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Gambas

von Gerd J. Winkeltau

"Die nächste Portion, bitte!" Trotz der enormen Geräuschkulisse im überfüllten Restaurant "24 Horas" in der südamerikanischen Küstenstadt durchdrang eine hohe, aber feste Stimme den Lärm, und der in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes Geschäftigkeit und Überlastung demonstrierende Kellner konnte sich nicht darauf herausreden, es nicht gehört zu haben. Alle hatten diese Sensation vernommen und augenblicklich wurde es still. Die anderen Gäste blickten gespannt in die Richtung, aus der die Stimme kam, und die Buchmacher unterbrachen ihr lautstarkes und geschäftiges Treiben, um mit der neuen Portion den Wettkurs neu zu berechnen.

Sie waren Zeugen eines Kampfes und dieser Kampf war besser als die blutrünstigen Hahnenkämpfe, die sie allsonntäglich besuchten, um ihre eigenen Illusionen zu verspielen. Dieser Kampf war der Kampf zweier Menschen. Die Gegner standen fest: In der einen Ecke der kulinarischen Arena stand der Champion: Señor Ramon da Silva Rodriguez-Peron, Besitzer des Restaurants. Ein korpulenter, ewig schwitzender Patron, den noch nie jemand ohne sein nasses Schweißtuch in der rechten Hand gesehen hatte. Der Herausforderer mit der hohen Stimme war in dem Gewühl nicht auszumachen. So sehr Fremde die Hälse auch reckten, um dem Spektakel beizuwohnen, welches sich wie ein Lauffeuer bis weit über die Grenzen der Kleinstadt hinaus verbreitet hatte - das Gesicht zu dieser ungewöhnlich hohen Stimme war nicht zu erkennen. Ratlos und neugierig versuchten die Zuschauer sich vom Rand des Geschehens durch die Menschenmenge ins Zentrum zu schieben, um denjenigen zu sehen, der es wagte, den Patron herauszufordern. Wie immer in solchen Situationen verbreiteten sich die ersten Gerüchte unter den Auswärtigen: Ein entfernter Verwandter des Patron, verarmt und lange im Urwald verschollen geglaubt, sei überraschend zurückgekehrt, um eine alte Rechnung zu begleichen, raunten sie sich hinter vorgehaltener Hand zu. Frauen, die schon längst keine Illusionen mehr hatten, erinnerten sich an verstaubte und verblichene Bilder ihrer Blütezeit und wussten den Grund für das verwandtschaftliche Zerwürfnis: eine Frauengeschichte, die tragisch endete, weil der Anlass des Streites, eine wunderschöne, aber entehrte Frau, Selbstmord beging und der Verwandte des Patron im Kampf mit ihm schwer verwundet wurde. Er verlor die Mannesehre und verschwand, um durch die hohe Stimme nicht unablässig auf diesen Makel hinzuweisen. Er entsagte gezwungenermaßen den weltlichen Dingen und ging in den Urwald, um nur noch mit den Tieren zu sprechen, die sich an der Frequenzlage seiner Stimme nicht störten. Nun war er nach Jahren zurückgekehrt.

So wuchs und wucherte in kürzester Zeit in dem schmucklosen Restaurant ein bunter, nach Leben, Liebe und Schicksal duftender Dschungel aus Gerüchten, aus Fantasien und Sehnsüchten.

Señor Ramon da Silva Rodriguez-Peron rodete ihn, indem er sich einen Weg durch die Menge bahnte, hin zu dem Tisch, an dem sein Herausforderer saß. Durch die Gasse, die so entstand, konnte man, wenn man günstig platziert war, einen Blick auf den Gegner erhaschen - und war enttäuscht: an dem Tisch saß ein 13-jähriger Straßenjunge.

"Hör jetzt auf zu essen und geh' nach Hause, du ruinierst mich! Willst du das? Das ist schon die elfte Portion!" Zum vierten Mal hatte der Patron diesen Bittgang an den Tisch unternommen, an dem Santiago Nascimento Guillermos saß und aß, als gelte es tatsächlich den Besitzer dieses Restaurants zu vernichten.

