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StartseiteBuchkritiken und TippsAusflüge in die Solaristik - Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem

Ausflüge in die Solaristik – Zum 100. Geburtstag von Stanisław Lem

Natalya Bondarchuk als Hari (Harey) in der filmischen Solaris-Adaption durch Andrei Tarkowski aus dem Jahre 1972 (Foto: Film-Standbild/Mosfilm)
Natalya Bondarchuk als Hari (Harey) in der filmischen Solaris-Adaption durch Andrei Tarkowski aus dem Jahre 1972 (Foto: Film-Standbild/Mosfilm)

Ein Außerirdischer, der so fremd und eigenartig ist, dass die Menschen wie kleine Ameisen abprallen im Versuch, ihn zu verstehen. Bernhard Horwatitsch über den Roman »Solaris« des polnischen Schriftstellers und Philosophen Stanisław Lem, dessen 100. Geburtstag wir am 12. September 2021 feiern konnten.

Der gewöhnliche Außerirdische ist grün, meist vierbeinig, hat Tentakel statt Hände und ist sehr anfällig für Viren. Letztere Eigenschaft hat uns Menschen des Öfteren davor bewahrt, von ihnen überrannt zu werden.

Und nun? Ein Außerirdischer, der aussieht wie Riemansche negative Krümmungen, der Symmetriaden und Asymmetriaden bildet, der Längichte und Mimoide formt. Kurz, ein Außerirdischer, der so fremd und eigenartig ist, dass die Menschen wie kleine Ameisen abprallen im Versuch, ihn zu verstehen.

Seit hundert Jahren forschen die Menschen bereits auf Solaris. Aber ihre dicken Folianten und Theorien, sind nicht mehr als dicke Folianten und Theorien. Der ganze Planet selbst ist der Außerirdische. Das erinnert uns an die Gaia-Hypothese, die Mitte der 1960er-Jahre von der Mikrobiologin Lynn Margulis und dem Biophysiker James Lovelock aufgestellt wurde. Sie besagt, dass die Erde und ihre Biosphäre wie ein Lebewesen betrachtet werden kann, insofern die Biosphäre (die Gesamtheit aller Organismen) Bedingungen schafft und erhält, die nicht nur Leben, sondern auch eine Evolution komplexerer Organismen ermöglichen.

Der erfahrene Psychologe Kris Kelvin landet auf einer Station, die von den Menschen auf diesem Planeten Solaris errichtet wurde. Doch als er ankommt, gibt es kein übliches Begrüßungskomitee. Stattdessen merkt Kelvin, dass sonderbare Dinge auf der Station vorgehen: Sie sind nicht alleine. Schließlich stellt sich heraus, dass diese Gäste (so nennen sie die Astronauten) aus den eigenen Gedanken der Raumfahrer gebildet werden. Bald bekommt Kelvin ebenfalls einen Gast. Harey hat sich vor Jahren umgebracht, weil Kelvin sie verlassen wollte. Zunächst zweifelt Kelvin an seinem Verstand und stellt als geschulter Psychologe die These auf, dass er sich das nur einbildet.

Was ist Wirklichkeit? Nach Immanuel Kant ist es das mit unseren Sinnen erfassbare Außen. Doch längst wissen wir, dass unser Gehirn da nicht immer einwandfrei funktioniert. Halluzination und Realität ist manchmal schwer auseinander zu halten. Kelvin führt ein einfaches Rechenexperiment durch und als er später die exakteren Berechnungen des Computers ansieht und feststellt, dass die Abweichungen von ihm vorausgesehen wurden, ist er davon überzeugt, dass es sich nicht um Einbildung handelt. Harey ist nicht Harey, aber sie ist echt. Wer ist sie?

Als Kelvin diesen Schock verdaut hat, beginnt er gemeinsam mit Snaut und Sartorius (den verbliebenen Astronauten auf der Station), die Gäste zu erforschen. Doch das ist nicht so einfach. Scham und Misstrauen bestimmen die Atmosphäre auf der Station. Und man kann sich gut vorstellen, wie peinlich es wäre, wenn die eigenen Wunschvorstellungen – gerade die männlichen Wunschvorstellungen – Wirklichkeit werden würden. Denn darum geht es unterschwellig auch in dem Roman. Der ganze Planet hat mit seinen Zuckungen und seinem nahezu muskulären Beben etwas Orgiastisches an sich.

Inzwischen wird Kelvins Gast zunehmend eigenständiger. Anfangs konnte Harey nicht überleben, wenn sich Kelvin von ihr entfernte. Inzwischen hält sie es aus, und sie macht sich selbst darüber Gedanken, wer sie eigentlich ist. Auch wenn sie sich selbst für Harey hält, weiß sie zugleich, dass sie nicht Harey sein kann.

