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Ich bin

von Sascha Raubal

Ich werde ein Held sein. Ich werde meinen Auftrag erfüllen, und dann werde ich ein Held sein. Ich habe lange genug trainiert. Zwei Jahre lang habe ich trainiert, gebetet und wieder trainiert. Jetzt bin ich reif für meine Aufgabe. Heute.
Heute werde ich ein Held sein. Meine Ausbilder werden stolz auf mich sein. Meine Freunde werden mich bewundern. Meine Eltern werden Gott danken, dass er ihnen einen Sohn wie mich geschenkt hat. Einen Helden.

Da kommt der Bus. Bald. Bald ist es so weit. Niemand ahnt etwas. Gott ist mit mir. Ich werde ein Held sein. Hoppla! Das Kind. Das dumme Gör! Schaut mich mit seinen großen, unwissenden Augen an. Geh mir aus dem Weg!

So, hier sitze ich also. Einer unter vielen. Ich falle gar nicht auf. Viele im Bus haben etwas in einer Plastiktüte dabei. Meine Ausbilder sind klug. Sie haben mir das richtige Rüstzeug mitgegeben. Keiner hat mich in Verdacht. Diese Ahnungslosen!

Dieses Kind schon wieder. Seine großen, braunen Augen sehen mich an. Warum schaust du mich so an, du Wurm? Was denkst du?

Die Tüte liegt unter dem Sitz. Niemand wird sie finden, ehe es zu spät ist. Dummköpfe! Gott wird euch für eure Vermessenheit strafen. Durch mich wird er euch strafen. Durch mich, seinen auserwählten Krieger. Ich bin ein Held. Wisst ihr das? Ein Held!

Wieviel Uhr ist es? Oh ja, da vorne ist die Haltestelle. Den Knopf drücken, dann nichts wie raus. In einer Minute ist es so weit. Was ist denn, warum dauert das so lange? Nun fahr schon hinein!

Das Kind wieder. Warum lächelst du mich an? Weißt du nicht, dass du einen Krieger vor dir hast? Einen Krieger lacht man nicht an. Ein Held verdient Respekt.

Gott, was ist denn los? Was macht der alte Trottel da auf der Straße? Noch zwanzig Sekunden. Geh aus dem Weg, Alter, und lass den Bus in die Haltestelle! Ist das heiß hier!

Die Tüte liegt hinten. Ich gehe ganz nach vorne, da bin ich am sichersten. Warum rennt mir denn dieses Gör nach?

Noch zehn Sekunden. Ja, geh zurück zu deiner Mami, du Zwerg mit deinem breiten Lachen und deinen freundlichen, ahnungslosen Augen!

Endlich! Die Tür geht auf. Keine Sekunde zu früh. Raus hier!

Zu spät.

Gott, tut das weh! Mein Kopf dröhnt wie eine Trommel.
Wer schreit da so? Der Fahrer hat auch einiges abgekriegt. Er schreit wie ein Lamm beim Schlächter..
Meine Schulter tut so weh. Die ganze Seite brennt wie Feuer. Das ist der Preis, den ich zahlen muss. Der Preis, ein Held zu sein. Ich bin ein Held.
Sieh mich an Welt, ich bin ein Held Gottes.
Sieh mich an, Gott! Ich bin dein Held!

Das Kind? Wieso schaut mich dieses Kind schon wieder an?
Wie kommst du hierher? Du warst doch ganz hinten im Bus.
Muss wohl die Wucht gewesen sein.
Es schaut mich an mit seinen großen Augen. Jetzt lachen sie nicht mehr. Sie zeigen Angst, Schmerz, Unverständnis.
Jawohl, blicke mit Furcht auf mich, denn ich bin ein Held!
Warum läufst du nicht zu deiner Mami? Warum steht dieses Balg nicht auf und...
Weil es keine Beine mehr hat. Da sind zwei zerfetzte Stümpfe, aus denen läuft Blut.
So viel Blut! Mein Gott, wie viel Blut ist denn in einem so kleinen Körper?
Das Kind schaut mich an. Nein, es schaut mich nicht an, es schaut durch mich hindurch. Sieh mich gefälligst an! Sieh mich an, ich bin ein Held!

Die großen Augen sehen niemanden mehr an. Nie mehr. Sie sind zerbrochen.

Ich habe das getan.
Wer bin ich, mir das Recht dazu zu nehmen?
Wer bin ich, diese Augen zu zerbrechen?

Gott! Wer bin ich?




© 1996 by Sascha Raubal. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten. Schauen Sie doch auch mal auf der Homepage von Sascha Raubal vorbei.


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