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Wie KI unsere Wahrnehmung von Büchern und Literatur verändert

Dies ist kein von der Ki verfremdetes Thomas-Mann-Porträt, sondern ein von der KI verfremdetes Porträt eines verfremdeten Porträts von Thomas Mann (Quelle: ChatGPT)
Dies ist kein von der KI verfremdetes Thomas-Mann-Porträt, sondern ein von der KI verfremdetes Porträt eines verfremdeten Porträts von Thomas Mann (Quelle: ChatGPT)

Die KI kriecht in unser Leben. Was passiert dann mit der Wahrnehmung von Literatur? Welchem Bericht, welcher Rezension können wir noch trauen? Und ist das da wirklich Thomas Mann oder nur ein digitaler Clown und Klon?

Wem darf man glauben?

Im Juni 2026 hatten wir im literaturcafe.de darüber berichtet, dass ein nordamerikanisches Unternehmen massenweise Bücher in deutschen Antiquariaten aufkauft. Vermutlich werden diese gescannt, fürs KI-Training verwendet und vernichtet.

Einen Monat später wurde die Geschichte auch von den »großen« Medien wie tagesschau.de entdeckt und darüber berichtet.

Diese Berichte glichen weitestgehend dem, was wir einen Monat zuvor recherchiert hatten. Das lag nicht daran, dass man beim literaturcafe.de abgeschrieben hätte, sondern weil die Quellen weitestgehend identisch waren: die Diskussionen in den Foren der Antiquare, ein Bericht der Washington Post und die Recherche in den Web-Archiven. Wie bei Zeitungen und Rundfunkanstalten üblich wurde in diesen Berichten meist ein Antiquar der entsprechenden Region zitiert, um die globale Geschichte lokal zu verankern.

Auch das Börsenblatt des deutschen Buchhandels erwähnte in seinem morgendlichen Newsletter die Geschichte – aber erst, nachdem die »großen Medien« berichtet haben. Das ist traurig für ein kleines unabhängiges Medium wie uns, aber nun mal der Lauf der Dinge.

Nun wurde im Nachgang in der morgendlichen Link-Umschau des Börsenblatts ein Kommentar-Beitrag zum Kauf der antiquarischen Bücher einer Website namens lesering.de erwähnt. Zugegeben war mir diese Website zuvor unbekannt. Der Beitrag lautet: »Wenn Bücher nicht mehr gelesen, sondern von Maschinen verarbeitet werden – verändert das ihren kulturellen Wert?«

Irritierend verdächtig

Bereits die Überschrift kling irritierend und verdächtig nach KI. Der Beitrag selbst ist mit einem kitschigen und unlogischen KI-Bild illustriert, das sofort ins Auge fällt. Ein Buch schwebt mit einer Leuchtspur durch eine Lagerhalle mit alten Büchern, von denen einige auf einem Fließband liegen.

Ein Text voller KI-Phrasen und ein KI-Bild (Quelle: Screenshot)
Ein Text voller KI-Phrasen und ein KI-Bild (Quelle: Screenshot)

Warum wurde für den Beitrag ein merkwürdiges KI-Bild verwendet? Symbolbilder alter Bücher oder Antiquare sollten doch massenweise kostenfrei auf Stockfoto-Sites zu finden sein. Wir hatten im literaturcafe.de ein selbst erstelltes Foto eines Antiquariats verwendet. Da entsteht ein ganz anderer Verdacht, den Artikel betreffend …

Der Verdacht wird erhärtet und durch die Lektüre des Beitrags bestätigt: Der komplette Beitrag scheint von einer KI verfasst zu sein. Er ist voll von einschlägigen Indizien. Viele hohle Phrasen (»Vielleicht überschätzen wir manchmal die Maschine. Vielleicht unterschätzen wir zugleich das Lesen.«), die gewichtig klingen. Es werden Walter Benjamin und Jorge Luis Borges erwähnt, ohne dass es in der Sache irgendwie Substanzielles bringen würde. Ein nahezu mustergültiger Beispieltext, wenn man typische KI-Merkmale zeigen möchte.

Pangram kann sich irren, meint aber, dass hier kein Mensch am Werk war (Foto: Screenshot)
Pangram kann sich irren, meint aber, dass hier kein Mensch am Werk war (Foto: Screenshot)

Auch die Prüfung mit dem KI-Erkennungsprogramm Pangram bringt das Ergebnis, dass der Beitrag zu 100% von einer KI stamme. Hinweis: Natürlich sind auch die Erkennungsprogramme fehlbar. Und der KI-Einsatz soll nicht grundsätzlich verdammt werden, doch hier hatte mutmaßlich kein Mensch Hand angelegt.

Es scheint sich bei dem Beitrag also um das zu handeln, was man mittlerweile als »KI-Slop« bezeichnet, also KI erzeugte Inhalte, die menschlich verfasste Inhalte verdrängen und die Sozialen Medien und das Internet fluten (KI-Schlamm).

Mann blickt düster drein (Foto: ChatGPT)
Mann blickt düster drein. Aber er ist es nicht! (Foto: ChatGPT)

Auf der gleichen Website fiel mir eine relativ aktuelle Rezension zu Hermann Hesses »Unterm Rad« ins Auge. Zu diesem Roman finden sich unglaublich viele Quellen im Netz, die als KI-Trainingsmaterial dienen. Es dürfte ein Leichtes sein, von diesem Klassiker eine »Rezension« von der KI verfassen zu lassen.

