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Frohe Kunde, die Glocken läuten.
Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises
an Günter Grass konnte der bittere Streit zwischen unserem ersten Literaten
und seinem ersten Kritiker Reich-Ranicki glücklich beigelegt werden.
»Die Nachricht hat mich außerordentlich
erfreut«, schrieb der alte Literaturpapst nach Bekanntgabe der
letztgültigen Stockholmer Weihe des von ihm zuvor in Grund und Boden Kritisierten.
Und Kollege Pavel Kohut freut sich gar »auf den Kniefall
der deutschen Presse, die ihn (Grass) zwanzig Jahr niedermachte«.
Auch ich freue mich und falle auf die Knie - schließlich war die tönende
»Blechtrommel« die erste große Literatur, die sich meinem noch
15 Jahre pubertätsjungen und lesehungrigem Geist ebenso einbrannte wie meine
erste, große Liebe meinem aufgewühlten Herz.
Alles verziehen, »Rättin« und »Weites Feld«,
alle versöhnt, Günter und Marcel, nobel geht das Jahrtausend in Deutschland
zu Ende.
Tränen der Rührung umfloren meinen sonst so klaren Blick.
Wäre da nicht ein anderer Streit
zwischen zwei weisen Geistern, der mich, ein ihnen kongenial verbundener
Freund, tief betrübt.
Ich spreche von der Schlammschlacht zwischen Habermas, ergrautes Haupt
der kritischen Theorie und Sloterdijk, füllig gewordener Kritiker der zynischen
Vernunft.
Worum geht es? Nun es geht um uns, um den
Menschen als solchen, um unser Sein in der Zeit, um Heidegger, um Nietzsche
und um Dolly, das geklonte Schaf.
Sollen wir in Zukunft unsere Kinder gewissermaßen nach vorgefertigtem
Rezept »backen«, oder sollen wir es weiterhin dem schlichten
Zufall überlassen, wie klug oder dumm, böse oder gut, krank oder gesund
die neuen Erdenbürger sind?
Sloterdijk vertritt hier eine dezidierte Position, die er auch im Umgang
mit seinen Kritikern exekutiert sehen möchte:
»Wenn ich an meine völlig naturbelassenen Denunzianten denke,
würde ich allerdings wünschen, die Kunst gebildete und sympathische Menschen
hervorzubringen, wäre doch schon ein wenig weiter.«
Verständlich, sicher, wer hat sich noch nicht den gebackenen Lebens-
oder Gesprächspartner gewünscht. Und bei aller Umweltliebe, alles
wollen wir nun doch nicht naturbelassen belassen. Ich
zum Beispiel trinke prinzipiell keine Frischmilch, sondern nur pasteurisierte
Milch. Aber das nur am Rande.
Habermas hält mit guter Kritik theoretisch dagegen. Wer kontrolliert
die Bäcker und Züchter? Man stelle sich einen mächtigen Unhold vor, der
mordlüsterne Bestien züchtet, einen Frankenstein, dessen böser Truppe kein
James Bond noch Einhalt gebieten kann.
Heute nicht denkbar? Aber vielleicht schon in hundert Jahren praktizierbar.
Der linke Habermas sieht sich im Einklang nicht nur mit der katholischen
Kirche:
Lassen wir diese wackeligen, menschlichen Wesen wie sie sind, die Natur
oder Gott wird es schon richten.
Und bleiben wir bei der mühseligen zivilisatorischen Anstrengung, jede
neue Generation neu und immer besser zu erziehen. Mit zugegeben sehr mäßigem
Erfolg. Und nochmals zugegeben:
auch ich kann diesen fundamentalen Streit nicht schlichten.
Aber einen Vorschlag zur Güte will ich machen:
Lieber Sloterdijk, geben Sie sich und Habermas doch zunächst die Chance,
auch ohne Eingriff in Ihre jeweiligen Keimbahnen zu einem sachlichen und
fairen Streitgespräch zurückzukehren.
Hochachtungsvoll
Ihr Wilhelm
Weller
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