StartseiteBachmannpreis 2026Bachmann-Preis: »Falschaussagen« und »Polemik« - Tingler-Interview sorgt für Aufregung

Bachmann-Preis: »Falschaussagen« und »Polemik« – Tingler-Interview sorgt für Aufregung

Insa Wilke (Foto: Screenshot/ORF)
Insa Wilke 2022 in der Bachmannpreis-Jury (Foto: Screenshot/ORF)

Die Aufregung über das SPIEGEL-Interview mit Philipp Tingler zum Bachmannpreis ist groß. Von »Falschaussagen« und »Polemik« ist in Repliken die Rede. Deutschlandfunk und Süddeutsche berichten über die Reaktionen. Die neue Jury-Sprecherin Insa Wilke nimmt ausführlich Stellung. Und Thomas Strässle stellt klar, dass sein Rückzug aus der Jury nicht mit Insa Wilke zu tun habe.

Vier Jurorinnen und Juroren traten nach der 50. Ausgabe des Bachmannpreises im Sommer 2026 zurück. An sich kein ungewöhnlicher Schritt. Alle vier gehörten der Jury viele Jahre an, natürlich will man da in der Jubiläumsausgabe noch einmal mit dabei sein und denkt dann eher an den Rückzug.

Kurz vor den Rücktritten verkündete der ORF in einer Pressemitteilung, dass Insa Wilke als Jury-Vorsitzende 2027 zurückkehre (offizieller Titel: »Sprecherin der Jury«). Wilke, die mit dem Bachmannpreis und der Jury-Arbeit vertraut ist, galt als sichere Bank für die Fortführung des Literaturwettbewerbs, der nicht nur aufgrund der Budgetkürzungen der öffentlich-rechtlichen Sender immer wieder infrage gestellt wurde und wird.

Weder Mara Delius noch Philipp Tingler noch Brigitte Schwens-Harrant noch später Thomas Strässle gaben einen Grund für ihren Rücktritt an. Lediglich Brigitte Schwens-Harrant schrieb in der Zeitung »Die Furche«, dass sie eine Pause mache und sie wünschte eher allgemein dem Wettbewerb alles Gute und dass er weiterhin ein Ort für sachliche und fundierte Literaturkritik bleiben solle.

Natürlich konnte darüber spekuliert werden, ob es aufgrund der zeitlichen Nähe einen Zusammenhang zwischen den Rücktritten und der recht frühen Verkündung der neuen Jury-Sprecherin geben könnte.

Durch einen Bericht im Schweizer Radio und Fernsehen, der bei den beiden aus der Schweiz stammenden Juroren Strässle und Tingler nachgefragt hatte, wurde klar, dass die Jury zumindest von der Entscheidung des ORF überrascht wurde, Insa Wilke zurückzuholen. Thomas Strässle sprach im Beitrag des SRF davon, dass der ORF nicht geschickt agiert habe, was ihm den Rückzug aus der Jury erleichtert habe.

Natürlich obliegt die Besetzung der Jury und meist auch des Sprechers bzw. der Sprecherin immer dem Veranstalter, und so steht es beim Bachmannpreis sogar in den Statuten.

Und dann erschien Wochen später im SPIEGEL ein Interview mit Ex-Juror Philipp Tingler. Tingler sagt darin, die ORF-Landesdirektorin habe sich beim Jury-Essen am Tag vor der Preisverleihung »verplappert« und die neue Jury-Vorsitzende zu früh verkündet. Sodann nutzte Tingler das Interview, um zu einem persönlichen und polemischen Rundumschlag gegen Insa Wilke auszuholen.

Das unerwartete Interview und Nachtreten Tinglers verärgerte nicht nur die Verantwortlichen beim ORF. »Ich verstehe nicht, warum man im Nachhinein hergeht und Selbstbeschädigung betreibt«, zitiert die Süddeutsche Zeitung die neue Projektleiterin des Wettbewerbs beim ORF, Barbara Frank. Die Zeitung spricht von einem »Großeklat« und verstärkt den Eindruck, dass der Rücktritt aller vier Jury-Mitglieder auch mit der Person Insa Wilke zusammenhänge. Die Süddeutsche zitiert zunächst Mara Delius, die Tinglers Attacken verteidige und »kein gutes Haar an Wilkes Literaturverständnis« lasse.

Ex-Juror Thomas Strässle jedoch legt großen Wert auf die Feststellung, dass sein Rückzug aus der Jury nichts mit der Person Insa Wilke zu tun habe. So stellt er es in der Sendung »Büchermarkt« des Deutschlandfunks klar, die sich ebenfalls mit Tinglers Interview und den Folgen beschäftigte und mit den Worten begann: »Der Wörtersee ist in Wallung«. Thomas Strässle sei über das Tingler-Interview überrascht gewesen. Er sei auch »gar nicht glücklich mit dieser Polemik, die jetzt gegen Insa Wilke entstanden ist«. Die Zusammenarbeit mit ihr sei immer eine gute gewesen. »Ich bin nicht aus Protest zurückgetreten«, macht Strässle unmissverständlich deutlich. Er habe sich nach vier Jahren ohnehin Gedanken über einen Rückzug aus der Jury gemacht. Dass es die neue Regelung des ORF gebe, dass die Jury-Zeit fortan begrenzt ist und nach einer Auszeit die Option zur Rückkehr besteht, kam ihm bei der Entscheidung sehr entgegen. Eine solche Pause lege er ein, und er halte sich die Rückkehr offen, sagt Strässle dem Deutschlandfunk. Ähnlich äußerte sich auch Brigitte Schwens-Harrant in ihrem Beitrag in der »Furche«. Auch sie sehe ihren Rückzug zunächst als Pause an.