"Gambas, so viel ihr mögt", hatte auf einem großen Transparent gestanden, das vom Restaurant quer über die Hauptstraße zur gegenüberliegenden Polizeistation gespannt war. Eine Werbeaktion, um den Gästeschwund aufzufangen, der sich gegen Ende der Saison bemerkbar gemacht hatte. Die Schuld daran gab Señor Ramon den Straßenkindern, diesen Habenichtsen, die ihm die letzten Touristen vergraulten. Die ausgemergelten Kinder kamen immer zur besten Essenszeit. Plötzlich standen sie da und stellten sich neben einen reich gedeckten Tisch, an dem sich die Touristen Berge von Fleisch und Meeresfrüchten einverleibten. Die Kinder taten nichts Ungesetzliches, aber das sei ja gerade das Schlimme, lamentierte der Patron. Sie standen einfach da mit ihren ernsten Gesichtern und ihren großen, hungrigen Augen und starrten auf das Essen. Wenn sie wenigstens die Gäste angesprochen oder angebettelt hätten dann hätte er eine Handhabe gehabt, sie zu vertreiben. Aber sie standen einfach stumm da und sahen auf die Teller. Ihre zerrissenen Hosen und die durchlöcherten Pullover hingen an ihnen wie die Kleider an einer Vogelscheuche. Sie wagten sich natürlich nicht in das Innere des Restaurants, denn da hätte er sofort die gegenüberliegende Polizeistation informiert. Sie standen immer draußen auf dem Bürgersteig, dort wo er ein paar Tische für die Touristen aufgestellt hatte.

Der Pauschalpreis für die Gambas war ein kleiner Trick, auf den Señor Ramon in den Zeiten der Flaute gern zurückgriff. Die meisten Touristen schafften nur zwei, höchstens drei Portionen und damit kam er nicht nur auf seine Kosten, sondern verdiente auch noch Einiges. Im Preis war ein Glas Wein nach Wahl enthalten und natürlich Wasser, das er kostenlos nachschenkte. Die meisten Touristen aßen zu schnell und schon ab dem zweiten Teller bestellten sie viel Wein nach, um, wie sie meinten, die Schalentiere aus dem Magen zu spülen. Wieder ein Fehler, denn wenn man viel trank, blieben die Meeresfrüchte noch länger im Magen und die Touristen waren bald so satt, dass sie aufgaben. Die richtige Philosophie des Essens großer Portionen kannte wohl nur jemand, der wusste, was wirklicher Hunger ist. Die Satten hatten sie schon lange verlernt. Deshalb konnte er diesen Trick auch nur in der Touristensaison anwenden. Die Einheimischen wussten, wie man große Mengen vertilgen konnte und deshalb kam er bei ihnen nicht auf seine Kosten.

Und nun versuchte dieser hergelaufene, verlotterte Knirps ihn zu ruinieren. Am letzten Tag der Saison. Señor Ramon schwitzte noch stärker als üblich. Tropfen bildeten sich auf der hohen Stirn, lösten sich, rannen über die Wangen, vereinigten sich mit anderen Rinnsalen von den Schläfen und der Nase zu Bächen, die über das doppelte Kinn flossen und sich am kurzen Hals zu Strömen vereinigten, die ein Meer suchten, das nicht da war. Immer wieder versuchte er, mit dem schon glänzend nassen Taschentuch diesen Fluss einzudämmen und auszutrocknen. Eine Sisyphusarbeit.

Die Erfahrung mit den Touristen hatte ihn leichtsinnig gemacht und verführt, diesen Preis auszusetzen: Wer 12 Portionen schaffte, bekam ein Jahr lang jeden Tag ein warmes Essen und ein Glas Wein umsonst und - das war der Grund für seine zunehmende Nervosität - hunderttausend Pesos in bar. Fünf Portionen waren bisher das höchste gewesen. Nur ein einziges Mal hatte einer dieser ausgemergelten Einheimischen sechs Portionen geschafft - und war danach wochenlang krank gewesen. Der Patron hatte den Preis so hoch angesetzt, weil er nie im Leben geglaubt hatte, ein menschliches Wesen könne eine solche Menge vertilgen. Andererseits lockte ein solch hoher Preis viele Gäste an, einen Rekordversuch zu wagen und das Geschäft besserte sich.

Und nun das! Diese Vogelscheuche, dieses ausgemergelte Skelett bestellte schon die elfte Portion. Und er machte keine Fehler. Er aß so langsam, dass er fast zwei Stunden für eine Portion brauchte und trank nur wenig Wasser.

"Ich mache dir ein Angebot", Señor Ramon versuchte, den drohenden Ruin abzuwenden, "Wenn du nach dieser Portion aufhörst, darfst du ein Jahr lang bei mir umsonst essen. Jeden Tag ein warmes Essen und ein Glas von meinem guten Wein."

