Zum Menü des literaturcafe.de | Zum Kontextbereich
Toplinks
Social-Media-Icons
BUCHSTABENSUPPE Suppentasse
Das Online-Projekt
des Literatur-Cafés

  
H?tten Sie das gedacht?
von Sebastian Lei?

Früher, als alles begann, gab es viel weniger Buchstaben als heute; dafür aber manche doppelt. So ist zum Beispiel den wenigsten Leuten bekannt, dass es vor langer Zeit weder ein A, B, O, U oder Y gab. Sie alle entstanden durch mehr oder weniger dämliche Zu- bzw. Unfälle.
     Als die Buchstaben geboren wurden – aus der so genannten »Urbuchstabensuppe« – kam es wie in der Natur so üblich zu Zwillingsgeburten: Es gab jeweils zwei Äs, Xs, Üs, Ös, und Hs. Eine ganz besondere Laune der Natur waren die Vs: Drillinge, von denen zwei als siamesische Zwillinge geboren wurden (»Oh W!« soll die Amme damals gesagt haben…).
     Da die Äs, Ös und Üs als einzige zwei Augen besaßen und somit besonders gut (räumlich) sehen konnten, fehlte es ihnen nicht an Einsatzmöglichkeiten. Ihre Auftragsbücher waren voll und die Welt war nicht zu klein für zwei gleiche Buchstaben. Bei den Hs und Xs sah das anders aus, sie mussten sich im Schichtbetrieb abwechseln.
     Eines Nachts, es war Sylvester, geschah etwas Schreckliches. Alle Buchstaben feierten zusammen. Sogar einige Zahlen waren gekommen (speziell die Zahlen 1 bis 10 waren auf Sylvesterpartys immer gern gesehene Gäste, gegen zwölf Uhr verschwanden sie Einer nach dem Anderen). Die Äs, Ös und Üs standen im Kreis zusammen, um auf das neue Jahr anzustoßen, als E einen riesigen, selbstgebauten Knaller anzündete und achtlos in die Menge warf. Der Monsterkracher flog genau in die Mitte der Ä-Ö-Ü-Runde und explodierte mit ohrenbetäubendem Lärm: »KAWUMM!!!« Alle umstehenden Gäste fuhren augenblicklich zusammen, schauten verwirrt und verängstigt umher. Woher kam dieser Knall? Was für eine furchtbare Explosion! Da P eine Nase hatte (»Nasen-I«, so hatten sie ihn früher in der Schule immer genannt. »Nasen-I«, Kinder können so gemein sein. »Pi-pi-pi-das-Na-sen-I!« haben sie immer gerufen. Er saß damals von der ersten bis zur dritten Klasse neben Q und keiner schien sich an DEM zu stören. Immer machten sie sich nur über P lustig. Hallo? Ich meine: Q – also wie sieht DER denn aus? Wie ein O mit…ach, was solls. Alles so lange her!) bemerkte er, dass es nach versengtem Haar roch. Funken rieselten noch von hoch über der Explosionsstelle herab. Die Äs, Ös, und Üs lagen bewusstlos am Boden. Je ein Ä, Ö und Ü verlor durch diesen Zwischenfall das Augenlicht und war von nun an nur noch A, O, oder U.
     Es folgte eine lange Zeit des Leidens und der Arbeitslosigkeit, doch durch ein Programm zur Integration von behinderten Buchstaben wurden sie schließlich wieder in das Berufsleben eingegliedert und eigens für sie geeignete Stellen geschaffen. Im Laufe der Zeit wurden Ihre Stellen sogar wichtiger als die ihrer sehenden Geschwister. Das E wurde wegen seines Anschlags zu ewiger Sozialarbeit in folgender Form verurteilt: Falls mal wieder Not am Buchstaben wäre und die A-O-Us doch als Ä-Ö-Üs auftreten müssten, dann sollte das E ihnen eine Stütze sein. Angetrieben von dieser Pflicht wurde das E im Laufe der Zeit zu einem wahren Workaholic und schaffte später den Durchbruch als meistgebuchter Buchstabe.
     Im Zuge der anhaltenden Konjunkturflaute waren A, O, U, E und I (wegen seiner Geradlinigkeit im Business) die einzigen Buchstaben, die noch für Geld arbeiteten während das Rad der Zeit (oder so ähnlich) sich weiter drehte und die anderen ihre Dienste verschenken, oder wie das X und das ß in Altersteilzeit wechseln mussten.
      Apropos X! X ist ja eigentlich auch ein Zwilling, seinem Bruder wurde allerdings in früher Kindheit von einem Fußballgegner ein Bein abgefault. Alles, was der dazu zu sagen hatte war: »Oops, das wollte ich nicht«, d.h., er war Franzose und es hörte sich eher an wie »Üpps, daas wolte isch nischd«. Und so gab sich Y später den Namen »Üppsilon« – er lernte, auf einem Bein zu laufen und kam auch so ganz gut zurecht. »Bein« hieß zu dieser Zeit übrigens noch »Hein«; Bis eines der Hs beim Yoga einen Krampf bekam und dann ungefähr so – B – aussah. Sie teilten sie sich ihr Arbeitsgebiet auf und machten von da an nie mehr Urlauh.

© 2005 by Sebastian Lei?. Unerlaubte Vervielf?ltigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.

Zur?ckWeiter