Mensch oder Maschine?

Tatsächlich: Sowohl die menschliche Prüfung als auch Pangram sagen: die Rezension ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit (100%) von der KI geschrieben.

Ich sehe auf dieser Website eine ältere Besprechung zu Therese Essmanns Roman »Federico Temperini«. Den Roman hatten auch wir im literaturcafe.de seinerzeit gleich zweimal besprochen, doch ansonsten leider nur wenige. Die KI dürfte schwerlich in der Lage sein, dazu eine fundierte Rezension zu schreiben, weil es dazu kaum Trainingsmaterial gibt.

Die Rezension wirkt auf den ersten Blick auch wirklich ohne KI verfasst. Auch ein Test mit der Erkennungssoftware bestätigt das: 100% menschlich.

Allerdings sehe ich auf der Website mehrere Besprechungen von Klassikern und eine kurze Sichtprüfung lässt vermuten, dass dafür eine KI zum Einsatz kam.

Nun dürfte wahrscheinlich beim Börsenblatt nicht die Zeit sein, jeden Inhalt im morgendlichen Newsletter auf KI-Slop zu überprüfen. Gerade das dürfte der Grund sein, warum man sich lieber auf die großen Nachrichtenseiten fokussiert.

Aber was ist mit einem Schüler, der nach Rezensionen zur Schullektüre sucht und auf einer Website mit KI-Slop landet? Was ist, wenn KI-Formulierungen plötzlich in einer Hausarbeit landen? Oder gar inhaltliche Fehler? Glaubt es dann der Lehrer, wenn ihm der Schüler versichert, er habe keine KI verwendet, sondern selbst im Netz nach Quellen recherchiert?

Versloptes Literaturwissen

Ich weiß, dass meine Erkenntnis nicht neu ist. Kritiker, zu denen ich selbst gehöre, weisen seit Jahren darauf hin, dass sich die KI fürs Training immer mehr selbst mit KI-Inhalten füttert. Die ganze Wikipedia leidet seit einiger Zeit darunter, wenn – womöglich mit Wikipedia-Wissen generierter – KI-Slop wiederum als Quelle für aktualisierte Wikipedia-Artikel dienen. Und auch bei YouTube führen KI-generierte Wissensfilmchen zu Problemen, wenn die Nutzer sich darauf verlassen.

Was aber passiert mit unserem Literaturwissen, wenn es immer mehr »verslopt« wird?

Das ist nicht Thomas Mann! (Quelle: KI)
Das ist nicht Thomas Mann, sondern ein mit KI erstelltes Bild! (Quelle: KI)

Wer ist Thomas Mann?

Die Frage hat sich auch die FAZ bereits im April 2026 anhand eines ganz anderen Falles gestellt. Sucht man mit Google nach »Thomas Mann«, so erscheint bis heute (August 2026) ganz oben ein Bild, das angeblich Thomas Mann zeigt. Es sieht auf den ersten Blick tatsächlich wie der Nobelpreisträger aus. Aber irgendetwas stimmt nicht. Das Bild ist ein KI-generiertes Bild von Thomas Mann. Und obwohl der Bericht der FAZ schon einige Tage alt ist, steht dieses Bild seit Monaten ganz oben in der Google-Suche. Die Google-KI liest offenbar nicht die FAZ, um daraus zu lernen.

Bei der Suche nach »thomas mann« liefert Google an erster Stelle ein KI-generiertes Bild von Thomas Mann (Quelle: Screenshot)
Bei der Suche nach »thomas mann« liefert Google an erster Stelle ein KI-generiertes Bild von Thomas Mann (Quelle: Screenshot/August 2026)

Auch hier frage ich mich: Wie viele Schülerinnen und Schüler haben wohl mittlerweile für ihre Hausarbeiten oder Präsentationen über Thomas Mann dieses Bild im Unterricht verwendet? Wie viele Lehrer haben es bemerkt? Ab wann brennt sich das falsche Mann-Bild ins kollektive Bewusstsein ein?

Vor Jahren schrieb der französische Psychoanalytiker und Literaturprofessor Pierre Bayard das Buch » Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat«. Anders als es der Titel vermuten lässt, ist es kein Buch für intellektuelle Hochstapler. Bayard geht seriös der Tatsache nach, dass wir durchaus über die Inhalte von Büchern sprechen können, selbst wenn wir die Bücher nicht gelesen haben, da wir Informationen auch aus Sekundärquellen bekommen, wie Gespräche mit tatsächlichen Lesern eines Werkes oder Rezensionen und Besprechungen in den Medien. Oder was ist, wenn die Lektüre eines Werkes schon Jahrzehnte zurückliegt? Wie verschiebt sich die Wahrnehmung? Was ist die Behauptung »Ja, habe ich gelesen!« dann noch Wert?

Thomas Mann blickt noch düsterer (Quelle: ChatGPT)
Thomas Mann blickt noch düsterer. Nein, er ist es immer noch nicht! (Quelle: ChatGPT)

In dieses Gemenge der »verschobenen Literaturwahrnehmung« kommt jetzt auch noch zweifelhafter, nichtssagender oder aufgeblasener KI-Schlamm.

Eine vermeintlich einfache Antwort auf diese Fragen, sei hier schon einmal als erster Kommentar auf diesen Beitrag vorweggenommen: es hilft nur das Lesen der Originale.

Wolfgang Tischer

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