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Briefe aus dem Exil
Du Land der Bayern!

von Martin Goldmann

Wer in München lebt, hat Probleme - vor allem dann, wenn er nicht dort geboren ist. Die ganze Stadt ist voller Bayern und solchen, die es noch werden wollen. Und die lassen es Sie auch merken. Die Mundart wird gepflegt. Wenn jemand mit rheinischem Akzent »Pfüahrt dich!« haspelt, weiss man, man ist irgendwo in der Münchener S-Bahn. Denn hier versuchen »Zugroaste« einen Crashkurs in Bayerisch durchzustehen:

Teil 1: Macht und Murmeln der S-Bahn-Fahrer

»Nessteschdadonvodaschden« sagt der Fahrer - unter einer Stationsansage stelle ich mir etwas entschieden anderes vor. Ich sitze verzweifelt in der S-Bahn, mein Buch fest umklammert. Neben mir eine schnaufende alte Frau. Sie hat sich vorhin auf meine Jacketttaschen gesetzt. Es ist jedes Mal dasselbe. Ich ziehe die Taschen unter dem Hintern meiner Nachbarin vor und freue mich, dass ich keine Brille in der Tasche habe. Verstohlen sehe ich mir das Gesicht der Dame an. Alt! Geschminkt. Dezent, nicht zu aufdringlich. Anscheinend nicht arm. Sie trägt einen grünen Lodenmantel und einen Hut mit einer Feder. Försterlook. Sind hier alle aus dem Silberwald? Die Frau brummelt eine Entschuldigung.

»Boldam« schnappe ich gerade noch auf. Muss ich hier schon aussteigen? Die S-Bahn-Fahrer machen sich einen Spaß daraus: An einem Tag sind sie so laut, dass selbst die schlafenden Pendler kurz aufschrecken, sich an der Nase kratzen und wieder einnicken. Aber dann, und immer genau dann, wenn man auf ein klares Wort angewiesen ist, lehnen sie sich in ihrer Kabine ein gutes Stück zurück, drücken den Sprechknopf und flüstern den Stationsnamen auf gut bayerisch. Wer's nicht versteht hat Pech. Nachfragen gilt nicht. Selten versteht man, welche Beschwörungsformel er verwendet, bevor sich die Türen wie von Geisterhand schließen, oft wundert man sich über seltsame Ansagen, die auf den ersten Lauscher nichts damit zu tun haben, wo die S-Bahn demnächst halten wird. Dann gibt es noch die freundlich brummelnden Frauenstimmen in den S-Bahnhöfen. Nach einiger Zeit komme ich darauf, was sie wollen: Betriebsstörung! Immer schon behoben, bevor sie auftritt, dennoch können leichte Verzögerungen entstehen.

»sonndin - Endstation!« Der Fahrer scheint sich aus seiner entspannten Haltung gelöst zu haben und sich nun wieder dem Mirkofon zu nähern. Nichts wie raus hier! Ab ins Auto. Hier verstehe ich wenigstens meinen Motor. Der darf brummeln!


Teil 2: Wiesnzeit in der S-Bahn

Die S-Bahn ist ein Medium, ein Füllhorn kultureller Erlebnisse. Es ist ein alle Sinne stimulierendes Abenteuer mit ihr zu reisen. Viele Bücher, unglaubliche Mengen Frauenzeitschriften und einen gigantischen Berg Zeitungen verschlingen brave Münchener-Umgebungsbürger täglich auf der Fahrt in die bayerische Metropole, die keiner will.

Je nach Qualität und Niveau des Schriftstücks zeigt man offen-selbstbewusst den Spiegel oder liest in dem schüchtern nach hinten umgeschlagenen Groschenroman. Tapfere Förster, schneidige Grafen, heiße Romanzen und verlogene Politik. Alles wird hier umgeschlagen, aufgeschlagen, eingelesen.

Feierabend. Hundemüde. Langes Wochenende gewesen. Douglas Adams. Dirk Gently, der Held, versucht seit Berg am Laim an Zigaretten zu kommen. Ein stechender Duft zieht in meine Nase - Alkohol. »Gooott miit Düür, du Looond der Bayerrn« - Wiesnzeit. Ein Volk betrinkt sich. Dirk ist ein Held, ich nicht. Er schafft es gerade einem Adler zu entkommen. »Jooo, däs gonze Gschwärrl, do die Ausländer die preissischen...«, mist, ich weiss nicht mehr wo ich war. Dirk muss nochmal Zigaretten suchen gehen. Scheiße, ich darf nicht daran denken, dass das Bayern sind! Bloß keine Vorurteile; »...über ooollles inner Welt üüüber alles...«, München ist in! Immer up-to-date und neuen Stimmungen aufgeschlossen, sagen die Münchener. Muss das sein? »Jo, kennts netamoi die Bayernhymne - Gschwerl, kumma no Minga oba und wia orbaitn für die, Schmarotza«. Meint der mich? Der mit seinem karogemustertem Schieber. Wie kommt so einer an ein schottisches Muster? Jeans, undefinierbare Jacke; und das in dreifacher Ausführung. Schnapsnasen. Wundere mich, wie viel die getrunken haben. Ein Volk, dass sich über die Preußenhalbe aufregt, aber nicht einmal einen Literkrug voll schenken kann. Und dann sich noch was auf sich einbilden - »Preissn aussi«. Ha! Jungs, ihr könnt's euch nicht vorstellen, aber ich wäre lieber heute weg als morgen. Nehmt Eure Alpen und das Dünnbier, und geht dahin, wo der Pfeffer wächst! Pech für mich - ich bin schon dort.

© 1990 by Martin Goldmann. Unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe - gleich welcher Art - verboten. Besuchen Sie Martin Goldmann auch auf seiner Homepage unter http://www.goldmann.de


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