Die Buchmacher im hinteren Teil des Restaurants heulten auf wie ein Rudel ungerecht behandelter Straßenhunde. Noch schwebten die Seifenblasen eines großen Gewinns durch den Raum, aber man sah auf den schillernden Farben ihrer Oberfläche schon die ersten schwarzen Kreise als Zeichen des bevorstehenden Zerplatzens.

"Die nächste Portion bitte," war die unbeirrte Antwort Santiagos, der mit seinen großen Augen fest in das Gesicht des schwitzenden Restaurantbesitzers blickte. Jubel kam auf und alle klatschten. Die neuen Kurse wurden von den Buchmachern verkündet. Señor Ramon blieb nichts anderes übrig, als zähneknirschend die nächste Portion zu servieren.

Nachdem die Wirklichkeit das Restaurant vorübergehend auf das reduziert hatte, was es war, nämlich eine schäbige Räumlichkeit mit ehemals weiß getünchten, nun aber schon lange verräucherten, und schmierig-gelblich belegten Wänden, begann nach der Lieferung der neunten Portion der Dschungel der Gerüchte erneut zu wuchern. Er kroch in satten Grüntönen die Wände empor, hielt sich an fast unsichtbaren Unebenheiten und Rissen der Wand, umschlang die Lampen und strebte zur Decke. Dazwischen seltsame Blüten in allen Farben des Regenbogens. Manche zart und cremefarben, fast verblichen, romantisch anmutend ("Das Kind soll ein unehelicher Spross aus der bewegten Jugendzeit des Patron sein, den er nicht anerkannt hat und der nun Rache üben will"), manche in kräftigem, fast bäuerlichem Rot ("Das ist ein Klassenkampf! Das ist Politik!").

Wie immer waren nur winzige Körnchen Wahrheit in der üppig wuchernden Flora der Fantasie verborgen. Tatsächlich war es eine persönliche Motivation, die Santiago Nascimento Guillemin bewegte.

Nur das Äußere dieses Dreizehnjährigen erinnerte noch entfernt an ein Kind. Ohne Chance, jemals ein Kind zu sein, war er schon mit sechs oder sieben Jahren erwachsen geworden. Nun, mit dreizehn, war er in der Mitte seines Lebens. Kaum einer von seinen Freunden war älter als 25 geworden.

Seinen Vater kannte er nicht, seine Mutter war Alkoholikerin gewesen und froh, ihn sobald wie möglich loszuwerden. Er hatte sie vergessen. Aufgewachsen in den Slums, den Favelas, war das Leben für ihn schon immer ein Kampf ums Überleben gewesen. So sehr, dass er sich eine beschützte und unbeschwerte Kindheit gar nicht vorstellen konnte. Von Anfang an stand das Ziel fest. Und da alle anderen in den Favelas das gleiche Ziel hatten, waren die Mittel ebenfalls festgelegt: Kampf auf Leben und Tod. Ein Kampf, der den Alterungsprozess rapide beschleunigte und das Leben komprimierte. Man schaffte es nur, wenn man ein spezielles Talent besaß, von dem die Anderen profitieren konnten, und sich zu einer Bande zusammenschloss. Sein Spezialgebiet war das Betteln. In dieser Disziplin hatte er es zu etwas gebracht. Er kannte alle Tricks. Es gab kaum einen Tag, an dem er den anderen Bandenmitgliedern nicht etwas zu Essen oder ein paar Münzen einbrachte. - Bis der Patron den Straßenkindern den Kampf angesagt hatte. Und diesen Kampf beschränkte er nicht nur auf sein eigenes Territorium des Restaurants, sondern er hatte eine Kampagne in der gesamten Stadt angezettelt, zusammen mit den anderen Geschäftsleuten und der Polizei. Die Erwachsenen hatten sich gegen die Kinder verbündet. Dies und die Tatsache, dass Santiago sich persönlich in seiner Bettlerehre verletzt fühlte, waren die Beweggründe dafür, die Herausforderung anzunehmen. Es waren die Motive eines Erwachsenen, der in einem Kinderkostüm steckte.

