texten einfach mal am Bachmannpreis teilnehmen. Dieser Gedanke ist nicht fair, ich weiß, es hindert mich niemand daran, es selbst auch zu tun. Das habe ich nicht vor, dennoch habe ich mir die Frage gestellt, was ich wohl für einen Text schreiben würde, wenn mir die Aufgabe gestellt würde, einen Text für den Anlass zu schreiben.

Die Fragen, an was man gute Literatur festmacht und wie sich dies begründet, an was ich sie persönlich festmache und inwiefern ich das tun will oder muss (ich bin Hobbyleserin und branchenfremd), werden mich definitiv noch weiter beschäftigen. So nehme ich viele Fragen für mich von Klagenfurt mit nach Hause. Neben vielen tollen Erinnerungen. Auf der Rückfahrt werde ich ein Sachbuch lesen.

Ich hoffe, irgendwann einmal wiederzukommen, in diese schöne Umgebung, aber gerne auch für den Bachmannpreis. Und ich würde allen literaturinteressierten Leuten raten, dies in Klagenfurt mitzuerleben, wenn die Chance dazu besteht.

Juliane Hartmann

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