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Hermann Mensing
Verschiedene Zimmer Verschiedene Räume

Zimmer/Raum 2:
Ich war fünfzehn, als ich es bezog. Mehr als ein Bett, ein Schrank, ein kleiner Tisch und ein Stuhl standen nicht drin. Vom Fenster konnte ich die vergitterten Zellenfenster des Gefängnisses im Amtsgericht sehen. Mit achtzehn zog ich in ein Zimmer unterm Dach. Tante Ä., die bis dahin im Geschäftshaushalt ihrer Schwester in dem Haus, in dem sie verschüttet - und das nach dem Krieg wieder aufgebaut worden war - gearbeitet hatte, zog jetzt zu uns. In mein ehemaliges Zimmer. Ein gusseiserner Ofen stand in der Ecke links gegenüber der Tür, die Verbindungstür zum Schlafzimmer meiner Eltern war mit einem olivgrün gestrichenen Schrank verstellt, ein Bett stand rechts neben der Tür, davor ein kleiner Tisch, zwei Cocktailsessel, ein Sofa, auf denen zwei Kissen thronten wie kleine Könige. In meiner Erinnerung ist in diesem Zimmer alles grün bis olivgrün. Und obwohl Tante Ä. in diesem Zimmer bis vor drei Jahren wohnte, hat sie es nie wirklich genutzt. Manchmal ging sie für ein Mittagsschläfchen nach oben, aber abends saß sie immer mit meinem Vater und meiner Mutter im Wohnzimmer, während ich oben unterm Dach laut Musik hörte.

Zimmer/Raum 2.1:
Es war auch das Zimmer, in dem K. sich die Pulsadern ritzte. Ein Signal, dass sie Unterdrückung und Gewalt nicht länger ertragen konnte. Der Hausarzt kam und spielte alles herunter. Sagte sinngemäß: "So ist das mit der Liebe manchmal." - Was hätte er sonst sagen sollen? Den Finger in die offenen Wunden einer familiären Katastrophe legen? - Nein. Er verklebte K.'s Wunden mit Heftpflaster und verabschiedete sich. Zurück bleibt dieses Bild: K. im Bett. Große Blutflecken auf der Bettwäsche. Verschämtes Wegsehen. Nicht verstehen. Schweigen.

Zimmer/Raum 2.2:
Letztes Jahr starb jemand in diesem Zimmer. Es war die Großmutter einer türkischen Familie, die in das Haus zog, nachdem meine Mutter und meine Tante ins Altenheim gezogen waren. Seit der vorletzten Jahrhundertwende hatten meine Großeltern und Eltern dort gewohnt.

Zimmer/Raum 2.3:
Wurde kopuliert? - Das entzieht sich meiner Kenntnis. Bei der allgemeinen Fortpflanzungsfreude der Menschen muss man jedoch davon ausgehen. Wer mit wem? - Das weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass während des Krieges bis in die frühen 50er Jahre ein ausgebombter Bäcker mit seiner Familie im ersten Stock wohnte. Das Zimmer war Teil ihrer Wohnung. Ich weiß, dass masturbiert wurde. Der Ausführende war ich selbst. Ich weiß auch, dass sich jemand fast 24 Stunden lang in regelmäßigen Abständen in einen neben das Bett gestellten Eimer erbrach. Das war Folge meines ersten und in dieser Intensität nie wiederholten Besäufnisses. Was in der Gegenwart in diesem Zimmer geschieht, weiß ich nicht. Meine Menschenkenntnis sagt jedoch, dass alles, was Menschen tun, auch in diesem Augenblick in diesem Zimmer geschieht.

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