Wenn Santiago von einer Sache überzeugt war, ging er sie konsequent an und plante sorgfältig und genau. Er bedachte jede Kleinigkeit und bereitete sich gründlich vor. Der Zeitpunkt des Angriffs war perfekt gewählt: der letzte Tag der Aktionswochen. Ein paar Touristen würden da sein, damit der Patron ihn nicht über's Ohr hauen konnte. Gewann er, musste der Patron ihm den Preis geben, wenn er die Touristen nicht verlieren wollte. Außerdem würden an diesem letzten Tag viele Einheimische da sein, und auf deren Unterstützung konnte er zählen. Wenn er erst die fünfte oder sechste Portion geschafft hatte, würden weitere kommen, um ihn zu unterstützen. Er war der vermeintlich Schwächere und sie würden alle auf seiner Seite sein. Ein weiterer Vorteil war, dass das Restaurant 24 Stunden geöffnet war. Das war eine wesentliche Voraussetzung für seinen Plan. Nach seinen Berechnungen konnte man es nur schaffen, wenn man etwa zwei Stunden für eine Portion einplante. Das wären 24 Stunden, die er für den Sieg benötigte. Er müsste um zwei Uhr morgens beginnen, denn die letzte Portion hatte er für 24 Uhr festgesetzt. Aber natürlich machte er sich keine Illusionen darüber, dass es ein anstrengender Kampf sein würde. Er war zwar immer hungrig, aber zwölf Portionen waren ohne Training auch für ihn zu viel. Der Trainingsplan, den er erarbeitet hatte, war sorgfältig erstellt. Er begann damit, einige Tage zu hungern und nur Wasser zu trinken. Sein Essen sparte er sich in einem Versteck auf, um nach den Hungertagen an den größeren Portionen zu trainieren. Leider waren die Portionen oft nicht groß genug, um auch diesen Teil des Trainingsplanes zu erfüllen. Um so eifriger hielt er die Hungertage ein und steigerte sie regelmäßig. Er hatte sich vorgenommen, sie vor dem Wettkampf bis auf drei Wochen auszudehnen - und er hatte es geschafft. Natürlich hatte der Trainingsplan Spuren hinterlassen, die nicht zu übersehen waren. Er bestand nur noch aus Haut und Knochen und seine Kleider waren ihm zu groß geworden. Die Hose musste er immer enger zusammenbinden, damit er sie nicht verlor. Das Hemd warf zunehmend Falten und wärmte ihn nachts nicht mehr. Er fror manchmal schon in den frühen Abendstunden. Aber er blieb fest und seine Augen, die in dem eingefallenen Gesicht noch größer und noch dunkler wirkten, glänzten fiebrig. Das Hauptproblem war, das Geld für den Pauschalpreis zusammenzubekommen. Selbst unter Zuhilfenahme aller Tricks war das lange nicht zu schaffen gewesen. Erst als er die Mitglieder seiner Bande überreden - und nachdem er ihnen seine Nahrungsmittel während der Hungertage geschenkt hatte - auch überzeugen konnte, klappte es. Sie besorgten das Geld und baten zu diesem Zweck einen Touristen um seine Mithilfe. Trotz nur leichter Bewaffnung der Bande war er sofort dazu bereit.

Die zwölfte Portion!

Mittlerweile waren Musiker eingetroffen, um das Spektakel gebührend zu untermalen. Die Menschen drängten sich bis auf die Straße. Kinder, schon eingeschlafen, wurden geweckt, damit sie ihren Kindern später davon erzählen konnten. Die Buchmacher hatten noch einmal kurz aufgeheult, als Señor Ramon seinem Kontrahenten 365 Essen inklusive der Getränke und 10.000 Pesos angeboten hatte, wenn er auf die zehnte Portion verzichtete, aber Santiago war hart geblieben. Das Volksfest näherte sich seinem Höhepunkt und wurde immer ausgelassener. Kurz vor dem Gipfel mischten sich in diese Fröhlichkeit sentimentale Gefühle. Frauen bekamen feuchte Augen, wenn sie voller Stolz an ihren kleinen, starken Herausforderer dachten. Männer fielen sich alkoholisiert in die Arme, und begannen, Geschichten zu erzählen, in denen sie die Niederlagen ihrer Kindheit in heldenhafte Siege ummünzten. Und wieder wucherte der Dschungel und er verblasste nur kurz, als draußen die ersten Feuerwerkskörper von denen, die nicht warten konnten, gezündet wurden. Drinnen begannen alle, die noch zu verzehrenden Gambas laut mitzuzählen.

Noch 24 bis zum Sieg.

In der allgemeinen Euphorie war der Zustand des Kämpfers unwichtig geworden, der, wenn man ihn näher betrachtete, eine seltsame Abgeklärtheit aufwies. Das Essen selbst war für ihn zu einem mechanischen Akt geworden. Die Hand ging automatisch zum Teller, nahm eines dieser roten Meerestiere, brach und schälte es, führte es unbewusst zum Mund und kaute mechanisch nach einem vorbestimmten Rhythmus. Alles passierte wie in Trance. Distanziert und wie neben sich stehend beobachtete er fast belustigt diesen absurden Vorgang der Nahrungsaufnahme.

