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Ein Wintermärchen
von Thomas Achtzehner

Es war einmal vor langer, langer Zeit (Anmerkung des Autors: Dieses Märchen wird in schwarz/weiß geschrieben, da es vor langer, langer Zeit noch gar keine Farbe gab!) eine wunderschöne und liebevolle Prinzessin mit dem wundervoll klingenden Namen Claudiana. Sie lebte glücklich mit ihren Eltern auf dem Schloss Glückststein. Alle Menschen waren sehr zufrieden und glücklich unter der Führung des gütigen Königs.
     Eines Tages jedoch wurde dieses Glück getrübt. Der finstere Magier Schwundübel entführte die Tochter des Königs, um sie zu ehelichen und somit die Macht im ganzen Lande zu übernehmen.
     Die königliche Familie war am Boden zerstört und alle Menschen im Land waren verbittert darüber. In ihrer Not und Verzweiflung ließ die Königsfamilie überall im Land Plakate anschlagen, um einen wackeren Helden zu finden, der Claudiana aus den Fängen des finsteren Magiers befreien würde. Viele Ritter, Edelleute und Vorfahren der VW-Manager versuchten ihr Glück, doch niemand kehrte je zurück. Der König hatte die Hoffnung schon völlig aufgegeben, als eines Tages ein fremder Bauersgesell mit dem Namen Thomaso ins Land zog, um sich Papier (weiß, holzfrei, 80 g/m²) und Bleistifte zu kaufen. Er benötigte es für seine Theorien darüber, ob es eine raumzeitliche Krümmung in Abhängigkeit der Schwerkraft durch Einfluss roter Riesensterne gäbe. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes mal erzählt werden.
     Thomaso war ein unscheinbarer und sehr zurückhaltender Gesell mit einfacher Kleidung und einem sensiblen Charakter. Aber er war auch sehr intelligent (IQ: 147,5) und einfallsreich. Eines Tages also entdeckte er das Plakat jener wunderhübschen Prinzessin mit ihren wundervoll strahlenden Augen und ihrem so sinnlichen Mund. Leider konnte er sie nur in schwarz/weiß sehen, da es vor langer, langer Zeit noch keine Farbe gab. Aber trotzdem verliebte er sich sofort in sie, und er fasste nur noch einen Gedanken: dieses schöne Mädel zu retten.
     Die Menschen im Land lachten Thomaso jedoch aus, als er dem König versprach, sie heil zurückzubringen. Niemand glaubte diesem unscheinbaren und wenig furchteinflößenden Bauersgesellen, dass er es schaffen würde. Doch Thomaso ließ sich davon nicht beirren, packte seinen Rucksack mit einigen nützlichen Utensilien und zog hinaus in das Land des bösen Magiers Schwundübel.
     Das Land dieses finsteren Herren war düst und grau (weil es ja vor so langer, langer Zeit noch keine Farbe gab), und ein wenig mulmig war ihm schon zumute, als er die dunklen Wälder durchstreifte.
     Wie er so entlang des Weges ging, sprang plötzlich ein furchteinflößender Org aus dem Dickicht heraus und versperrte Thomaso den Weg.
     »Ich werde dich jetzt fressen!« rief dieser mit seiner gewaltigen Stimme und seinem mächtig übel riechenden Mundgeruch.
     Thomaso dachte einen Augenblick lang nach, dann antwortete er: »Das würde ich aber an deiner Stelle nicht tun!«
     »Wieso nicht?«
     »Weil fressen dumm macht!«
     »Das ist nicht wahr!« brüllte er verärgert zurück.
     »Ist es wohl!« antwortete Thomaso.
     »Ist es nicht!«
     »Ist es doch!«
     »Nein!«
     »Doch!«
     »Nein!«
     »DOCH!«
     »Willst du dich jetzt mit mir herumstreiten?«
     »Nein, aber ich kann dir beweisen, dass ich Recht habe!«
     »Wie denn?« wollte der Org wissen.
     »Naja, wann hast du zu letzt etwas gegessen?«
     »Hmm… vor etwa einer halben Stunde, wieso?«
     »Aha, hab ich’s mir doch gedacht. Also bist doch dumm!«
     »Stimmt ja gar nicht!«
     »Doch», rief Thomaso, holte ein Blatt von diesem holzfreien Papier aus seinem Rucksack und nahm seinen Bleistift in die Hand, »löse mir bitte folgende Rechenaufgabe: 775362,887 x 335,8897 : 22233,23 - (3334,674 : 328761,890 - 23333,2233 x 8989211,122 + (abx 88987333 + b) x 65 : c + a - 76,879) =?
     Der Org starrte auf das Papier. »Moment, gleich habe ich es!«
     Und er begann zu grübeln und zu grübeln. Er setzte sich schließlich hin, lehnte sich gegen einen Baumstamm und versuchte diese Aufgabe zu lösen.
     »Also 775362,887 mal 335,8897 sind… also… tja… nur noch einen kleinen Moment…«
     Thomaso schlich sich leise davon, während der Kopf des Orgs sich langsam in Rauch auflöste.

