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Der Supermarkt
Carsten Uekötter

WurstHallo, wissen Sie wo ich gerade herkomme? Aus dem Supermarkt. Ich liebe ja Supermärkte. Mit meinem kleinen Einkaufszettel in der Hand ging ich also los. Ich hab' mir gedacht: »Ach, es ist ja gerade erst 12 Uhr, da bin ich in einer Viertelstunde locker wieder raus«. Großer Fehler! Zuerst benötigte ich ein paar Scheiben Aufschnitt, also ging ich direkt durch bis zur Wursttheke. Dort begrüßte mich dann eine unerträglich gut gelaunte Verkäuferin, die selbst aussah, als würde sie am Abend alle nicht verkaufte Ware selbst aufessen, um sie vor dem verschimmeln zu bewahren. Und dort entwickelte sich dann der typisch deutsche Wurstthekendialog; ich glaub' das hört sich in jedem Supermarkt gleich an. Es gibt da so etwas wie einen Verhaltenskodex an der Wursttheke, der genau zu beachten ist. Zuerst wird man mit einem deutlichen »Bittschön« begrüßt. »Also ich hätt' gerne drei Scheiben von der Wurst mit dem grünen Etwas an der Seite, die vorne links. Nein, nicht die, das ist rechts, ich meine die linke«. Um die Verkäuferin nicht vollends zur verwirren, deutete ich noch mal mit dem Finger auf die Wurstsorte. »Ach so, Sie meinen den Münsterländer Hundeschinken mit Basilikumumrandung, der ist auch gerade heute frisch reingekommen« Und dann kommt der Satz, der an keiner deutschen Wursttheke fehlen darf »Darf 's ein bisserl mehr sein?« Und dann sagen sie mal »Nein, ich möchte genau 247g von dieser Wurst, nicht mehr und nicht weniger.« Und schon haben sie einen weiteren Freund fürs Leben gefunden. Sie beenden dieses Ritual mit dem Satz »Danke, das wär's« und verabschieden sich.

Dann erreichen Sie die letzte Hürde: die Kasse. Ich schiebe also meinen Wagen in die Kasseneinfahrt, als ich eine Stimme hinter mir höre: »Ich hab' nur ein Teil, darf ich vorbei, junger Mann?« Ich dreh' mich um und sehe einen ca. 90 Jahre alten Rentner, und da kann man natürlich nicht Nein sagen und lässt den älteren Herrn vorbei, in der Hoffnung, dass er die Bezahlung noch ohne Herzinfarkt übersteht.
     Der Mann hat eigentlich nur eine Dose Kukident in der Hand, und die Kassiererin sagt zu ihm das mache 4,99 DM. Und dann kommt der Satz, der mir jedes Mal den Angstschweiß auf die Stirn treibt: »Ich glaub' ich hab's passend.« Gesprochen von einer Person, die über 60 Jahre alt ist, hat er auf mich ungefähr die gleiche Wirkung wie eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt.
Pfennig     Und dann beginnt das Spiel: Langsam beginnt der Opa jedes Pfennigstück einzeln auf das Laufband zu legen. Ab und zu fallen auch ein paar Münzen auf den Boden, aber bevor der Opa dies bemerkt, habe ich schon meinen Fuß draufgestellt. Dann hab ich wenigstens nicht umsonst gewartet. Endlich ist der Opa bei 98 Pfennig angekommen, und da merkt er plötzlich, dass noch ein Pfennig fehlt und zwar genau der, auf dem ich gerade stehe. Also wird das ganze Geld wieder eingepackt, was wiederum einige Minuten in Anspruch nimmt, und mit einem 5 DM Stück bezahlt. Endlich bin ich an der Reihe. Ich lege also meine Sachen auf das wie immer verdreckte Laufband und warte bis die Kassieren alles eingetippt hat. Ich zahle mit einem 100 DM Schein, worauf mich die Kassiererin anschaut, als hätte ich gerade fünf Menschen ermordet. Höflich aber direkt sagt sie zu mir: »Haben sie 5 Pfennig klein oder 2 oder einen??« »Nein hab ich nicht, aber ist das große Ding, das da vor Ihnen steht, nicht eine Kasse? Oder täusche ich mich da? Mit Hilfe dieser technischen Errungenschaft sollten Sie doch in der Lage sein, einen 100 DM Schein zu wechseln??« entgegne ich der Kassiererin worauf ich einen weiteren Freund fürs Leben gewonnen habe. Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, wechselt sie denn 100 DM Schein und knallt das Geld mit voller Wucht in die dafür vorgesehene Schale. »Vielen Dank für Ihre Bemühungen und auf Wiedersehen!« sage ich noch und verlasse den Supermarkt. Es ist 13.00 Uhr.

© 2000 by Carsten Uekötter. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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