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Das ist kein richtiger Salat

eine Geschichte von Wolfgang Tischer

Ich gebe es ja zu, ich hatte das denkbar schlechteste Gewissen. Ich kam mir mies vor. Die Angst, gesehen und erkannt zu werden, war groß, und ich wusste es, aber dennoch tat ich es. Der Hunger war stärker, und dieser Weg schien mir der schnellste zu sein, um an etwas Essbares zu kommen. Jägerinstinkt. So betrat ich also mit dem bereits erwähnten schlechten Gewissen dieses Fast-Food-Restaurant.

Schon von außen hatte ich vorsichtig durch die Scheiben nach innen gelugt, um herauszufinden, ob da jemand drin sei, der mich eventuell kennen könne. Aber dann beruhigte ich mich mit dem Gedanken, dass, wenn da jemand drin wäre, der mich kennte, dieser wohl kaum einem Dritten davon erzählte, denn dann würde er sich ja selbst verraten. Es sei denn, er würde erzählen, dass er mich durch das Fenster gesehen hätte, so wie ich es sicherlich täte.

Ich muss wirklich nicht gut ausgesehen haben, als ich mich an dieser Art von Tresen anstellte, ständig bemüht, hinter irgendwelchen Leuten Deckung zu suchen und ständig um mich schauend, ob nicht vielleicht doch jemand hier sei, der mich kennt und dann alles aus ist.

»Hamburger«, zischte ich zu der Dame hinter dieser Art von Tresen, die ihr Gesicht hinter unzähligen Pickeln verborgen hatte. Als ich jenes Wort aussprach, da war mir, als würden mich alle Leute anschauen.

Ich bezahlte das in Pergamentpapier eingewickelte Ding und suchte mir dann einen strategisch günstigen Platz aus, um es zu essen, denn ich konnte damit unmöglich hinaus auf die Straße gehen.

So setzte ich mich also an einen Tisch, an dem man mich von draußen nicht sehen, von dem aus ich aber das Lokal gut beobachten konnte, um mich im Notfall in den Toiletten zu verschanzen.

Ich hatte mich gerade hingesetzt, den Hamburger ausgewickelt und machte mich nun daran, meinen Mund so weit zu öffnen, dass meine Zähne auch die weit auseinander klaffenden Brötchenhälften erwischen würden, da tippte mir jemand von hinten auf die Schulter.

Oh nein, durchfuhr es mich, und ich zuckte zusammen, jetzt haben sie dich, jetzt hat dich jemand erkannt, und der wird überall rumerzählen, dass du hier warst. Oh nein, diese Schande! So ein Mist, ich hätte doch besser eine Tafel Schokolade kaufen sollen.

Es war aber niemand, den ich kannte oder der mich kannte. Es war ein älterer Herr, der mir da auf die Schulter getippt hatte und der sich jetzt zu mir an den Tisch setzte, ohne mich zu fragen, ob da noch frei sei. Aber ich hätte auch gar nichts sagen können, denn der abgebissene Hamburgerbrocken musste sich irgendwo in meiner Luftröhre verkantet haben, und ich musste fürchterlich husten. Der ältere Herr schaute mich dabei mitleidig an.

»Das ist kein richtiger Salat«, sagte er, als ich schließlich zur Ruhe gekommen war und mir die durch den Husten in die Augen gestiegenen Tränen abwischte. Er musste wohl gemerkt haben, dass ich seine Worte noch nicht so recht aufgefasst hatte, und so sagte er erneut: »Das ist kein richtiger Salat.«

»B-Bitte?« Ich hatte die Situation immer noch nicht so richtig im Griff. Mir war nicht klar, worauf dieser Mann hinauswollte. Nebenbei bemerkt, schien er mir auch gar nicht in diese Art von Lokal zu passen.

Er deutete mit seinem Zeigefinger auf den nun vor mir auf dem Tisch liegenden Hamburger. »Darf ich mal?« Und ohne meine Antwort abzuwarten, nahm er den Hamburger und klappte die beiden Brötchenhälften auseinander. Mir war inzwischen jeglicher Hunger vergangen, und der Anblick des geöffneten Hamburgers ließ ihn auch nicht wieder aufkommen. Die picklige Dame hinter dieser Art von Tresen fiel mir wieder ein.

Der Mann zog mit Daumen und Zeigefinger das ziemlich welke Salatblatt unter dem Rindfleischstück hervor und hielt mir dieses vor die Augen.

»Wissen Sie, was das ist?« frug er mich in solch einem triumphierenden Tonfall, als ob jede nur mögliche Antwort auf seine Frage falsch wäre.

»Ich glaube, das ist ein Salatblatt«, antwortete ich nach bestem Wissen.

»Nein!« frohlockte er in einem noch triumphierenderen Tonfall. »Eben nicht! Schauen Sie, wenn Sie solch einen Hamburger essen, dann tragen Sie damit zur Zerstörung des südamerikanischen Regenwaldes bei, denn dies hier ...« - er schwenkte das grüne Etwas nun vor meinen Augen hin und her - »... ist das Blatt eines Regenwaldbaumes. Und nur, damit Sie so etwas auf ihrem Hamburger haben, wird in Südamerika der ganze Regenwald zerstört. Finden Sie das nicht unverantwortlich?«

Nun wurde mir endlich klar, was dieser Mann wollte und dass er irgendetwas missverstanden haben musste. Ich setzte also an, um ihm die wahren Zusammenhänge zu erklären.

»Hören Sie, Sie mögen ja Recht haben, wenn Sie sagen, dass der Verzehr von Hamburgern etwas mit der Zerstörung des Regenwaldes zu tun hat, aber es ist nicht wegen dieser Blätter, sondern wegen des Rindfleisches!«

»Aber ich bitte Sie, was hat denn Fleisch mit Bäumen zu tun?« unterbrach er mich.

»Ja, das ist auch etwas kompliziert. Schauen Sie, die Rinder müssen ja mit etwas gefüttert werden…«

»Ach so«, unterbrach er mich erneut, »Sie meinen, die Rinder werden mit den Regenwaldbaumblättern gefüttert?«

»Neinnein, das auch nicht. Die Rinder werden zum Teil mit Sojabohnen gefüttert und da war eben mal Regenwald, wo die jetzt angebaut werden. Und um die Anbauflächen zu vergrößern, wird immer mehr Wald gerodet, da der Waldboden auch nicht sehr nahrhaft ist. Verstehen Sie?«

Der ältere Herr schaute mich längere Zeit schweigend und mit nach oben gezogenen Augenbrauen an, dann zog er selbige zusammen, erhob sich und verließ das etwas andere Restaurant.

Ich schaute ihm verdutzt hinterher, und als ich auf die über den Tisch verstreuten Hamburgerreste blickte, da glaubte ich, auf dem Salatblatt einen dicken, exotischen Käfer zu erkennen, aber als ich erneut hinschaute, war er verschwunden und Sekunden später auch ich.

© 1989 by Wolfgang Tischer. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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