Einige Zeit später traf er auf einen schwarzen Ritter, der eine schwarze Rüstung trug (der Ritter musste ja schwarz sein, da es vor langer, langer Zeit ja noch keine Farbe gab).
     »Ich bin Gevatter Sensenmann, und du bist des Todes!« rief er zu Thomaso und hob sein wuchtiges Breitschwert über seinen Kopf.
     Thomaso sah ihn stirnrunzelnd an und kratzte sich am Kinn.
     »Was guckst du so komisch?« wollte der schwarze Ritter schließlich wissen.
     »Also ich vermute mal dein Schwert wiegt so an die 80 kg, stimmt‘s oder hab ich recht?«
     »82,5 kg, um es genau zu sagen», antwortete er und hielt sein Schwert immer noch schlagbereit über seinen Kopf, »warum fragst du?«
     »Also bei dieser Körperhaltung wird sich der Schwerpunkt deines Schwertes 50 cm hinter deinen Kopf verlagern. Nach deiner Statur zu urteilen, wird es daher in genau 3,5 Sekunden auf dich niederkrachen, da du es nicht mehr halten kannst!«
     »Wie? Was?« rief der Ritter und schaute nach oben. Im gleichen Augenblick fiel das Schwert auf ihn und schlug ihn bewusstlos (Anmerkung des Autors: Aufgrund der FSkfM (Freiwillige Selbstkontrolle für Märchen) wurden alle blutigen Szenen umgeschrieben) und brach grinsend zusammen.
     »Jetzt hat es sich ausgesenset!« schmunzelte Thomaso und setzte seinen Weg fort.

Noch viele Gefahren hatte er zu bestehen, bis er die düstere Burg des Magiers erreichte. Gerade wollte er am großen Tor anklopfen, als dieses sich auch schon vor ihm öffnete. Vor ihm stand Schwundübel und dahinter, auf einem Stuhl gefesselt die schöne Prinzessin Claudiana.
     »Ich werde dich jetzt in einen jämmerlichen Wurm verwandeln und dich zertreten!« rief Schwundübel und wollte gerade seinen Zauberspruch loslassen, als Thomaso plötzlich lautstark »Halt!« rief!
     »Was ist?« wollte Schwundübel wissen.
     »Einen Moment bitte!« antwortete Thomaso und legte seinen Rucksack ab. Dann öffnete er ihn und holte einen seltsamen Kasten heraus.
     »Was ist das?« wollte der Magier wissen.
     »Eine Fernbedienung!«
     »Was für eine Fernbedienung denn?«
     »Eine Fernbedienung für einen S/W-Fernsehapparat (Anmerkung des Autors: vor langer, langer Zeit gab es noch keine Farbfernsehgeräte)«, antwortete Thomaso und holte sogleich einen tragbaren, akkubetriebenden Fernseher heraus und übergab dem Magier die Fernbedienung.
     »Und jetzt?« wollte Schwundübel wissen.
     »Jetzt drücke die Taste zwei!«
     Und sogleich drückte er die Taste zwei und es erschien die Sendung »Heute singen wir mit Heino« auf dem Bildschirm.
     Voller Entsetzen riss Schwundübel seine Augen auf, rannte laut schreiend den Turm hinauf und stürzte sich aus dem Fenster.

»Mein Retter!« rief die schöne Claudiana freudestrahlend.
     Und Thomaso löste die schöne Prinzessin von ihren Fesseln, und sie war noch viel schöner als auf dem Plakat. Leider konnte er sie nur in schwarz/weiß sehen, da es vor langer, langer Zeit ja noch keine Farbe gab. So sehr wünschte er sich sie einmal in Farbe sehen zu können.
     Claudiana fiel dem schüchternen Thomaso um den Hals und drückte ihn ganz fest an sich.
     »Ich will ewig dein sein», rief sie mit verführerischer Stimme und drückte ihn noch fester an sich. Wild umschlungen küssten sie sich und Thomaso begann ihr Kleid…

Achtung! Dieser Teil wurde von der FSkfM zensiert und musste daher herausgeschnitten werden!

N (Farbe)eun Monate später gebar die schöne Claudiana zwei wunderschöne Kinder, einen Buben und ein Mädel. Thomaso war überglücklich über die Geburt seiner Kinder, und wenige Monate später machte er seine größte Erfindung: Die Farbe!
     Nun konnte er endlich seine wunderschöne Frau in Farbe sehen, und wenn sie nicht gestorben sind, dann schaut er ihr heute noch in ihre wundervollen Augen!

E N D E

© 1998 by Thomas Achtzehner. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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