Der 1921 in Lemberg (heute westliche Ukraine) geborene polnische Autor Stanisław Lem verweist hier auf das Leib-Seele-Problem. Descartes sagte ja »Dubito, ergo sum, vel, quod idem est, cogito, ergo sum«. Da ich an mir zweifeln kann, bin ich auch. Ähnliches geschieht mit Harey. Doch ihr Zweifel an sich selbst, an ihrer Authentizität, ist substanziell. Daher handelt sie zum Ende des Romans. Und genau diese Handlung zum Ende – die ja auf einen erweiterten Suizid hindeutet – ist ein Beweis dafür, dass sie nicht Harey ist, die Harey, die sich umgebracht hat, sondern der Zwangsgedanke von Kris Kelvin, wo sich Harey nun immer und immer wieder umbringen muss. Doch wie kann es möglich sein, dass ein Gedanke sich seiner selbst bewusst wird? Und genau das geschieht ja mit dieser Harey auf Solaris!

Nehmen wir an, die Erde sei – ähnlich wie Solaris – ein Lebewesen. Dann sind wir Menschen vergleichbar mit symbiotischen Parasiten. Besser sogar: Viren. Wir haben keinen eigenen Stoffwechsel, kein eigenständiges Zytoplasma. Wir brauchen also die Energie einer Wirtszelle zur Replikation. Harey wäre dann das Ergebnis einer solchen Replikation! Das Bewusstsein, das Harey entwickelte, ist ein Solaris-Bewusstsein. Wir können uns nicht selbst begreifen, weil wir nur ein Teil des Ganzen sind. Und das Ganze enthält sich nicht selbst. Kelvins Zwangsgedanke, er sei schuld am Selbstmord Hareys, ist der einzige Anhaltspunkt für Harey. Kelvins Kollege Snaut bezeichnet es auf physikalischer Ebene als einen Ringprozess. Vereinfacht gesagt: intrinsisch und nur vom Planeten getriggert.

Für den Psychologen Kelvin ist das nicht so einfach. Er hat sich inzwischen in die Kopie verliebt. Subjektiv sind sie Menschen, erläuterte Snaut. Aber in ihrer Substanz sind sie es nicht, sie regenerieren enorm schnell und sind als Replikation ihres Wirts (der Solaris) letztlich auch aus der Substanz des Planeten. Aber die RNA (der Sound, die Story) stammt vom Virus, also von den Menschen.

Soweit meine eigenen Gedanken zur Solaristik. Man sieht schon, Kelvins längere historische Ausflüge in die Solaristik – nebenbei auch ein gutes Stück Wissenschafts-Satire – bleiben auch beim Leser nicht ohne Wirkung.

Daher ist das Bild der Solaris als denkender Ozean durchaus auch eine Parabel auf die Erde. Denn der Satz von Snaut – »Du solltest wissen, dass die Wissenschaft sich nur damit befasst, wie etwas geschieht, und nicht warum etwas geschieht« – berührt die Frage nach dem Grund. Von dem wissen wir nach wie vor so viel, wie am Beginn der Neuzeit, also dem Beginn der Wissenschaften. – Genau: Nichts.

So ist auch unsere Erde ein gewaltiger, sprachloser, uns Menschen weitestgehend ignorierender Gigant, der am Rande einer Galaxie die Zeit in Millionen verstreichen lässt. Wo kommen wir her? Wer sind wir? Und wohin gehen wir? Diese drei großen Fragen stellten sich auch die Protagonisten in Lems Roman. Sie stellten die Fragen deshalb, weil sie Gäste hatten. Und vielleicht ist das der Grund für unsere Suche nach extraterrestrischen Lebensformen. Vielleicht erhoffen wir uns von solchen Gästen eine Antwort. Stanisław Lem war da wohl skeptisch. Am Ende war Harey verschwunden und der Ozean schwieg weiter.

Unser allzu anthropozentrisches Denken verhindert, dass wir wirklich über den Tellerrand unserer Galaxie blicken können. Der berühmte Homo-Mensura-Satz von Protagoras Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind  wurde von Ernst Bloch einmal zweifach interpretiert. ahJrwpoV könnte man – nach Ernst Bloch – sowohl mit Mensch bzw. Individuum als auch Gattung übersetzen. Als Individuum wäre der Satz beliebig. Jeder kann alles behaupten. Als Gattungsbegriff aber wäre dies ein weit radikalerer Ansatz, denn dann wäre der Mensch als gesellschaftliches Wesen das Maß aller Dinge. Über uns hinauszudenken, wäre so oder so nicht möglich.

Vielleicht sind sie schon mitten unter uns! Wir würden, wir könnten sie gar nicht sehen, weil wir sie uns nicht vorstellen können. Also machten sich die Astronauten auf der Solaris ein Bild bzw. wurde der Kontakt mit den Menschen auf diese Weise aufgenommen. Aber die Menschen sahen nur Menschen. Das war der Fehler von Kelvin. Und wenn sie in den Gästen etwas anderes sahen, konnten sie es nicht begreifen. Das ist ein Paradoxon und verweist auf eine logische Grenze unserer Denkfähigkeit.

Bernhard Horwatitsch

Stanislaw Lem; Irmtraud Zimmermann-Göllheim (Übersetzung): Solaris: Roman. Taschenbuch. 2021. Ullstein Taschenbuch. ISBN/EAN: 9783548065298. 12,00 €  » Bestellen bei amazon.de Anzeige oder im Buchhandel

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