Noch zwölf.

Während der langen Fastenperioden hatte er anfangs nur nachts, später auch tagsüber Hungerträume erlebt. Zunächst hatte diese Trugwelt das Leiden vergrößert. Die Vorstellung von Essbarem hatte ihn den Hunger umso deutlicher spüren lassen. Ein körperlicher Schmerz setzte sich nach jedem geträumten Stillleben in seinen Eingeweiden fest und knurrte und wütete in seinem Bauch. Es gab Tage, an denen er diesen Schmerz nicht mehr aushielt - den von ihm zehrenden Kannibalen, der ihm mittlerweile nicht nur den Schlaf raubte, sondern auch jedes Wachsein unerträglich machte. Er wusste, dass mit jedem Bild der Schmerz größer wurde und hoffte, dass seinem Gehirn irgendwann die Bilder ausgingen. Aber sie kamen, so sehr er sich auch dagegen wehrte, mit peinigender Regelmäßigkeit zurück. Schließlich konnte er Träume und Wirklichkeit nicht mehr auseinander halten.

Plötzlich jedoch wandelte sich die Qualität der Träume. Die Bilder von Gebratenem, Gekochtem, Gegrilltem, Gedünstetem, frischen Früchten und schweren Nachspeisen bereiteten ihm keine Schmerzen mehr, sondern sie machten ihn satt. Er träumte von den köstlichsten Leckerbissen, und das rebellierende Tier in ihm wurde zahm. Er träumte von schweren Fleischgerichten mit fetten Soßen und nichts blieb, als ein leichtes Völlegefühl, eine nie vorher erlebte Ahnung der Übersättigung. Er träumte von Wein und taumelte beschwingt durch die nächtlichen Straßen, und versuchte verschämt, einen Schluckauf zu unterdrücken. Er brauchte kein Essen mehr.

Noch sechs.

Deshalb konnte niemand seine heutigen Qualen ermessen, als mit den ersten Portionen des wirklichen Essens plötzlich wieder dieses Ungeheuer in ihm erwachte und in den Trümmern seines Verdauungstraktes nach Resten suchte, die vernichtet werden mussten. Aber auch diesen Kampf gewann er, das Tier hatte nach der sechsten Portion aufgegeben. Er fiel wieder in den alten Zustand zurück. Das Essen konnte ihm nichts mehr anhaben. Es war zu spät. Er stand neben sich, sah sich bei dem nun auf einen rein mechanischen Akt reduzierten Vorgang des Essens zu. Das Leben, in das er nun trat, bedurfte nicht mehr solcher Mittel.

Das letzte Schalentier.

Er stand in einem langen, dunklen Tunnel durch den er hindurch musste. Aber das Ziel war nicht so einfach zu erreichen. Um ihn herum war keine Luft, sondern ein fremdartiges, zähflüssiges Medium. Jede Bewegung wurde bis zur Einzelphase verlangsamt, sodass er sich wie ein bleibeschwerter Taucher auf dem Meeresgrund vorkam. Es war mühsam, weil er nur langsam vorankam. Alles geschah wie in Zeitlupe und er musste gegen unsichtbare Widerstände kämpfen. Aber an der unendlichen Ruhe, die dort herrschte, erkannte er, dass es der richtige Weg war. Endlich war das Ende des Tunnels erreicht und plötzlich wurde er von einem schneeweißen, gleißenden Licht geblendet. Nach einer kurzen Gewöhnungsphase bemerkte er, dass es überraschenderweise nicht unangenehm war. Es war warm und er fühlte sich geborgen. Er hatte das Gefühl, am Ziel einer langen und beschwerlichen Reise zu sein. Endlich angekommen. Endlich befreit von der Mühsal des Essens, des Bettelns, des Kämpfens - des Lebens. Ein wohliges Gefühl kroch in ihm empor, das mit dem Vergessen seines Körpers zusammenfiel. Er fühlte sich leicht und beschwingt. Eine Störung trat noch für einen kurzen Augenblick ein, so als würde er rhythmisch in die Luft geschleudert, so wie man einen Sieger nach dem Kampf hochleben lässt. Es schmerzte nicht und die Erschütterungen erinnerten ihn nur an den verlorenen Körper und störten kaum seine innere Harmonie. Dann hörten auch die Erschütterungen auf....

© 1996 by Gerd J. Winkeltau. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten.


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