Das Einzige, was Strässle geärgert habe, so sagt er es dem Deutschlandfunk, sei, dass der ORF »kommunikativ sehr ungeschickt« agiert habe. Die Mitteilung über die Nachfolge des scheidenden Jury-Sprechers Klaus Kastberger sei bei besagtem Essen »out of the blue« gekommen – selbst für die ebenfalls dort anwesende Insa Wilke sei es eine Überraschung gewesen. Es habe auch »die Jury desavouiert«, weil es laut Strässle »die Botschaft ausgesendet hat, niemand in der Jury sei willens oder fähig, dieses Amt zu übernehmen«. Strässle bezeichnet dies in der Sendung als »kommunikatives Desaster«.

Insa Wilke, mit der in derselben »Büchermarkt«-Sendung ebenfalls ein ausführliches Gespräch geführt wurde, spricht eher von einem »kommunikativen Missgeschick«. Sie sei bei dem erwähnten Abendessen eingeladen und dabei gewesen, der Anlass sei eigentlich das 50. Jubiläum des Preises gewesen. Zwar habe sie der ORF zuvor gefragt, ob sie wieder als Jury-Sprecherin zurückkehren wolle und sie habe auch bereits zugesagt, sie sei jedoch davon ausgegangen, dass die Entscheidung erst im Herbst 2026 verkündet werde. Die Verkündung beim Abendessen sei »für alle überrumpelnd« gewesen, auch für sie. Wilke interpretiert es nach eigenen Angaben so, dass der ORF offenbar in Budgetverhandlungen war und man dort Sorge gehabt habe, dass »irgendwie ein Vakuum entsteht«, so dass es zu der überraschenden Äußerung gekommen sei.

Was Tinglers Interview und seine Angriffe auf ihre Person angeht, so bezeichnete sie die Äußerungen als Beispiel für »Falschaussagen, die so suggestiv formuliert werden, dass man sie nicht direkt angreifen kann«. Tingler führe u. a. im Interview ein Zitat an, das gar nicht von ihr sei. Bezeichnungen wie »Klassensprecherin« seien frauenfeindlich. Wilke betont, sie habe mit ihren Jury-Kolleginnen und -Kollegen immer gut zusammengearbeitet. Von einem Streit in der Jury 2023, wie es der Moderator des Deutschlandfunks wiederholt nennt, könne nicht die Rede sein. Dass man am Sonntag in der Gesamtsicht auf alle Beiträge bei der Punktevergabe anders urteile als es die Einzeldiskussion zunächst vermuten lässt, sei etwas »relativ Normales«.

Was Philipp Tingler genau bewegt und zu seinen Äußerungen geführt habe, wisse Insa Wilke nicht. Wilke vermutet, es gehe eher um »kulturpolitische Auseinandersetzungen«. Das Interview habe »in einem kulturpolitischen Rahmen« stattgefunden.

Insa Wilke habe auf jeden Fall wieder Lust, »in Klagenfurt zu sein und Neues beizutragen«, solange der ORF an ihrer Seite bleibe. Den maßgeblich vom ORF Kärnten und 3sat seit 50 Jahren ausgerichteten Bachmannpreis halte sie weiterhin für »enorm wichtig als Verhandlungsort für Literatur aber auch eine politische Öffentlichkeit«. Dieser müsse erhalten, aber auch für die Zukunft verändert werden, so Wilke gegenüber dem Deutschlandfunk.

Wilke sei eine »kluge Frau, der man ihre Klugheit vorwirft«, zitiert die Süddeutsche Barbara Frank vom ORF. Frank glaube, Tingler wolle nicht akzeptieren, dass der ORF laut Statuten die Jury und ihren Vorsitz bestimme, »vielleicht weil er sich da selbst etwas ausgerechnet hat.«

Der Wörtersee mag also derzeit in Wallung sein, doch es bleibt zu hoffen, dass sich die Wogen alsbald glätten, um den Bachmannpreis wieder in ruhigere Fahrwasser zu bringen, damit die Literaturkritik wieder Oberwasser bekommt und nicht die Diskussion um Jury-Köpfe.

Wolfgang Tischer

Links ins Web:

Weitere Beiträge zum Thema

1 Kommentar

  1. Ja, Tingler sagt, was er denkt und pfeift auf ausgewogene Kritik, was ich persönlich sehr erfrischend finde. Wahrscheinlich war’s das für ihn und Delius in Klagenfurt. Strässle und Schwens-Harrant wollen evtl. in die Jury zurückkehren. Also formulieren sie ihre Gründe diplomatischer. Natürlich ist Insa Wilke eine kluge und belesene Kritikerin, aber es gab doch öffentliche Vorwürfe, warum sie damals den Vorsitz der Jury aufgab. Oder? Bin gespannt, ob Tingler noch in den SRF-Literaturclub eingeladen wird. Ich hätte mir Strässle oder Nicola Steiner gut als Jury-Vorsitzende vorstellen können. Und beschädigt ist der Bachmann-Preis zur Zeit auch ohne die Kritik Tinglers, jedenfalls für mich.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein.
Bitte geben Sie Ihren Namen ein